Warum Metal?

Friederike

Es gibt Menschen, die den Klang stark verzerrter E-Gitarren mögen, die harte Riffs lieben und denen beim Namen "Immortal" das Herz aufgeht. Ein subjektiver Erklärungsversuch zur Frage, warum Heavy Metal zur Leidenschaft werden kann und wie die Umwelt darauf reagiert.



Innerself

„Das hätte ich jetzt nicht von dir gedacht!“ Es ist erstaunlich, welche Reaktionen man mit einem Sepultura-T-Shirt hervorrufen kann. Ich bin zu fröhlich, zu klein und zu niedlich, als dass Leute mir Metal als bevorzugte Musikrichtung zuordnen würden. Schließlich ist Metal böse, dunkel und aggressiv. Und männlich.

Es fing in der siebten Klasse an. Mein Bruder beeinflusste mich. Er zeigte mir, was Headbanging ist, überspielte mir Metallica, Guns’n’Roses und Megadeth auf Kassette und schwärmte mir vom Metallicakonzert in Hannover vor. Als ich alt genug war, ging ich mit ihm in den Lindenhof, eine liebenswerte, niedersächsische Dorf-Metaldisko. Meine Freundinnen hörten Pur und Bon Jovi. Ich konnte sie nicht mehr überzeugen, es war zu spät.

Heute gibt es den Lindenhof längst nicht mehr und ich bin vom metallastigen Norden in den metalarmen Süden der Republik gezogen, weit weg von meinem liebsten Musiklieferanten.

Meine hiesigen Freundinnen stehen auf Xavier Naidoo, Manu Chao und Äl Jawala. Wenn eine von ihnen zu Besuch kommt, mache ich das Radio an. Oder gar keine Musik. Bis vor kurzem wohnte ich in einer Dreier-WG. Meine Mitbewohnerinnen freuten sich stets, wenn ich die Musik wieder ausmachte. „Danke“, sagten sie dann lächelnd. „Schon okay“, sagte ich. Und wartete, bis sie wieder weg waren.



Prowler

Wenn ich am Wochenende weggehe, dann gern ins Cräsh. Das ist die einzige Disko, in der ab und zu nach meiner Definition richtiger Metal läuft. Allerdings auch nur ein paar Lieder. Eine zeitlang probierten die Betreiber regelmäßige Metalnächte unter der Woche aus. Es kamen nur wenige, die Themenabende  wurden seltener. Die nächste pure Metaldisko befindet sich in Ludwigsburg, und das ist mir zu weit weg für einen Abend.

In den Kneipen sieht es hingegen ganz gut aus. Eimer, MyWay. Und im Walfisch kann es durchaus passieren, dass mal einen Abend lang Klassiker aus den Boxen dröhnen.



Mighty Ravendark

Dennoch, wer Metal hört, ist in der Minderheit. Er wird regelmäßig mit Unverständnis und Intoleranz konfrontiert. Andere Menschen können nicht verstehen, dass hämmernde, düstere Eintönigkeit, gepaart mit rabenartigem Gesang (zum Beispiel bei Immortal) eine wunderschöne Musik beim Kochen sein kann, dass man zu nichts besser joggen kann als zu Ministry und dass skandinavischer Vikingmetal zum Frühstück ein perfekter Start in den Tag ist.

Umgekehrt kann sie durchaus ebenfalls dazu verhelfen, sich in Aggression oder Depressivität hineinzusteigern.

Die Bandbreite des Metal ist so vielfältig, dass wohl kaum ein Fan dieser Stilrichtung alles gut finden kann, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. In jedem Fall ist es für einen Metalhead ziemlich hart, wenn er über längere Zeit Dancefloor ertragen muss.

Aber Metalfans sind gutmütige Menschen, die Geduld haben, bis eben endlich wieder ein gutes Lied kommt. Dann rotten sie sich zusammen, schütteln ihre Haare und schmelzen dahin.

Gerade, weil sie ständig in der Minderheit sind, freuen sie sich ungemein, wenn sie einen Gleichgesinnten treffen. „Ach schau an, du warst auch auf dem Wacken!“ Am Armband erkennen sich diejenigen, die regelmäßig auf das Riesen-Festival fahren. Wer gar jemanden trifft, der das T-Shirt der eigenen Lieblingsband trägt, hat gleich einen guten Gesprächspartner.



Coma of Souls

Nur einmal im Jahr, wenn die Straßen des kleinen Dorfes Wacken in Schleswig-Holstein von schwarz gekleideten Langhaarigen gesäumt sind, ändert sich das Mengenverhältnis. Die Metalfans, die vom Festivalgelände aus in die Dorfstraßen und ins örtliche Schwimmbad strömen, sind plötzlich in der Mehrheit. Manchmal verirren sich Dorfbewohner auf das eigentliche Festivalgelände, sammeln Pfandflaschen und werden von den Festivalbesuchern angestarrt.

Ein Phänomen, das die Regisseurin Cho Sung-hyung in ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm Full Metal Village gezeigt hat.



Eine schöne Symbiose der Kulturen ist zu beobachten, wenn die Wackener Feuerwehrkapelle für die Metalgemeinde aufspielt. Zu Humptata tanzen die Metaller vor der kleinen Biergarten-Bühne Polonaise, während im Hintergrund der Metal dunkel dröhnt.

Ich möchte meiner Musik an dieser Stelle nicht bedingungslos huldigen, denn es gibt durchaus Dinge, denen ich skeptisch gegenüber stehe. Ich gerate hin und wieder in das Dilemma, dass ich eine Band musikalisch fantastisch finde, die Texte aber verabscheuenswert. Liedzeilen, die den Teufel und die Unterwelt zelebrieren, kann ich nicht ohne Skrupel mitsingen, sofern es da überhaupt etwas zu singen gibt. Rammstein haben einen schlüpfrigen Text über die Vagina gedichtet. Das Lied heißt „Fellfrosch“ und ich finde es ziemlich widerwärtig. Trotzdem höre ich es mir gerne an, denn abgesehen vom Text gefällt es mir.

Altars of Madness

Ein häufiger Vorwurf dem Metal gegenüber ist der Satanismus. Es ist ungerecht, diesen Vorwurf zu verallgemeinern. Fakt ist aber, dass viele und vor allem Black Metal Bands damit spielen oder ernsthaft hinter ihrem satanistischen Image stehen. Wenn ich auf einem Konzert blutbesudelte Monster vor mir auf der Bühne stehen habe, bin ich hin- und hergerissen zwischen Faszination und Skepsis. Ich bin in einer christlichen Familie aufgewachsen und habe für Satanismus kein Verständnis.

Auf Konzerten passen jedoch Teufel und Musik zusammen und der Gesamteindruck ist mitreißend. Weiß-blaues Flackerlicht, rasend schnelle Drums und Riffs, krächzender Gesang und Synchron-Headbanging auf und vor der Bühne verfehlen ihre Wirkung nicht. Dabei bleibt der Text zu großen Teilen unverständlich. Aber man versteht auch ohne Worte, worum es geht: Um Teufel, Tod und Verderben.



Def Metal

Wer aber glaubt, dass solche Texte die gute Laune verderben können, liegt falsch. Mir gibt ein gutes Konzert noch Tage später positive Energie, sei sie nun hervorgerufen durch eine fröhliche Power Metal Band oder eine schwere Black Metal Band.

Die regelmäßige Vorfreude auf das Wacken-Open-Air ist auch nach vielen Jahren nicht geschmälert. Sie beginnt mit dem ersten Tag nach Festivalende und steigert sich im Verlauf des Jahres, bis es wieder soweit ist. Bleibt zu hoffen, dass die Technik der Hörgeräte weit fortgeschritten ist, wenn ich einmal im Alter der Schwerhörigkeit angekommen bin. Das ist meine einzige Sorge.