Was ging bei...Ed Motta im Jazzhaus?

Bernhard Amelung

Von Brasilien in den Breisgau ist es ein weiter Weg, auch musikalisch. Warum Ed Motta auf seinem Konzert im Jazzhaus dennoch beide Welten vereint hat.

Der erste Eindruck

Ed Motta, 1971 in Rio de Janeiro geboren, hat eine für einen Jazz- und Soulmusiker vergleichsweise junge Fanbasis. Das zeigt unter anderem ein Auftritt bei Boiler Room im August dieses Jahres. Anders dagegen in Freiburg. Ins Jazzhaus lockt der Sänger, Musiker, Plattensammler und Weinliebhaber ein eher älteres, gesetztes Publikum. Doch vielleicht ist ihm das gerade recht. Noch im Mai dieses Jahres sagte er in einem Interview mit der Basler Wochenzeitung Tageswoche: "Ich will nicht mehr die ganze Zeit auf der Bühne denken: Bringt sie das Stück jetzt zum Tanzen?"

Doch gerade das Stillsitzen, auch das Stillstehen, fallen schwer. Klavierakkorde rollen, der Bass umschlingt die Hüften, Hi-Hat-Shuffles in 32tel-oder 64tel-Patterns treiben den Drum-Groove nach vorne. Gefährlich tanzbar ist seine Musik, die schwarzamerikanischen Funk und Soul mit softem Rock der Siebzigerjahre und brasilianischen Einflüssen paart. "Ich bin so glücklich, ich bin zum ersten Mal in Freiburg", sagt Motta zur Begrüßung. Er lacht, seine Augen strahlen. Seine linke Hand führt Schlagfiguren aus. Er dirigiert seine Band. Das Konzert beginnt.

Das Publikum

Wer immer auch in Freiburg tiefer vordringt in schwarze oder brasilianische Popmusik, in Soul, Funk und Jazz, ist an diesem Sonntagabend ins Jazzhaus gekommen. So zum Beispiel Till Maragnoli, der diese Musik mit seinem Intuit-Projekt in die Nuller- und Zehnerjahre geführt hat. Die Gäste richten ihren Blick fest auf die Bühne, auf Motta selbst, der seine Band mit kurzen, raumgreifenden Gesten anleitet und – so scheint es – jeden Einzelnen persönlich Willkommen heißt.

Das Konzert

"Boom bidibi, doo didibi, woo wop woo dibidi badidi doudou." Ed Motta zündet ein Scat-Feuerwerk. Tonsilbe um Tonsilbe reiht er aneinander, ahmt Bass, Gitarre, Schlagzeug nach. Silbe um Silbe steigert er Tempo und Intensität, stellt stimmlich gewaltigen Parts ruhige, zurückgenommene Tongesten gegenüber. Aus dem Tiefbass wechselt er in die Kopfstimme, ahmt mit nichtsprachlichen Lauten diverse Klangeffekte nach. Er schnipst auf die Zwei und auf die Vier, klopft sich auf den Schenkel. Sein Körper ist die Rhythmusgruppe. "Als Kind wollte ich E.T. nachmachen. So hat alle angefangen", erklärt der heute 45-Jährige seine Leidenschaft für den Scat-Gesang, diese improvisierten Fantasielaute des Jazz.

Jazz, dieser Mutter der schwarzamerikanischen Popmusik, ist auch die Grundlage seines aktuellen Albums "Perpetual Gateways", das im Frühjahr dieses Jahres erschienen ist und im Mittelpunkt seines Konzerts im Jazzhaus steht. Ausführender Produzent war Kamau Kenyatta, der auch schon Hand an die Alben von Gregory Porter gelegt hat. Entsprechend eingängig der Sound, bisweilen discoid-poppig, hat Motta doch unter anderem auch mit Patrice Rushen, der großen US-amerikanischen R’n’B-Pianistin und -Sängerin zusammen gearbeitet.

Auf der Bühne des Jazzhaus stehen mit ihm allerdings Matti Klein (Piano, Keyboard), Yoran Vroom (Schlagzeug), Laurent Salzard (Bass) sowie Arttu Makela (Gitarre). Seine Mitstreiter verlassen ihn nach einigen Songs für eine kurze Pause. "Oh, was macht ihr denn jetzt? Okay, see you in a minute", sagt er ins Mikrophon, blickt ihnen hinterher und brennt das Scat-Feuerwerk ab.

Setlist

Über 30.000 Vinylschallplatten besitzt Ed Motta. Seine Sammlung beinhaltet obskuren (und klassischen) Jazz aus Japan, ebensolche Musik aus den einstigen Ostblock-Staaten, vornehmlich Produktionen aus der ehemaligen DDR, Bossa Nova, Soul, Funk und AOR, Adult Oriented Rock, das Amalgam aus Hardrock und Popmusik der Siebziger- und Achtzigerjahre. Irgendwo dazwischen bewegt er sich auf seinen rund 15 (je nach Zählweise 12) Alben, sein Repertoire für das Konzert.

Mit "Captain’s Refusal", Opener auf seinem aktuellen Album "Perpetual Gateways", eröffnet er den Abend im Jazzhaus, "Colombina", sein Überhit auf dem im Jahr 2000 veröffentlichten Album "As Segundas Intenções Do Manual Prático", beschließt das Konzert. Dazwischen liegen – unter anderem – "Good Intentions", die Liebesballade "Forgotten Nickname" (beide auf "Perpetual Gateways") sowie "Farmer Wife", "Smile" und "Simple Guy", 2013 auf dem Album "AOR" erschienen.

Was in Erinnerung bleibt

Neben der Musik sind dies die Anekdoten zur Entstehungsgeschichte seiner Songs. "Captain’s Refusal" sei aus den Eindrücken aus Alfred Hitchcocks Filmen heraus entstanden. Das Album "AOR" habe er – unter anderem – aus Liebe zu TV-Serien der späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre geschrieben. Miami Vice, Knight Rider, Magnum. Sowieso, Tom Selleck, diesem Mann habe er sehr viel zu verdanken. Bunte Hemden, Oberlippenbart, Mokassins. "Thank you so much for everything, Tom Selleck", sagt er an diesem Abend mehrmals.

Fazit

Von Brasilien in den Breisgau ist es ein weiter Weg, auch musikalisch. Ed Motta hat mit seinem Konzert im Jazzhaus dennoch beide Welten vereint. Rund zwei Stunden gute Musik und gute Laune – so muss ein Wochenende aufhören, so muss eine neue Woche beginnen. Danke, Ed Motta!

Note

1

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