Zelt-Musik-Festival

Was ging bei … Alligatoah im Zirkuszelt auf dem ZMF?

Joshua Kocher

Mehr Schauspiel als HipHop bot am Freitagabend der Rapper Alligatoah im Zirkuszelt auf dem ZMF. Statt zu Trailerpark-Sounds zu pogen saßen die Zuhörer erst geduldig auf ihren Plätzen, ehe sich das Spiegelzelt zum Bierzelt wandelte.

Wer den Weg durch den strömenden Regen auf’s Mundenhofgelände geschafft hat, der findet sich am Freitagabend plötzlich inmitten der Kanalisation wieder. Das Bühnenbild hat Alligatoah, der 2015 vom Radiosender "1 Live" zum besten deutschen HipHop-Act gekrönte Künstler, ebenso von seiner vergangenen Tour übernommen wie den Titel: "Alligatoah und Sebel machen Akkordarbeit". Sebel, das ist sein Organist, der mit der Hammond-Orgel den Takt vorgibt.


Nur ein Wort haben die beiden noch hinter den Tour-Namen gepackt: "Überstunden". Und so tanzt der hyperaktive Rapper unter einem Backstein-Kanal, der so flach ist, wie seine Witze. Der 28-Jährige, in Blaumann und Gummistiefel gekleidet, spricht von "Kanalsex", nennt sich "Kanalligatoah" oder erzählt, wie er möglichst viele Menschen durch die Abwasserröhren mit seiner Musik erreichen will. Man müsse nur den Klodeckel hochklappen.

Alligatoah liebt die Bühne

Die beiden spielen eine Auswahl aus insgesamt vier Alligatoah-Alben und dem Trailerpark-Album "Crackstreet Boys 3" sowie zwei neue Lieder vom angekündigten neuen Album "Schlaftabletten, Rotwein V". Alligatoah liebt die Bühne, das merkt man an diesem Abend. Und trotzdem nimmt er sich selbst und seinen Auftritt die ganze Zeit über auf die Schippe. Er singt: "Mein Album steht im Laden unter Scherzartikel", witzelt über seine pseudo-realistischen Abwasserrohre hinter dem Mikrofon oder sagt nach "Willst du", seinem ohne Zweifel erfolgreichsten Song: "So, das war der größte Hit, ihr könnt jetzt nach Hause gehen."

Doch das will keiner der Zuhörer, die sich im Halbkreis auf den zahlreichen Stühlen um die Bühne drängen. Und so singt der Rapper mehr oder weniger gezwungen fünf Minuten lang das 20-strophige "Mama, kannst du mich abholen?", quält sich durch die Strophen, macht Liegestütze zwischendurch und versucht, die Zeilen nicht durcheinander zu bringen.

Das Sitzkonzert wird zum Stehkonzert

Alligatoah verzichtet an diesem Abend auf Bässe und HipHop-Beats, setzt eher auf Sebels Orgel, die manchmal ganz schön schief klingt. Zwischendurch packt er eine Mundharmonika aus, spielt Blockflöte und E-Gitarre oder trommelt auf den Absperrgittern über der Kanalisation herum. Und alles, wirklich alles, hört sich tatsächlich auch gut an. Der Rapper ist ein echtes Multitalent und vermag es, aus jedem Lied eine Show zu machen. Er kündigt seine Titel ausführlich und mit viel Wortwitz an und genießt den Applaus nach den Stücken.

In der zweiten Hälfte des zweistündigen Konzerts spielen die beiden die Lieder, die hier jeder kennt. Natürlich das "Trauerfeierlied", bei dem die Feuerzeuge und Handyleuchten ausgepackt werden, und "Wer weiß". Bei "Du bist schön" brandet dann das erste Mal so was wie Ekstase im Publikum auf, das Zirkuszelt wird zum Bierzelt, das Sitzkonzert zum Stehkonzert.

Als Alligatoah und Sebel dann die Bühne verlassen, wissen eigentlich alle: Das war noch nicht alles. Die Trailerpark-Hits fehlen noch. Und die spielen sie dann als frenetisch geforderte Zugabe in einem Medley, wobei von "Fledermausland", "Selbstbefriedigung" und "Bleib in der Schule" jeweils nur die Zeilen "Und das Wohnmobil hat Räder verdammt", "Selbst mein Opa liebt Onanie" und "Wir haben alle in der Schule geraucht" bleiben. Ein abgespecktes Ende eines abgespeckten Konzerts.