Warum wir dem Hipster dankbar sein sollten

Manuel Lorenz

Der Hipster hat es nicht leicht, dieser Tage: Alle hassen ihn – obwohl sie ihm eigentlich dankbar sein sollten. Eine Verteidigung von fudder-Redakteur Manuel Lorenz:



Alle hassen den Hipster. Die FAZ fordert genervt dazu auf, „Schluss mit dem Hipsterspuk“ zu machen, die TAZ identifiziert den  „Sündenbock Hipster“, das Satiremagazin Titanic lässt ihn überfallen und entstellen, die Website lookatthisfuckinhipster.com sammelt Fotos von Hipstern und macht sich über sie lustig. Und als ob das alles nicht genug wäre, ist gerade der erste Hipster-Hass-Roman erschienen – Julian Heuns „Strawberry Fields Berlin“.


Was die Kritiker stört: seine Oberflächlichkeit, sein fehlendes kulturelles, politisches und gesellschaftliches Engagement, seine große Konsumaffinität, seine krankhafte Kindheitssehnsucht, sein Avantgardegehabe, seine Übercoolness, seine Dauerironie, seine Arroganz. Das alles ist zwar nachvollziehbar, ist aber nur eine Seite der Medaille. Und wer die andere Seite nicht ins Kalkül zieht, ist ungerecht und bigott. Die Vorwürfe verschweigen nämlich, dass der Hipster viel verändert hat und wir ihm viel zu verdanken haben.

Der Hipster frischt Subkulturen wieder auf

Hiphop interessierte Mitte der Nullerjahre nur noch Nostalgiker, da tauschten Rapper wie Kanye West ihre Baggy Pants gegen enge Hosen aus und fingen an, sich raffiniert zu kleiden. In ihren Texten gaben sie nicht mehr den harten Gangster, sondern zeigten sich reflektiert und ironisch. Die Musik öffnete sich Indierock und Electronica. Tyler The Creator, Drake, Frank Ocean, Kendrick Lamar. Die Liste der Hipster-Rapper, die Sprechgesang neuen Drive verliehen und ihn auch außerhalb der Szene wieder ins Gespräch gebracht haben, ist lang.

In Deutschland frischten Künstler wie Casper, Kraftklub und Cro den Hiphop auf – sowohl modisch als auch musikalisch. Bei Casper und Kraftklub kommt modisch wie musikalisch der Indierock durch, Cro designte vor seiner Musikkarriere T-Shirts, auf die er Dreiecke druckte. Gerade entwirft er eine Modelinie für H&M. Ein Blick in die Elektro- und Indieszene(n) zeigt, dass auch dort erfolgreich hipsterisiert worden ist.

Auch die Skaterszene hat der Hipster erneuert. Einerseits erwählte er sich das Longboard zum Fortbewegungsmittel – das unhandliche Ur-Skateboard aus den 50ern, das längst in Vergessenheit geraten war. Andererseits verpasste er dem Skatevideo einen Neuanstrich. In den 90ern kursierten jene Videos noch auf VHS-Kassetten und zeigten Teufelskerle, die zu Punk, Grunge und Hardcore heftige Sprünge und spektakuläre Tricks vollführten.

Im Youtube-Zeitalter sieht das Skatevideo anders aus: Androgyne Schönlinge cruisen in Superzeitlupe durch pastellfarbene Landschaften. Irgendwer pustet Seifenblasen ins Bild; im Hintergrund läuft Electro-Indie-Singer-Songwriter-Musik. Ähnlich verhält es sich mit dem Snowboard- und BMX-Video.

Der Hipster lehrt uns, das Alte zu schätzen

Was Technik angeht, regierte lange die Trias „höher, schneller, weiter“. In den 90ern galt der Discmen als State of the Art, in den frühen Nullern die Digicam. Dann bekam jedes Handy eine hochauflösende Kamera und die MP3 verdrängte die CD. Einerseits umarmt der Hipster diese Entwicklung – schließlich versteht er sich als Early Adopter und Trendsetter.

Gleichzeitig kehrt er zurück in sein Kinderzimmer, kramt Walkman und Audiokassetten hervor, plündert den Dachboden seiner Eltern, wo unter einer Staubschicht Plattenspieler und Schallplatten lagern, erbettelt sich Mamas Polaroid-Kamera und Papas alte Minolta und beschert längst Totgesagtem einen zweiten Frühling.

Die große Sehnsucht nach seiner Kindheit führt den Hipster in Second-Hand-Läden und auf Flohmärkte – Orte, die bisher von Überraschungseierfigurensammlern und anderen Sonderlingen bevölkert wurden. Der Hipster sucht dort nach Fernseh- und Telefonapparaten aus den 70ern, Turnschuhen und Sonnenbrillen aus den 80ern und 90ern, nach Möbeln, Büchern, Bildern und Spielzeug. Ohne es zu ahnen, ist er Archäologe und Archivar, gräbt aus und bewahrt, was lange Zeit vergessen schien, und versieht es mit neuem Wert.

Auch die alte Tugend des Selbermachens hat der Hipster rehabilitiert. Nie war Handgemachtes zeitgemäßer als heute. Postkarten, Schmuck, Sofas, Taschen –  do it yourself und verkauf’s auf Dawanda! Die Internetplattform hat 2,5 Millionen Mitglieder. Auf ihr bieten 190.000 Hersteller rund drei Millionen Produkte an.

Cafés verkaufen selbstgemachten Kuchen nach Omas Rezept – am liebsten mit Zwetschgen oder Rhabarber. Der Espresso kommt nicht mehr aus dem Vollautomaten, sondern aus einem italienischen Siebträger – vorzugsweise eine alte Faema.

Der Hipster macht hässliche Dinge schön

Keine Frisur war so hässlich wie der Vokuhila, keine Gesichtsbehaarung so assi wie der Oliba. Aber dann kam der Hipster und adelte sowohl die Mantamatte als auch den Pornobalken. Mittlerweile trägt er seine Haare im Nacken und an den Seiten ausrasiert und oben sauber seitengescheitelt – ein Haarschnitt, der bis dato an die Hitlerjugend erinnerte. Im Gesicht lässt er sich jetzt jenen Vollbart wachsen – bislang Corporate Identity salafistischer Hassprediger.

Er hat sich Hornbrillen und andere Nerdcessoires anverwandelt: Hochwasserhosen, Strickpullis, Casio-Uhren, Apple-Computer und Club-Mate. Er hat uncoole bis ausgestorbene Fortbewegungsmittel wie Longboards und Rennräder wiederentdeckt sowie Öko-Insignien wie Stoffbeutel, vegane Ernährung und regionale Produkte mit dem Weihwasser seiner Hipness besprengt. Wenn alles nach Plan läuft, schafft er es sogar, den aus Schulzeiten verhassten Turnbeutel cool zu machen.

Am Dienstag nannte die SZ den Hipster einen „gescheiterten Missionar“ und erklärte ihn für tot. Das ist in zweifacher Hinsicht falsch. Erstens hat sich der Hipster nie als Missionar verstanden, und selbst wenn: Er hat den Nullerjahren sichtlich seinen Stempel aufgedrückt. Ob er Einzeltäter war, Helfer hatte oder selbst nur Multiplikator war, ob von alledem etwas bleiben wird, sein Einfluss nachhaltig ist, oder doch zu sehr Pose – keine Ahnung.

Zweitens ist er noch quicklebendig – auch wenn Adepten altehrwürdiger Subkulturen eine hornbebrillte Voodoo-Puppe mit sich führen, die, mit zahlreichen Nadeln gespickt, einem Mettigel gleicht. Das Problem: Keiner will sich zum Hipstertum bekennen, obwohl nicht wenige ihm angehören. Der Hipster, das sind immer die anderen. Seinen Tod sollten wir aber erst dann ausrufen, wenn wir den ersten Stoffbeutel sehen, auf dem in Comic Sans geschrieben steht: „Hipster’s Not Dead.“

Woher kommt der Hipster?

Das Wort „hip“ kursierte erstmals in der Jazz-Szene der 20er und 30er Jahre und bezeichnete angesagte Musik. Der Begriff „Hipster“ geht zurück auf den „Hipster’s Blues“ des Sängers und Boogie-Pianisten Harry Gibsons; mit seinem Essay „The White Negro“ etablierte der Schriftsteller Norman Mailer den Hipster auch außerhalb des Jazz.

Um die Jahrtausendwende galt der New Yorker Stadtteil Williamsburg als Hipster-Hochburg; mittlerweile soll es den Hipster nach Bushwick verschlagen haben. In Deutschland tummelt er sich unter anderem in  den Berliner Bezirken Kreuzberg, Neukölln und Mitte. In Freiburg findet man ihn im Stühlinger und in Haslach. manu

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  • fudder: http://fudder.de titel="">Ich steh' dazu: Ich bin ein Hipster
[Illustration: Karo Schrey]