Talkshow

Was ging beim … Polittalk mit Martin Horn in der Passage 46?

Gina Kutkat

Martin Horn trägt Turnschuhe zum Anzug und erzählt aus der Zeit, in der er ein "kleiner Revoluzzer" war: Freiburgs Oberbürgermeister war am Donnerstag Gast bei der Talkshow "Viertel nach Acht" in der Passage 46.

Der erste Eindruck

Kleiner Panikmoment zu Beginn: Nur, wer im Vorfeld Tickets gekauft hatte, durfte rein. Erkennbar waren diese Leute daran, dass sie große Papiertickets in den Händen hielten und stolz damit in der Luft wedelten. "Alle Leute mit kleinen Tickets müssen erst einmal warten", hieß es von dem strengen Herrn an der Tür. Drinnen dann die große Erleichterung: Es gibt doch genügend Platz für alle. Auch wenn der Andrang für die Talkshow "Viertel nach acht" groß war. Denn die beiden Gastgeber, JPG-Stadtrat Simon Waldenspuhl und Journalist Rudi Raschke, konnten den Freiburger Oberbürgermeister Martin Horn für ihren Talk gewinnen. "Der Mann, der Bier in Wählerstimmen verwandelte", kündigt Simon Waldenspuhl ihn an. Damit sind wir bei der...

Anmoderation des Abends

"Der Breisgau Macron. Der Mann, der alles kann, außer Badisch. Der aufrechte Retter der südwestdeutschen Sozialdemokratie. Salomons Endgegner." Und schon hüpft der 33-jährige OB leichtfüßig auf die Bühne. "Ich freue mich auf den Abend", sagt Martin Horn. Die Spitze gegen Salomon kann er allerdings nicht auf sich sitzen lassen. Aber dazu später.

Der Talkshowgast

Martin Horn ist an diesem Donnerstagabend seit 110 Tagen Oberbürgermeister der Stadt Freiburg. Mit dem Slogan "Gemeinsam Freiburg gestalten" und einem ambitionierten Wahlkampf schaffte er es an die Spitze des Freiburger Rathauses. Und das, obwohl er bis dato als Europa- und Entwicklungskoordinator der Stadt Sindelfingen arbeitete, wenig politische Erfahrung besaß und noch dazu parteilos ist. Wer ist dieser Mann? Wie ist er live? Das fragen sich seit seinem Amtsantritt im Juli viele Freiburgerinnen und Freiburger. In der Passage 46 zeigt er sich als redseliger und lockerer Gast, der am Ende Gummibärchen an die Moderatoren verteilt und ein Selfie mit ihnen schießt.

Er trägt einen blauen Anzug und dazu Sneaker. Erzählt, dass er als Jugendlicher Skateboard gefahren ist. Dass er ein "kleiner Revoluzzer" war, der auf Demos, aber auch in die Kirche ging. Der spießig aussehen "ok" findet, spießig werden "aber nicht". Horn beantwortet alle Fragen der beiden Moderatoren spontan und ausführlich. Er lässt sich bei keinem Thema in die Ecke drängen, und macht das so geschickt, dass man am Ende seiner Ausführung die Frage schon wieder vergessen hat.

Freiburg in drei Worten

"Wir beginnen mit einem Erdbeben und steigern uns dann langsam", kündigt Rudi Raschke seinen Plan für den Abend an. Als kleines Aufwärmspiel zwischendurch soll Martin Horn Freiburg mit drei Begriffen beschreiben. "Lebensqualität, besonders, frei", sagt der 33-Jährige. "Besonders schrullig?", hakt Rudi Raschke nach. Doch Horn lässt sich nicht von seiner Lobeshymne abbringen, betont mehrmals die "Weltoffenheit" der Stadt, deren Einwohner auch mal "out of the box" denken. Schwärmt von der hohen Lebensqualität, erzählt, dass er einmal die Woche an der Dreisam entlang ins Rathaus joggt.

Während man als Gast noch staunt und sich fragt, wie er das schafft, ist Horn schon beim nächsten Thema. "Ich habe mich explizit für Freiburg als Stadt entschieden", antwortet Horn auf die Frage, warum er in einer Stadt OB werden wollte, zu der er wenig Bezug hat. "Das war während eines Aufenthalts im Sommer 2017". Der Stadt sei er seit einem Urlaubsstopp immer verbunden geblieben. Als die Moderatoren das Wort "regieren" verwenden, unterbricht er sie. "Ich regiere die Freiburgerinnen und Freiburger nicht", sagt er, "ich nehme meine Rolle als OB aber sehr ernst."

Themen des Abends

"Ich fühle mich wie auf einer WG-Party", sagt ein Gast nach gut 45 Minuten Talkshow. Da erzählt Martin Horn gerade von seiner Abinote (2,6), seinen Reisen nach der Schulzeit (Botswana, Namibia), seinem Bachelor-Studium (Internationale Soziale Arbeit), seinem Master (European World Politics). Und tatsächlich nimmt der Small Talk einen zu großen Raum ein, bevor über Politik gesprochen wird. In diesem Block geht es dann endlich um die Freiburger Wohnungsnot, Digitalisierung, den Stühlinger Kirchplatz und das Lärmproblem in der Freiburger Innenstadt. Horn gibt zu, dass er "den Leerstandskataster" vergeigt hat, den er noch im Wahlkampf laut gefordert hat. Gesteht ein, dass er keine klare Lösung für die Problematik auf dem Augustinerplatz hat. Dass er das Modell eines Nightmanagers in Mannheim interessant findet und sich für Freiburg eine nächtliche Straßensozialarbeit vorstellen könne. Richtig ausgegoren ist diese Idee allerdings noch nicht, so der Eindruck.

Thema ist auch seine Social-Media-Strategie im Wahlkampf. Darauf angesprochen widerspricht Horn: "Das wurde krass überbewertet. Ich habe den Wahlkampf nicht gewonnen, weil ich Bilder auf Instagram gepostet habe. Sondern weil ich in die Stadtteile gegangen bin und mit den Leuten geredet habe." Ein Foto für Instagram gibt’s am Ende aber doch noch.

Auf was kann man verzichten?

Den Block zur Bundes- und Außenpolitik. Horn soll sich zur Bayern-Wahl und zum Israelkonflikt äußern, aber das sprengt dann doch den Rahmen. Stattdessen hätte man diese Zeit für Fragen aus dem Publikum nutzen können.

Die Gastgeber

Sie sind klug, informiert und nah dran am Oberbürgermeister. Fast zu nah im Falle von Simon Waldenspuhl, der als Freiburger Stadtrat oft mit Martin Horn zu tun hat. In seiner Moderatorenrolle bleibt er aber neutral und lenkt öfters ins Gespräch ein, was der Talkshow gut tut. Kleine Seitenhiebe gibt es auch von Journalist Rudi Raschke, der gekonnt durch das Format führt und gefühlt einfach das fragt, was er vom OB gerne wissen möchte. Stichwort Endreinigung: Da hatte Martin Horn auf einer BZ-Veranstaltung erzählt, dass er sich an seinem ersten Amtstag mit seinem Kernteam im OB-Büro traf, das noch nicht "endgereinigt" war. "Das war doch ein Seitenhieb auf Dieter Salomon", sagt Raschke. "Überhaupt nicht", erwidert Horn und amüsiert sich über den Eindruck, er wolle sich an seinem Vorgänger abarbeiten. "Ich wünsche ihm wirklich alles Gute". So bleibt das Gespräch lebendig, die wirklich kritischen Fragen bleiben jedoch aus.

Wer war da?

Die halbe Freiburger Medienwelt aus Print, Radio und Online. Vertreter der Interessengemeinschaft Subkultur, OB-Kandidatin Monika Stein, ein Teil des Wahlkampfteams von Martin Horn, Theaterintendant Peter Carp, Finanzbürgermeister Stefan Breiter. Wider Erwarten wenig junge Leute – denn gerade unter Studierenden war Martin Horn im OB-Wahlkampf Favorit.

Kassensturz

"Ein Skandal, dass ich acht Euro zahlen muss, wenn ich den OB sehen möchte", ruft ein Besucher erzürnt am Ende des Abends. "Das ist eine Talkshow und somit Kultur, da kann man schon mal ein bisschen Geld für ausgeben", sagt Simon Waldenspuhl und erledigt ist das Thema.



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