Was ging bei… Calexico auf dem ZMF?

Katharina Kiefel

Sie machen "Tucson-Desert-Rock", bezeichnen Freiburg als "Global Village": Zum ZMF-Auftakt hat die US-amerikanische Band Calexico im Zirkuszelt gespielt.

Die Crowd

Gekommen sind an diesem ersten Tag des ZMF vor allem Leute, die – zumindest alterstechnisch – auch schon bei dem ersten Auftritt von Calexico auf dem Gelände am Mundenhof vor 15 Jahren dabei gewesen hätten sein können: Pärchen im "Erwachsenenalter", unter denen es einige Männer gibt, die alles gegeben haben, ihre heißblütige, mexikanische Seite hervorzuheben, etwa durch das Tragen aufpolierter Cowboyboots.

Ansonsten ein Querschnitt durch die Bevölkerung, ohne besondere Auffälligkeiten; beim Tanzen überwiegen die Pärchen, beim Mitsingen die Frauen, das kräftige Mitklatschen übernehmen die Männer. Ob es ansonsten noch modische Highlights gab, ist schwer zu sagen: Viele der Konzertbesucher behielten aufgrund des etwas kühleren Abends ihre Funktionsjacken an.

Insgesamt aber ist das Publikum rundum begeistert von dem Auftritt der siebenköpfigen, amerikanisch-mexikanischen Band, die das luftig locker gefüllte Zirkuszelt mit ihrer Musik langsam aber sicher aufwärmt.



Die Show

Pyrotechnik, leicht bekleidete Tänzerinnen und wechselnde Outfits. Das alles gibt es bei Calexico nicht. Dafür satte Manneskraft, die sich wahlweise in unglaublich dunklen, dicken Hipstervollbärten, rotem Hemd mit schwarzen Cowboyboots oder einem stilsicheren Hut im Farmer-Style äußert.

Soviel zum Outfit.

Die Musik steht trotzdem ganz klar im Mittelpunkt: Die Bühne ist mit unübersichtlich vielen Instrumenten vollgestopft, neben Gitarren verschiedenster Größen, Drums, Keyboard, Kontrabass, Mariachi-Trompeten oder Akkordeons erweist sich vor allem der Frontsänger Joey Burns als begabter Entertainer, einfühlsamer Sänger und musikalisches Multitalent. Ebenso auch der Keyboarder Jacob Valenzuela, der sich gefühlt bei jedem zweiten Song ein anderes Instrument aus seinem Umkreis herauspickt und dieses perfekt und konzentriert beherrscht.

Die Musik

Seit mehr als zwei Jahrzehnten machen Calexico nun schon Musik und überwinden dabei musikalische und geographische Grenzen. Auf ihrem aktuellen Album "Edge of the Sun" verschlägt es die Musiker unter anderem nach Mexico City. Eine längst überfällige Reise zu ihren musikalischen Wurzeln. Hier mischen sie Mariachi-Klänge, Folk, Country-Rock und Latin-Jazz zu einem mitreißenden Mix des "Tucson-Desert-Rock" zusammen.

Calexico leben zwischen den Welten, aber dort fester verankert als jemals zuvor und voller Überraschungen. Freiburg ist für ihre Musik der perfekte Ort, da Calexico Freiburg als "Global Village" beschreiben, das "wohl die meisten World-Music-Konzerte hat".

Insgesamt spielen Calexico eine gute Mischung aus ruhigen Songs, die aber immer wieder kurz vor dem Sekundenschlaf durch mitreißende, von Trompeten begleitete Rhythmen abgelöst werden, bei denen das Freiburger Publikum nicht nur leidenschaftlich zu Tanzen beginnt, sondern auch die Feuerzeuge zückt, oder mit ausgezogenen Schuhen in der Luft performt. Bei dieser Aktion schmunzelt sogar der Stiernackenkommando-Security.

Fail

Nun ja, sagen wir mal so: Das Zelt war undicht. Zwar nur an ein paar Stellen, aber dennoch irritierte der Regen IM Zelt dann doch den ein oder anderen. Zudem war das Zelt zwar einigermaßen gefüllt, jeder hatte aber noch so viel Platz um sich herum, dass er selbst bei intensivstem Paartanz keine anderen Besucher berühren musste. Hier gibt’s noch Luft nach oben. Im wahrsten Sinne.

#Awesome

Joey Burns ist sichtlich glücklich, nach "Fumfzen Jahren", wie er in seinen wenigen deutschen Sätzen sagt, endlich wieder in Freiburg am ZMF aufzutreten. Schon damals hätten er und seine Band Gefallen daran gefunden, in Freiburg zu spielen, in einem Land, in dem Multi-Kulti toleriert und an der Tagesordnung ist. Das trifft die Ideologie der Band, die aus mexikanischen und amerikanischen Mitgliedern besteht und sich immer wieder mit dieser Grenzthematik auseinandersetzt, auf den Punkt.

Mit den tatsächlich unzähligen Zugaben (vermutlich fünf), heizt Calexico den Freiburgern endgültig ein. Unter tosendem Applaus performt die Band "Splitter", bei dem selbst auf den Sitzplätzen energisch mitgewippt wird. "Freiburg, you’re amazing! Vielen Dank, muchas gracias!"

Kassensturz

Stolze 37,30 Euro im Vorverkauf. Eventuell auch eine Erklärung für das eher "Berufstätigen-Besucheralter". Dennoch, jeden Cent wert.

Schwitzfaktor

Eher mäßig. Nachdem etwa Lindsey Stirling ihr Konzert im Vorjahr aufgrund zu großer Hitze in den Zelten sogar abgesagt hatte, ist das Zelt an am Eröffnungsabend 2016 angenehm kühl. Das Publikum rastet aber vor allem in Richtung Ende des Konzertes immer mehr aus, tanzt, zieht teils die Schuhe aus und klatscht wie wild mit. Schwitzfaktor zumindest in den vorderen Reihen garantiert.

Flirtalarm

Von einer sexuell aufgeladenen Atmosphäre zu sprechen, wäre an dieser Stelle wohl etwas zu gewagt, geflirtet wurde wohl aber schon, getanzt und die Hüfte geschwungen, geknutscht und sich gehen gelassen. Alles aber im Rahmen.

Fazit/Pauschalurteil

Ein mitreißender Künstler-Auflauf aus Vollblutmusikern, Entertainern und Gute-Laune-Machern eröffnet das diesjährige ZMF. Einen besseren Auftakt hätte es in vielerlei Hinsicht nicht geben können. "It’s unbelievable, Freiburg! Hope to see you not in fifteen, but in maybe two or three years again!" Hoffentlich!