Warum wir streiken: Das sagen die VAG-Mitarbeiter

Maria-Xenia Hardt

Normalerweise sorgen sie dafür, dass zahlreiche Freiburgern von A nach B kommen: die VAG-Mitarbeiter Dominic (34), Eduard (30), Jürgen (45), Lothar (56) und Artur (32, fehlt auf dem Foto). Heute nicht, denn die Gewerkschaft Verdi bestreikt den Nahverkehr. fudder findet: Inmitten der offiziellen Statements von Verdi und Arbeitgeberverbänden ist es an der Zeit, auch mal die Arbeiter selbst zu Wort kommen zu lassen. Die bestanden darauf, im Kollektiv zu sprechen.



„Es ist ja nicht so, dass wir nicht gerne Straßenbahn fahren, im Gegenteil: Das ist ein spannender Beruf, besonders zum Semesterstart, wenn tausende neue Studenten in der Stadt sind, da bekommt man schon einiges mit. Wenn es keinen Spaß machen würde, hätten wir den Job ja auch schon längst an den Nagel gehängt, denn so easy-peasy wie viele Menschen sich das vorstellen, ist es bestimmt nicht.


Der Stressfaktor ist extrem hoch, viel höher als etwa bei den Kollegen, die längere Strecken im Reise- und Fernverkehr fahren. Wir tragen eine ungemeine Verantwortung für unsere Fahrgäste, aber auch für Autos, Fußgänger und Fahrradfahrer. Stellen Sie sich mal vor, was passieren würde, wenn wir so unvorsichtig fahren würden wie einige andere Verkehrsteilnehmer. Diese Verantwortung wird oft nicht wahrgenommen, geschweige denn honoriert. Wenn wir streiken, heißt es dann: Die sind doch nur geldgierig. Wir fordern aber nicht stur ein höheres Gehalt, sondern vor allem faire Arbeitsbedigungen – für alle.

Warum haben Fahrer unter 30 im Jahr vier Urlaubstage weniger als alle anderen? Die machen doch denselben Job. Feiertage gibt es für uns alle nicht. Wenn wir zum Beispiel am nächsten Dienstag, einem gesetzlichen Feiertag, arbeiten, bekommen wir dafür keinen Ausgleich. Und wenn wir nicht arbeiten, zählt es als Urlaub. Das Weihnachtsgeld wurde uns um 20 Prozent gekürzt.

Auch während der Arbeitstage gibt es Dinge, die wir nicht in Ordnung finden. Ein Beispiel: Angenommen, ich hole morgens eine Bahn auf dem Betriebsgelände ab, die in Littenweiler starten soll. Die halbe Stunde, die es dauert dorthin zu kommen, zählt nicht als Arbeitszeit, ebenso wenig wie die halbe Stunde, die ich abends von Littenweiler zurück zu meinem Auto auf dem Betriebsgelände brauche.

Das sind alles Dinge, die die Öffentlichkeit nicht mitbekommt, die sehen nur: Ah, heute fahren mal wieder keine Bahnen, Sauerei. Wir haben auch schon darüber nachgedacht, an Streiktagen Aktionen zu organisieren, um den Menschen näher zu bringen, was wir fordern. Wir haben zum Beispiel gerade diskutiert, mal eine Demo am Bertoldsbrunnen zu starten, aber wir wissen auch nicht so genau, ob wir das von uns aus machen können, oder ob das von Verdi ausgehen muss. Allgemein könnte die Informationspolitik der Gewerkschaft besser sein. Wenn gestreikt wird, erfahren wir das genauso wie alle anderen Bürger aus den Medien.

Und wenn man den Zeitungen glauben kann, haben wir sowieso nur Gegner. Dass die Fahrgäste sich ärgern, können wir verstehen, aber einige Äußerungen von Oberbürgermeister Dieter Salomon nicht. Er hat zwar Recht, wenn er sagt, dass Fahrer privater Busunternehmen noch ärmer dran sind, aber die Bedingungen, unter denen die arbeiten, grenzen an moderne Sklaverei. Wenn Salomon sich daran orientieren will, dann gute Nacht.

Wir wissen auch, dass ein Streik keine optimale Lösung ist, weil er die falschen trifft. Aber wir sehen darin die einzige Möglichkeit, unseren Forderungen Druck zu verleihen. Wenn jemand einen besseren Vorschlag hat, kann er ihn gerne machen.“

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[Bilder: Maxi]