Was ging bei ... Sierra Kidd im Schmitz Katze?

Moritz Kraus

Die erste Liebe, Mobbing in der Schule, Außenseiterdasein. Darüber rappt der 17-jährige Newcomer Sierra Kidd. Gestern machte seine Album-Tour "Nirgendwer" halt in Freiburg. Warum einige Ü-40er da waren und ob Sierra Kidd wirklich so talentiert am Mic ist:



Die Stage

Auf der Bühne stehen ein DJ-Pult, ein Schlagzeug und zwei Gitarrenständer. Musikalisch scheint Sierra Kidd also mehr vorzuhaben, als nur zum Beat zu nicken und in sein Mic zu stammeln. An der Wand hinter der Bühne hängt ein großes Banner mit der Aufschrift „Sierra Kidd“, daneben das Schmitz Katze-Logo. Keine üppige Deko. Die braucht es aber auch nicht. Es ist ja schließlich ein Hiphop-Konzert.

Die Crowd

Sechzig bis siebzig Leute sind gekommen. Der Raum wirkt nicht prall gefüllt, aber es sind doch genug Leute da, damit es nicht peinlich leer aussieht. Der Großteil der Menge ist unter 18. Ein Junge trägt einen "Genetikk"-Hoodie, die Mädchen das offizielle Sierra-Kidd-Shirt mit der Aufschrift "Teamfucksleep". In kleinen Grüppchen reden sie nicht nur über das Konzert: "Boah, morgen wieder Mathe bei Frau Schneider, ich hab' ja mal gar keinen Bock". Nach eingefleischten Hiphop-Heads klingt das nicht. Man trinkt Bull statt Bier. Es ist also das Schlimmste zu befürchten.



Kassensturz

Das Ticket kostete im Vorverkauf 16 Euro plus Gebühren. Für das Redbull werden 3,50 fällig. Summa summarum einen knappen Zwanni für einen Top-10-Rapper, denn Sierra ist mit seinem Album "Nirgendwer" im Juli auf Platz 6 gechartet. Die beiden Pre-Acts spielen knapp eine Stunde, Sierra Kidd auch. Geht also preislich völlig in Ordnung.

Die Supporting Acts

Nein, "Sadi Gent" und "Joshi Mizu" sind keine Kämpfer aus dem Playstation-Hit Tekken 3, sondern die Vor-Acts. Ohne Band, dafür mit DJ "Hugo Bass". Als Supporting Act hat man es bekannterweise als Rapper sehr schwer: nur die eingefleischten Fans kennen die Texte, man muss irgendwie die Zeit zum Main Act überbrücken und man weiß genau, dass eigentlich keiner in der Crowd gekommen ist, um einen zu sehen. Von diesem Klischee ist an diesem Abend jedoch nichts zu merken. Zu fiesen Dubstep-Beats macht "Hugo Bass" gleichzeitig den Back-Up-Rapper. Der Menge gefällts, die Stimmung ist glänzend.

Track-Check

Sierra Kidds Diskographie ist noch nicht sehr lang. Dementsprechend spielt er fast alle Albumtracks, darunter "XO", "Whatsapp", "20.000 Rosen" und natürlich die erste Single "Signal". Die Lieder von seiner ersten EP dürfen natürlich auch nicht, deshalb spielt Sierra Kidd als Zugabe seinen Hit "Kopfvilla", mit dem er auf YouTube bekannt geworden ist.



Fail

Die Veranstaltung ist ab 14. In Begleitung der Eltern dürfen aber auch jüngere Teenies rein. In der ersten Reihe steht eine gelangweilte Mutter inmitten einer Gruppe von Groupies und surft auf Facebook. Ob sie auch ein Fan ist oder nur die Aufpasserin für ihren 12-jährigen Sohn und seine Clique? Später beantwortet sich die Frage von selbst, denn sie gesellt sich zu ihren fünf Gleichaltrigen neben das Tonmeister-Pult. Irgendwie peinlich. Es ist ja schließlich ein Hiphop-Konzert.

Geil

Sierra Kidd ist trotz seines noch jungen Alters für einen Künstler sehr souverän. Er plaudert mit der Menge, macht Selfies mit den Mädchen aus der ersten Reihe und nach seinem Auftritt stellt er sich noch hinter den Merchandise-Stand und gibt Autogramme. Das ist sympatisch und authentisch. Trotz der Live-Band und den gitarrenlastigen Beats merkt man Sierra Kidd seine Hiphop-Affinität an, er trägt nämlich einen Oversized-Karl-Kani-Hoodie. Das ist real. Es ist ja schließlich ein Hiphop-Konzert.



Schwitzfaktor

Sierra Kidd springt auf der Bühne herum und animiert die Menge zum Hüpfen. Er erinnert dabei ein wenig an Casper und steht ihm dabei in Sachen Ekstase in nichts nach. Die Befürchtung, dass der junge Altersdurchschnitt sich negativ auf die Stimmung auswirken könnte, bestätigt sich nicht. Selbst die U14-Kids wissen, dass man bei Hiphop-Konzerten die Hand in die Luft hält und bounct.

Pauschalurteil

Sierra Kidd macht trotz seiner mangelnden Live-Erfahrung, die man ihm bei den ersten beiden Liedern anmerkt, viel richtig. Er macht kleine Pausen zwischen den Tracks, um ein wenig vom Tour-Alltag zu erzählen oder zuzugeben, dass er beim kommenden Song meist den Text vergisst. Die Menge macht gut mit und der Künstler gibt sich nahbar. Der Kontrast zwischen klassischen Hiphop-Supporting-Acts und Sierra Kidds Auftritt mit Live-Band kommt gut an. Trotz ungewöhnlicher Zusammensetzung aus U18-Crowd und Gitarrenbeats, war das ein gelungenes Hip-Hop-Konzert in der Schmitz Katze.

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