Was ging bei... AnnenMayKantereit im Spiegelzelt?

Tamara Keller

Über 55.000 Abonnenten haben die Jungs auf YouTube und auf Facebook erst die 100.000 geknackt. AnnenMayKantereit stehen große Bühnen bevor! Am Sonntagabend beschallten sie zum ZMF-Abschluss das Spiegelzelt:



Der Aha-Effekt

„Ich stelle uns mal vor“, verkündet der schlaksige schwarze Lockenkopf, der vorne am Mikrophon steht. „Das ist Christopher Annen, ich bin Henning May und das ist Severin Kantereit.“ Ahhhh, jetzt wird auf einmal so einiges klar. Wer sich bis dato im Spiegelzelt den Namen der Band nicht merken konnte, der nirgends außer auf der Eintrittskarte steht, der kann es sicherlich jetzt. Aus einem Fantasiewort werden drei Gesichter plus eins. „Und das ist Malte Huck. Er begleitet uns immer am Bass.“

Der Sound

Auch wenn für Malte kein Platz mehr im Bandnamen war, auf der Bühne ist Platz genug: Gemeinsam mit Gitarrist Christopher, dem ohne Schuhe schlagzeugspielenden Severin und Sänger Henning zeigt er vier, dass die Band musikalisch harmoniert. Ein Genre gibt es an diesem Abend nicht: Mal ist es Blues, mal Pop, mal Rock'n'Roll, zu dem sich die vorrangig deutschen Texte gesellen. Bei einzelnen Liedern sorgt zusätzlich Gasttrompeter Ferdinand Schwarz für eine groovige Note und die richtige Stimmung, wofür er zum Dank laute „Ferdi!“-Rufe erntet.

Der Schulklassen-Effekt

Freiburg ist gut drauf an diesem Abend und verhält sich doch sehr ungewöhnlich: Im vollen Zelt ist gerade genug Platz, um zu tanzen, was die einen mehr die anderen weniger ausnutzen. Nach jedem Lied wird ordentlich geklatscht und trotz höherem Frauenanteil nicht gekreischt. Nur einzelne „Wohoo“-Laute sind hier und da zu vernehmen. Und danach, während sich die Band für das nächste Lied sammelt, folgt Stille. Absolute Stille.

„Ich bin beeindruckt wie ruhig ihr seid“, sagt Henning verlauten. Die Spiegelzeltcrowd kann darauf nur lachen. Es ist keine unangenehme Stille, sondern mehr ein angenehmes Schweigen: Freiburg wartet gespannt darauf, welcher Song als nächstes folgt. Ein Stück weiter bricht umso größerer Applaus aus – doch sie folgt wieder, die Stille. Frontsänger Henning ist amüsiert und schmunzelt. „Ihr wärt die tollste Schulklasse, die man haben könnte.“



Der Umkehrpunkt

Je weiter die Jungs die Setlist abgearbeitet haben, desto verwandelter wirkt Freiburg. Nach der AnnenMayKantereit-Version von Bobby Hebbs „Sunny“, mit mehreren Rhythmuswechseln, scheint es, als habe das Konzert seinen Wendepunkt gefunden: Das Spiegelzeltpublikum zeigt sich von da an nur noch von seiner besten Seite. Es wird geklatscht und mitgesungen, denn es folgen die Lieder, die die Fans kennen: „Wohin du gehst“, durch das die Band einen hören Bekanntheitsgrad erlangte, und „Oft gefragt“, das von Hennings Vater erzählt. „Er hat den Titel ausgewählt“, sagt Henning.

Der First-Row-Schmankerl

Vor dem Konzert, sind die Seiteneingänge neben der Bühne des Spiegelzeltes geöffnet. Die ersten zwei Reihen können etwas sehen, was dem Rest des Publikums verwehrt bleibt: Draußen haben sich fünf Jungs in einem Kreis aufgestellt und jonglieren gekonnt mit einem Footbag. Einer nippt nebenher gemütlich an seinem Bier, ein Anderer schüttelt nervös alle zwei Sekunden seine Hände und sieht so aus, als versuche er sich zu entspannen. „Sind sie das?“, fragt ein Mädchen ihre Freundin, die neben ihr steht. „Im echten Leben erkennt man die auf den ersten Blick gar nicht.“



Geil

Die Stimme von Sänger Henning ist unverwechselbar. Würde es eine Stimmlage unter dem Bass geben, sie würde Henning May heißen. Mal ganz leise, mal schon fast geschrien erfüllt die Stimme das Zelt. Es klingt so, als müsse der Frontsänger seine Stimmbänder täglich mit einem halben Liter Schmieröl pflegen. Ein souliger Brummbär, dem man gar nicht mehr aufhören möchte zuzuhören. „Wow, diese Stimme!“, ist nicht nur einmal an diesem Abend aus dem Publikum zu vernehmen.

Fail

„Wir spielen jetzt einen Song, den wir schon sehr lange nicht mehr gespielt haben.“ Erwartungsvoll schaut der Sänger seine Bandkollegen an. Doch die werfen ihm nur wartende Blicke zurück. „Oh.“ Henning dreht sich von dem Mikrophon in der Mitte der Bühne weg und setzt sich an das Keyboard, das neben dem Schlagzeug steht. Das Publikum johlt und klatscht. Verpeiltheit ist ein sehr sympathischer Fail.

Kuschelfaktor

„Jetzt muss aber noch Barfuß am Klavier kommen“, meint eine junge Frau zu ihrem Freund, als die Band das erste Mal unter lauten Zugaberufen komplett von der Bühne geht. Henning May kommt alleine zurück und setzt sich ans Klavier – ob mit oder ohne Schuhe spielt da keine Rolle mehr. Im Spiegelzelt erhöht sich die Bereitschaft zum gegenseitigen Schweißaustausch: Es wird sanft im Takt hin und her gewogen, mitgesungen und gekuschelt. Die junge Frau gibt ihrem Freund zum Dank, dass sie den erfolgreichsten Klickhit der Band live hören darf, erst mal einen langen Kuss.

Fazit

Obwohl die meisten Lieder mit viel Melancholie vom Leben erzählen, ist an diesem lauschigem Abend kein Trübsal blasen angesagt. Denn wenn die Lieder mit „Ich würd gern mit dir in einer Altbauwohnung wohnen, ich würd auch manchmal morgens Brötchen holen“ enden, können sich weder die jungen Mädels und Jungs noch deren Eltern, die das Ganze von Seitenbänken aus beobachten und auch das Studentenpärchen oder die Mitfünfzigerin ein Lächeln nicht verkneifen. AnnenMayKantereit ist weder Tim Bendzko, noch Clueso-Abklatsch. Mit einer Gitarren-Mundharmonika-Kombi, vereinzelten Klavier- und Melodicaklängen schaffen sie ihren ganz eigenen Sound.

Setlist

Jeden Morgen, Nichts Nichts, Es geht mir gut, 3. Stock, James, Mir wär lieber du weinst, Neues Zimmer, Bitte Bleib, Sunny (Cover), „Lied ohne richtigen Titel“ (Länger bleiben), Wohin du gehst, Oft gefragt, Barfuß am Klavier, Schon Krass, 21, 22, 23., Gypsy

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[Fotos: Tamara Keller]