Was ging bei… Funny van Dannen im Jazzhaus?

Andreas Meinzer

Er ist 60, aber zieht noch immer ein bunt gemischtes Publikum an: Funny Van Dannen. Am Wochenende hat er im Jazzhaus gespielt. fudder war dabei und hing dem Liedermacher an den Lippen.

Der Künstler

Es soll Leute geben, die Funny nicht kennen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kennen sie aber eines seiner Lieder, die er für andere Künstler geschrieben hat (wie "Walkampf" der Toten Hosen, auf deren Label JKP auch einige Funny-Alben erschienen), oder Cover seiner Songs von anderen Künstlern ("Saufen" von den Schröders oder "Nana M." von Udo Lindenberg). Viele seiner Songzeilen sind Smalltalk-Anekdoten geworden ("Auch lesbische schwarze Behinderte können ätzend sein"). Und sie haben sich über eine ganze Generation erhalten seit 1995 sein erstes Album "Clubsongs" erschien. Auch wenn Funny van Dannen dieses Jahr seinen 60. Geburtstag feiern konnte und mittlerweile auf der Bühne Brille trägt, um seine Textblätter entziffern zu können, sind seine Lieder jung geblieben und treffen seine aktuellen politischen Songs sprachlich genau den Kern der Sache.

Track-Check

Zu Beginn seines Freiburger Konzertes im Jazzhaus spielt er Titel seines neuen Albums "Alles gut, Motherfucker", die changieren zwischen anarchischer Unbeschwertheit ("Lass uns in den Park gehen und den Hang herunter rollen, / oder hast du eine bessere Idee?") und der Thematisierung gesellschaftlicher Langzeitprobleme, wie in "Immer diese Religionen" oder im kürzesten Song des neuen Albums (eine Minute) "Farben": "Eine Gesellschaft mit braunen Flecken – ist die faul, oder einfach nur beschissen?", einem Song gegen rechts, der wie Funnys Klassiker "Vaterland" ("Warum mögen wir Deutschen Sissi so gern, / warum mögen wir keine Juden?") lakonisch fragend appelliert, "mit all dem Nazidreck" aufzuräumen – und enorm viel Applaus erntet, gerade am Tag einer Demo der Antifa gegen die 200-Jahr Feier der Burschenschaften in Freiburg.

Angesichts der bedrückenden Lage der Gesellschaft bleibt oft eben nur Lakonie und Ironie, um den "Gefühlshaushalt" nicht in Unordnung zu bringen. So heißt es in "Superglücklich": "Ich bin am liebsten superglücklich und das am liebsten jeden Tag, / weil ich die vielen, vielen Eindrücke sonst nur schwer ertrag'".

Das Highlight

Highlights sind Funnys Ansagen und Zwischenbemerkungen, in denen er sein Älterwerden thematisiert. Hatte er früher zwischendurch an einer Bierflasche genippt, trinkt er jetzt nur Wasser: "Ich darf auf der Bühne keinen Alkohol mehr trinken, hat mein Arzt gesagt. Mein Leben hat keinen Sinn mehr. Okay, zumindest bis Mitternacht." Zur Mitte des Konzerts streift sich Funny den Mundharmonikabügel über, obwohl er weiß, dass Mundharmonikaspielen die häufigste Todesursache für Bluesmusiker sei: "Ist ja pures Quecksilber".

Die Crowd

Nur, wer noch nie ein Konzert des Liedermachers erlebt hat, wundert sich beim Lesen dieses Textes vielleicht, wie eine altersmäßig buntgemischte Menge in Verzückungsrufe ausbrechen kann, wenn einer mit einer Gitarre auf der Bühne steht und Songs über die Schönheit und Leichtigkeit eines Plastikballs oder die nicht zustandekommende Liebesbeziehung zwischen einem Mann und einem weiblichen Hochhaus mit wehendem blonden Haar singt: Sie will mit ihm Volleyball spielen – doch er hat keinen Ball und sie keine Hände. Das mag albern oder absurd klingen, ist aber zugleich tragisch und melancholisch. Komik hat bei Funny van Dannen mannigfaltige Dimensionen.

Schildrüsenunterfunktion

Ob er lautmalerisch das merkwürdig klingende Wort "Lymphe" besingt und die Frage stellt, wer schon mal einen Satz gehört habe wie "Du gehst mir auf die Lymphe?" oder ob er die allzu häufigen Momente des Lebens ins Wort bringt, in denen man im richtigen Moment das genau falsche sagt – wie auf die Frage der Partnerin "Woran denkst du jetzt?" eben "Homebanking", den anderen tief verletzt und die Liebe zerstört. Bei keinem anderen Künstler würde man es erleben, das Publikum lauthals Worte wie eben letzteres, "Herzscheiße", "Schildrüsenunterfunktion" oder "Schabrackentapir" mitsingen zu hören.

Pauschalurteil

Nach rund zwei Stunden hat die Zeit das geleistet, was sie allein kann: vergehen – und dieser Ausflug in eine Welt voll "Geschichten aus der Phantasie", für die man keine Realität mehr bräuchte, wie Funny van Dannen süffisant anmerkt, ist endgültig, nach zwei Zugabenblöcken, vorbei – und so manche Songwünsche müssen unerfüllt bleiben. "Schade, Scheiße, und vielleicht fatal / Schade, Scheiße, aber: normal".