Was ging bei ... Turbostaat im Waldsee?

Simon Langemann

Die Jungs von Turbostaat schlugen sich vor ihrem Konzert im Waldsee den Bauch mit Spanferkel und Schwarzwälder Kirsch voll. Ob es der Energie auf ihrem Konzert geschadet hat?

Die Vorzeichen

Ihre sechstes Album "Abalonia" veröffentlichte die Flensburger Punk-Band im Januar 2016. Auf Tour sind sie noch immer – oder schon wieder? Jedenfalls war das Gastspiel im Waldsee am Sonntagabend bereits ihr zweites Freiburg-Konzert zur aktuellen Platte.

Die Bühne

Ein schwarz-weiß gehaltenes Banner, sanft leuchtende Edison Bulbs, fünf schlicht gekleidete Musiker. Gestatten: Turbostaat, die schönste Punk-Band Deutschlands. Mindestens.

Das Publikum

Typisch Turbostaat: Alt und jung, auffällig männlich, sehr textsicher und überglücklich.

Die Ansagen

Dafür war am Sonntag der sonst so schweigsame Gitarrist Roli aka Rotze alias Rollo Santos zuständig. Ein neuer, Band-interner Schichtplan? Jedenfalls sehr erfrischend, diese ganzen Geschichten. Den ganzen Tag habe man am See verbracht und sich in der Club-eigenen Gaststätte – nach dem Motto "Keep it coming!" – Spanferkel, Blätterteig und Schwarzwälder Kirschtorte gegönnt. Um dann irgendwann zu merken, dass es sich um einen externen Veranstalter handelt, der dem Waldsee die Rechnung bezahlen muss. "Naja, wir werden uns schon irgendwie einig."

Schwitzfaktor

Vor der Bühne wurde leidenschaftlich gepogt, und das vom einleitenden "Abalonia"-Opener "Ruperts Gruen" bis zur finalen Zugabe "18:09 Uhr. Mist, verlaufen" vom 2001 veröffentlichten Debüt "Flamingo". Der Rest der Menge sah sich von verhältnismäßig guter Luft gesegnet, anders als im vergangenen März, als Turbostaat für ihr Konzert im Café Atlantik einige Tickets zu viel verkauft hatten – eine Panne, für die sich Rollo nochmal in aller Herzlichkeit entschuldigte.

Track-Check

Der gewohnte Querschnitt durch die 15 Jahre umfassende Turbostaat-Diskographie. Manch ein Dauerbrenner im Liveset scheint zwischenzeitlich durch’s Raster gefallen zu sein, etwa "Urlaub auf Fuhferden" oder "Tut es doch weh". Doch das sechs tolle Platten umfassende Oeuvre bot massenweise Ersatz.

Der Ausreißer

Das bedrückende und ungewöhnlich langsame Stück "Eisenmann", ebenfalls vom jüngsten Werk "Abalonia".

Der erste Crowdsurfer

... stieg nach etwa zwei Dritteln des Sets beim 2013er-Hit "Sohnemann Heinz" empor. Und entlockte der am Bühnenrand postierten Security-Dame nur ein müdes Zähneknirschen.

Der Siedepunkt

Immer wenn man meint, diese Lieder möglicherweise doch tot gehört zu haben, stimmen Turbostaat ihren mittlerweile zehn Jahren alten Klassiker "Insel" an. Die geneigte Hörerschaft weiß dann, was bevorsteht: die ekstatische Verschmelzung von Band und Publikum – in Form des mitzuschreienden Outro-Slogan: "HUSUM, VERDAMMT!".

Fail

Schwer zu sagen. Denn der Turbostaat-Tross wirkte nach einem mit Dutzenden Club- und Festival-Dates vollgepackten Jahr überaus eingespielt. Mal abgesehen davon, dass man bei einer der umtriebigsten und routiniertesten Live-Bands ihres Genres sowieso jeden Fehler als erfreuliches "Menscheln" verbuchen kann.

Geil

Gleichzeitig bleibt es die reinste Freude, wie wenig satt die fünf Norddeutschen trotz des zum Normalzustand gewordenen Tour-Daseins wirken.

Sekundenschlaf

Die Müdigkeit überkommt einen bei guten Konzert ja meist erst dann, wenn die Band kurz von der Bühne geht, um sich zur Zugabe bitten zu lassen – im Waldsee glücklicherweise ein Ding der Unmöglichkeit: Der Backstage-Bereich liegt weit entfernt in der angrenzenden Gaststätte. "Macht mal kurz die Augen zu und stellt euch vor, wir wären weg", empfiehlt Jan Windmeier. Und dann kann es auch schon weiter gehen.

Kassensturz

18,50 Euro im Vorverkauf, 20 Euro an der Abendkasse: Turbostaat verweilen in der für ihre Größenordnung überaus fairen Preisklasse. Auch wenn Vertreter des Live-Geschäfts ihnen wiederkehrend nahelegten, sich ihre Konzerte teurer Bezahlen zu lassen, wie Gitarrist Marten Ebsen vor ein paar Jahren der "taz" erzählte. "Wir versuchen, unsere Ideen und Ideale zu behaupten. Das ist ein Kampf."

Pauschalurteil

Pardon für all die Lobhudelei. Aber selbst in der am Waldsee-Abend präsentierten Normalform machen Turbostaat einen nun mal glücklicher als vieles, was der Rest der Konzertsaison so aufbietet.