Was ging bei... Anna von Hausswolff im Atlantik?

Katharina Kiefel

Anna von Hausswolff: Unheimlich. Deep. Schwedischer Funeral-Pop am Montagabend im Atlantik. Warum Melancholie so schön sein kann, wie sich Sterben in elf Minuten anhört und wie die Stimmung in einem Stimmungsloch ist:



Die Künstlerin

Anna von Hausswolff ist eine kleine, zierliche und hübsche (so munkelt man) Schwedin, die sich fast schon schüchtern sitzend hinter ihrer Hammond-Orgel und ihrer vierköpfigen Band versteckt.

Man kann deshalb nur munkeln, da man ihr Gesicht nur für den Bruchteil von Sekunden erkennen kann. Die meiste Zeit verdeckt es ein blonder Vorhang aus Haaren, die bei schnelleren Stücken hypnotisierend auf und ab wippen.

Anna von Hausswolff macht Musik, die sich nicht nur auf textlicher Ebene mit dem Mysteriösen, Transzendenten und - dem gleichnamigen Album entsprechend - “Wunderbaren” beschäftigt. Auch musikalisch kreiert sie einen verzaubernden Mix aus wuchtigen Orgelklängen, Gothic, Metal und engelsgleichem Gesang.

Die Show

Schwere Sounds, lange Orgelstrukturen, dichte Texturen. In Anna von Hausswolffs Musik lassen sich mehrere Stile erkennen, wie etwa Post-Gothic, Dark Ambient, Dark Folk, Funeral Pop und Witch House. Sie vereint sie auf ihrem aktuellen Album „The Miraculous“.

Von Krach, der sich bei dem elfminütigen Stück „Come wander with me/Deliverance“ bis zur Unkenntlichkeit aufbaut, bis hin zu sanften Tönen, die das Publikum in einer schönen, melancholischen Stimmung wiegen.

Der Aufbau progressiv-dichter Klanglandschaften, der einen Eskapismus von der Realität darstellt, scheint bei dem Publikum gut anzukommen. Hausswolff belohnt es am Ende des Konzertes für seinen lang anhaltenden Applaus mit „Mountains crave“ als Zugabe.

Das Outfit

Schwarz. Überraschung. Von Hausswolff präsentiert sich in einem schwarz-glänzenden, Kutten-ähnlichen Gewand, dessen Fledermausärmel die mystische und teils Bewegungsintensive Performance (vor allem im Kopfbereich) unterstreichen.

Die Crowd

Neben dem klassischen Atlantikpublikum, das sowohl Alterstechnisch, als auch Szene-technisch gut gemischt ist, findet sich viel Schwarz, Piercings en masse und langes Haar. Dafür aber erstaunlich wenige im Vampir-Look - selbst rote Beanies sind anscheinend okay und für eine Handvoll Hornbrillen-Hipster war auch noch Platz.

Das Atlantik ist gut gefüllt; besonders, wenn man bedenkt, dass es Montagabend ist und Hausswolff und Band gegen 22 Uhr anfangen zu spielen. Genug Platz zum Tanzen hätte es dennoch gegeben, exzessives Kopfnicken schien jedoch die Maximalstufe an körperlicher “Betätigung” gewesen zu sein.

In den ersten Reihen sitzt ein Teil des Publikums auf dem Boden, in der Mitte des Raumes stehen die höchst konzentrierten, Kopfnick-Akrobaten und im hinteren Teil des Atlantiks sitzen ein paar ältere Badenser an der Theke, bei denen nicht ganz klar ist, ob sie sich verlaufen haben oder “selle Anna, kennsch du die?” neu für sich entdecken möchten.

Win

Der “Hero of the Night” ist neben Hausswolff ihr Bandkollege Filip Leyman, der trotz eines kurz vor Konzertbeginn gebrochenen Fußes unter Schmerzmitteln stehend den Synthesizer wie ein junger Gott bedient und sich dabei mit exzessiven Kopfbewegungen in Trance spielt.

Hier wird nicht nur klar, dass auch okkulte Goth-Musiker Fußball spielen, sondern auch, dass Anna von Hausswolff eine warme Seite an sich hat. Fast alle ihrer Worte (und das sind tatsächlich äußerst wenige) widmet sie ihrem tapferen Bandkollegen, dem sie mit Luftküssen dankt und dabei mit ihrem Ausspruch “He´s on painkillers, and he´s killing it” schwarze Ironie in meinem Kopf entstehen lässt...

Fail

Der Händetrockner im Männerklo hat ein großes Mitteilungsbedürfnis und versemmelt das ein oder andere Mal den mystisch-melancholischen Ausklang mehrerer Stücke, was bei dem sonst so ernsten, keine Miene verziehenden Publikum für unterdrücktes Gelächter sorgt.

Kassensturz

15 Euro im Vorverkauf, 18 Euro an der Abendkasse. Plus Getränke. Für die Monatsmitte okay.

Fazit

Trotz Vergänglichkeitsmotiven und düsterem Klangteppich zeigt sich Anna von Hausswolff als eine sympathische, humorvolle Künstlerin. Dem Freiburger Publikum bescherte sie wohl einen “Horrortrip” im besten Sinne. Mehrmals bedankt sie sich im Laufe des Abends: “Thank you guys, it´so great to be here, you´re an fantastic audience!”

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[Foto/Video: Katharina Kiefel]