Review

Was ging bei … The Aggrolites im Café Atlantik?

Felix Klingel

The Aggrolites spielen Happy Reggae, und zwar so gut, dass man das Grinsen nicht mehr aus der Fresse bekommt. Ihr Konzert im Café Atlantik war ein Klassentreffen der Reggae-Skinhead-Szene – und bot so einen Einblick in eine sehr nette Subkultur.

Die Stage

Eine schlichte Bühne, nicht viel Schnick-Schnack – heute geht’s um die Musik. Auffällig ist nur, dass die Bühne fast einen Ticken zu klein ist. Die Basler Vorband Kalles Kaviar muss ihren Keyboarder Bennet Uk gar so platzieren, dass er mit dem Rücken zum Publikum spielt – dem Sound hat’s nicht geschadet.

Crowd

Kurz geschorene Köpfe, Fred-Perry-Hemden, Backenbärte, Hosenträger mit Schachmuster und eine extrem hohe Dichte an Schiebermützen: Im Atlantik hat sich eine interessante Subkultur versammelt. The Aggrolites stehen in der Tradition des Skinhead-Reggae – und das sieht man den Konzertbesuchern an. Für Szene-Fremde mag der Blick ins Publikum erst einmal ungewöhnlich sein. Die leider viel zu oft wiederholten Stigmatisierungen aller Skins auf eine rechte Gesinnung wirken unbewusst. Dabei ist die Early-Skinhead-Bewegung unpolitisch – und brutal nett. Selten Konzerte erlebt mit so viel Rücksichtnahme beim Tanzen und Freundlichkeit im Umgang. Ich verbringe das Konzert neben einem massigen Skin aus Straßburg, tätowiert bis an den Hals und mit Bullen-Septum in der Nase. In einer dunklen Gasse würde man den Blick vielleicht lieber Richtung Boden senken. Hier lachen wir uns vor Freude an der Musik durchweg an. Schön, wenn sich Vorurteile nicht bestätigen.

Track-Check

The Aggrolites spielen Happy Reggae, und zwar so gut, dass man das Grinsen nicht mehr aus der Fresse bekommt. Federnde Rhythmen, Offbeat-Gitarre, Gute-Laune-Vocals und Orgel-Grooves bestimmen die Musik. Denkt man beim ersten Lied noch daran, dass dieser Musik vielleicht doch ein bisschen die Tiefe fehlt für so einen düsteren Montag im November, so ist man spätestens beim zweiten Song unentwegt am Tanzen und hat alles vergessen. Die Jungs spielen alte und neue Songs, immer mit ein wenig mehr Punch als auf den Alben – das zieht! Highlights: "Countryman Fiddle" vom zweiten Album der Aggrolites und das Beatles-Cover "Dont Let Me Down".

Heimlicher Star

Roger Rivas fliegt mit seinen Fingern so virtuos über die Hammond-Orgel, dass er definitiv der heimliche Star des Abends ist.

Fail

Kurze Probleme mit dem Ton während ein bis zwei Songs – Stichwort: Feedback – absolut zu verschmerzen.

Geil

Der magische Moment, wenn fremde Menschen auf einem Konzert zu einer Einheit werden, zu einem Publikum, die alle mehr oder minder das Gleiche zu fühlen scheinen: Genau hier und jetzt im richtigen Moment zu sein und Teil von etwas Großem. Das schafft nicht jede Band. The Aggrolites haben es geliefert.

Sekundenschlaf

An Schlaf ist nicht zu denken – gut, vielleicht kurz in der Umbaupause – aber sonst kommt hier wirklich keine Langeweile auf.

Schwitzfaktor

Brutal hoch, denn getanzt wird von der ersten Sekunde an. Doch das Atlantik scheint ein wenig in die Abluft investiert zu haben, so stickig wie es schon häufig im kleinen Schankraum war, wird es diesen Abend glücklichweise nicht. Gut, draußen ist auch schon fast Winter.

Bester Merch-Artikel

Eine 7″-Single, in extrem dünnes Plastik geritzt. Das Teil ist dünner als jede Din-A4-Seite, lässt sich aber mit dem Plattenspieler abspielen. Nice!

Pauschalurteil

Zitat Jeff Reffredo (Bass): "You’re making a good party for a monday night". Dem ist nichts hinzuzufügen.