CSD

Was ging beim … Christopher Street Day 2018 in Freiburg?

Valentin Heneka

Für Akzeptanz und Gleichstellung, gegen Diskriminierung, Gewalt und Rechtspopulismus: Rund 8000 Menschen sind am Samstag mit lauter Musik und bester Laune durch die Freiburger Innenstadt gezogen.

Der erste Eindruck

Schon mehrere hundert Meter vor dem Platz der Alten Synagoge fällt auf, dass am heutigen Samstag etwas anders ist. Die Menschen sind auffälliger gekleidet, aus der Ferne ertönt Musik, vor allem aber springt einem aus den meisten Gesichtern die Vorfreude förmlich entgegen. Sie strahlen wie die Sonne, die die diesjährige Freiburger CSD-Parade den ganzen Tag über begleiten wird. "Beim Christopher Street Day geht es um zwei Dinge" erklärt Ronny Pfreundschuh, Sprecher des Freiburger CSD-Vereins, bei der Auftaktkundgebung. "Um Sichtbarkeit und um Liebe. Also liebt wen ihr wollt und zeigt das!" Jubel bricht aus, die Parade zieht bald los.


Die Demonstrierenden

Die jüngsten Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind noch nicht einmal geboren, die ältesten schon lange im Rentenalter. Der Freiburger CSD ist eine generationsübergreifende Veranstaltung. "So viele schöne Menschen", entfährt es einer Teilnehmerin entzückt. Unter ihnen: Die LGBTTQIA-Community, Menschen aus dem Stadt- und Nachtleben sowie dem Parteienspektrum, Eltern mit Kindern. Was die Demonstrierenden neben dem Einstehen für Gleichstellung verbindet, ist ihre überbordende gute Laune.

Die Outfits

Klar: nackte Haut, extravagante Kostüme mit viel Gold und Glitzer, Fetisch-Kleidung aus Lack und Leder sowie glamouröse Drag Queens dürfen auf keinem Christopher Street Day fehlen. Doch die Mehrheit versucht nicht, Klischees zu entsprechen, sondern trägt – dem zwanglosen Anlass entsprechend – was gefällt. Oftmals sind das die gleichen Outfits, die man auch auf Festivals zu Gesicht bekommt – Hot-Pants, Tanktops und Glitzer, ergänzt durch Regenbogen-Schminke. Den Eindruck bestätigt eine Dame mittleren Alters, die am Straßenrand an ihrem Weißwein nippt: "Der Freiburger CSD wirkt recht brav", sagt sie, "aber wir kommen auch aus Köln". Ein bestimmtes Outfit gab es aber bisher auf keinem Freiburger CSD zu sehen: das lila-schwarze Ausweichtrikot des SC Freiburg.

Das Publikum

Die Polizei geht von rund 4000 Zuschauerinnen und Zuschauern am Straßenrand aus, darunter Anwohnerinnen und Anwohner, Shoppende und Fußballfans. Über weite Strecken ist nicht eindeutig, wer an der Parade teilnimmt und wer Zaungast ist. Viele Passantinnen und Passanten, gerade im Bereich der Kaiser-Joseph-Straße, schließen sich spontan dem Umzug an. Andere lehnen die Einladung der Demonstrierenden freundlich und mit Verweis auf Erledigungen ab. Offensichtlich aber wirkt die großartige Stimmung auf der CSD-Parade ansteckend. Vom Straßenrand aus beobachten fast ausschließlich lachende Gesichter die bunte und laute Demonstration.

Die Wagen

Regenbogen-Referat, Rosa Hilfe, Rosekids e.V. sowie die Party-Kollektive UniBow, Youth Life und Irrlicht – sie und weitere bilden mit großen, bunten und aufwendig dekorierten Lastwagen das Herzstück der Parade. Auf den mit Boxentürmen ausgestatteten Ladeflächen wird gefeiert, Infomaterial in die Menge gereicht und in die Runde geflirtet. Dazwischen fahren kleinere Wagen, etwa vom feministischen DJ-Kollektiv Fluss e.V., oder von Drag Queen Betty BBQ, die Kusshände aus einem roten Cabriolet verteilt.

Die Musik

Die Musik ist so vielfältig wie diejenigen, die dazu tanzen: Die Palette reicht von elektronischer Musik wie Techno, House oder Drum & Bass hin zu Pop, Soul, Hip-Hop sowie Party-Klassikern. Pop-Größen wie Britney Spears oder Aretha Franklin treffen auf die Clubmusik der Gegenwart. Fast alle großen Wagen haben DJs an Bord, die auf die Stimmung eingehen und sie weitertragen. Als der Zug die großen Kaufhäuser der Kajo passiert, explodiert die Stimmung förmlich: Der Wagen des Irrlicht-Kollektivs wirft die Nebelmaschine an, hunderte Hände recken sich dem Himmel entgegen, Jubelschreie werden laut.

Die Plakate

Trotz ausgelassener Straßenparty sind die Hintergründe des Christopher-Street-Day ernst. Schließlich geht er zurück auf den Stonewall-Aufstand im Sommer 1969, bei dem sich Homosexuelle und andere sexuelle Minderheiten in der New Yorker Christopher Street gegen willkürliche Razzien und Festnahmen zur Wehr setzten. Das drückt sich auf den Plakaten aus: "Kein Umweg hält uns auf" thematisiert sowohl den Streit um die Routenführung als auch den langen Kampf um Anerkennung, Respekt und Gleichbehandlung der Community. "Lieb’ wen du willst" gibt praktische Anleitung zum Lieben.

Die Route

Im Vorfeld entbrannte ein Streit zwischen den Organisatorinnen und Organisatoren des CSD und der Stadtverwaltung um die Route des Zuges. Aufgrund von Sicherheitsbedenken untersagte das Ordnungsamt vor knapp zwei Wochen die vom CSD-Verein favorisierte Routenführung durch die Kaiser-Joseph-Straße. Der Verein klagte dagegen vor dem Verwaltungsgericht in Mannheim – und bekam Recht.

Dementsprechend führt die Parade vom Platz der Alten Synagoge über die gut besuchte Einkaufsstraße hinunter zum Siegesdenkmal. Probleme gibt es keine, schließlich ist die Straße deutlich breiter als andere, die der Umzug im weiteren Verlauf passieren wird. Vom Siegesdenkmal führt die Route über Rotteckring, Rempartstraße und Bismarckallee zum Stühlinger Kirchplatz, dem Ort der Abschlusskundgebung, wo ab dem Nachmittag ein CSD-Familienfest stattfindet.



Fazit

Großartige Stimmung, optimales Paraden-Wetter und deutlich mehr Teilnehmende als im letzten Jahr: Der Christopher Street Day 2018 in Freiburg war ein friedliches Fest für Toleranz und die Gleichstellung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transgender, Transsexuellen, Intersexuellen, Queeren und Asexuellen. Einziger Wermutstropfen: Der Streit zwischen Stadtverwaltung und CSD-Verein im Vorfeld. Die Sicherheitsbedenken bestätigten sich nicht, die Polizei hatte keine besondere Vorkommnisse zu Vermelden. Stattdessen empfing die Freiburger Bevölkerung den Christopher Street Day 2018 mit offenen Armen.

Im weiteren Verlauf des Abends fanden offizielle CSD-Partys in der Mensa Rempartstraße und dem White Rabbit statt, für den Sonntag ist ab 14 Uhr eine Kundgebung auf dem Stühlinger Kirchplatz geplant.
Der Begriff LGBTTQIA-Community bezeichnet die verschiedenen Richtungen der Regenbogen-Gesellschaft: lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, transsexuell, intersexuell, queer und asexuell.