Warum Jugendliche Tierfilme statt Pornos auf ihrem Handy gucken

Tamara Keller

Jugendliche schauen auf ihren Smartphones Gewaltvideos und Pornos - so das Vorurteil. Der Kulturwissenschaftler Christian Ritter hat mit 90 Jugendlichen gesprochen und an die 400 Handyvideos analysiert. Das Ergebnis zeigt die Wanderausstellung "Handyfilme - Jugendkultur in Bild und Ton" in Basel. fudder-Autorin Tamara Keller hat mit ihm gesprochen:



Die Eröffnung eines Fußballspiels, ganz viele Konzertmitschnitte und die Liverpool-Fans in Basel – das alles sind Videos, die ich auf meinem Handy habe. Inwieweit decken sich diese Videos mit dem, was Jugendliche auf ihrem Handy haben?

Christian Ritter: Diese Filminhalte entsprechen ziemlich genau denen, die wir auch in unserer Forschung erhoben haben. Es ist typisch, denn es ist eine Mischung aus ganz alltäglichen Situationen und der Dokumentation von Dingen die den Alltag ein bisschen durchbrechen oder besonders machen – zum Beispiel wenn die Liverpool-Fans in Basel zu Gast sind.

Warum sind diese Art von Videos auf den Handys von den Jugendlichen zu finden?

Die Jugendlichen haben mit ihren Smartphone immer eine einsatzbereite Kamera in der Hosentasche, die leicht und einfach zu bedienen ist. Dadurch wird sogut wie alles gefilmt, dass mit dem Alltag zutun hat und filmwürdig ist. So entsteht eine ganze Bandbreite an Material die mich sehr beeindruckt hat.

Welchen Inhalt empfinden Jugendliche filmenswert?

Ein „Klassiker“ ist das filmen von Tieren oder wenn man unterwegs ist: aus dem Zugfenster heraus, auf Urlaubsreisen, mit Freunden Nachts beim Feiern oder auf Konzerten.

Für den Griff zur Handykamera gibt es verschiedene Beweggründe:  Oft laufen die Jugendlichen an eine Situation heran, die sie als speziell wahrnehmen und denken sich, die ist filmenswert. Es werden auch Dinge gefilmt, weil bereits andere Leute diese filmen oder aus Langweile heraus. Wir haben einige Filme erhoben, die beim Pendeln, also an Bahnhöfen, Busstationen oder im Zugabteil gefilmt wurden. Die Jugendlichen erleben dort eine Leerstelle, die sie füllen müssen. Das Gemeinsame agieren vor und hinter der Kamera oder das Anschauen von Videos kann die Situation mit Sinn füllen und kurzweiliger gestalten.

Bei den Erwachsenen herrscht oft das Vorurteil, dass sich auf den Handys der Jugendlichen viele Gewalt- und Pornofilme befinden. Warum haben sie diese Art von Video jetzt nicht aufgezählt?

Das hat zwei Gründe: Erstens gibt es von diesen Filmen nur sehr wenige auf den Smartphones. Zweitens interessieren uns als Alltagskulturforscher, die Filme die Jugendliche grundsätzlich auf ihrem Handy haben. Wir wissen aus quantitativen Studien für die Schweiz, aber auch für Deutschland, dass nur sehr wenige Jugendliche  
Filme mit pornographischen oder gewalthaltigen Filmen produzieren und verschicken.

Wenn sie solche Filme auf dem Handy anschauen, dann sind das meistens welche aus dem Internet. Trotzdem ist die Vorstellung, dass Handyfilme das Werkzeug für gewalthaltige und sehr pornographische Handlungen sind, sowohl bei Eltern als auch bei Pädagogen oft weit verbreitet. Insofern haben wir bewusst versucht auf die andere und alltägliche Seite hinzuweisen und zu zeigen: Handyfilme sind eine soziale Ressource und keine Gefahr.

Wenn „Sex and Crime“ quantitativ nicht nachweisbar ist, warum gibt es diese verbreitete Meinung dann trotzdem?

Einerseits hat das mit dem Mediensystem zutun. In der Boulevardpresse gibt es eine Lust an der Skandalisierung von Nachrichten. Wenn Handyfilme in den meinungsmachenden Organen Erwähnung finden, dann ist das fast immer im Zusammenhang mit Straftaten. Da wird ein sehr einseitiges Bild gezeichnet. Dass dieses so schnell von der Gesellschaft angenommen wird, kann medienhistorisch und kulturhistorisch begründet werden: Das Aufkommen von neuer Technik, insbesondere Medientechnik, war schon immer mit Warnungen für die angeblich gefährdete Jugend verbunden. Das war so beim Buchdruck, bei der Einführung des Kinos, beim Aufkommen des Radios oder zuletzt bei den Debatten um die sogenannten Killerspiele.

Warum ist das so?

Bei der Beschäftigung mit solchen Inhalten geht es immer um Kontrollverlust und darum gesellschaftliche Hierarchien und Normen auszuhandeln. Mit den Handyfilmen ist ein neues Medium da, mit dem die Jugendlichen sehr selbstverständlich umgehen. Sie verstehen die Technik, aber auch die kulturelle Bedeutung. Beides ist vielen Erwachsenen aber nicht vertraut. Es geht also auch um die Angst der Erwachsenen vor Kontrollverlust und darum gesellschaftliche Hierarchien und Normen auszuhandeln. Früher oder später wird sich der Gebrauch aber so veralltäglichen, das kaum mehr darüber gesprochen wird. Bereits in den letzten zwei Jahren wurde schon deutlich weniger Skandalisierung betrieben als noch vor fünf Jahren.

Haben sie die weniger vorkommenden Gewalt und Sexvideos trotzdem in ihre Studie miteinbezogen?

Aufgrund quantitativer Erhebungen haben wir damit gerechnet, dass solche Filme auch in unserer Studie nicht in hohem Maß vorkommen werden. Wir konnten aber sehr frei und ungezwungen mit vielen Jugendlichen sprechen, die sich auch sehr dezidiert über ihren Konsum von gewalthaltigen und pornographischen Filmen auf dem Handy Auskunft gegeben haben.

Wir waren positiv überrascht, dass bei vielen wirklich eine Reflexion über das Thema stattfindet. Ein paar wenige Filme mit Sexszenen haben wir von den Jugendlichen bekommen. Zum Beispiel geht da eine Männergruppe nachts nach Hause und sieht in einem weit entfernten Hauseingang ein Paar, dass sich vergnügt, was sie dann auch gleich filmen. Wegen der Distanz zum Geschehen ist aber nichts konkretes auf dem Film zu sehen. Es ist weniger interessant, das mit dem Video Sex gefilmt wurde. Stattdessen geht es um den gemeinsamen Moment der Gruppe: Jemand entdeckt die Situation, einer filmt und dann schauen alle den Film zusammen an und lachen darüber.

Was haben die Jugendlichen zu dem schlechten Ruf ihrer Handyfilme gesagt?

Viele nehmen die Debatten über Handyfilme als eine ungerechtfertigte Bevormundung wahr und sehen sich durch die Erwachsenen vorverurteilt. Sie haben sich darüber beklagt, dass sie von den Erwachsenen alle in einen Topf geschmissen werden. Ein Großteil hat auch betont, dass sie hohe ethische Maßstäbe haben und zum Beispiel eine Gewaltsituation oder einen Unfall nicht filmen würden. In ihren Augen wäre das primitiv.

Welchen Stellenwert haben Handyfilme wirklich für Jugendliche?

Sie haben einen hohen Stellenwert, weil sie die sozialen Prozesse initiieren und begleiten. Wegen der oft als „schlecht“ wahrgenommen Qualität sprechen viele der Jugendlichen ihren Filmen aber eine größere Bedeutung ab. Von Bedeutung ist aber der Inhalt, der oft einen hohen Erinnerungswert hat. Konzertfilme sind da ein gutes Beispiel: Die technische Ausstattung des Geräts ist viel zu schlecht, um die Musik in guter Qualität aufnehmen zu können. Gefilmt wird eigentlich zur Erinnerung und um die Atmosphäre einzufangen. Allerdings wissen wir durch die Befragungen, dass die meisten dieser Handyfilme kaum mehr angeschaut werden.

Die Erinnerung ist vor allem im Moment des Filmens wichtig. Hinzu kommt, dass natürlich sehr viele Filme und Fotos gemacht werden. Das sind Unmengen von Daten, die auf den Geräten sind. Nur die wenigsten überspielen diese Filme zum Beispiel auf den Computer oder machen ein Backup. Es ist quasi ein temporäres Foto- oder Filmalbum, dass immer weiter wächst.Wenn das Handy verloren geht oder kaputt ist, sind logischerweise auch die Filme weg.

Zur Person

Christian Ritter, 36, ist Kulturwissenschaftler und hat an dem Forschungsprojekt „Handyfilme – Künstlerische und ethnographische Zugänge zu Repräsentationen jugendlicher Alltagswelten“, mitgearbeitet, das 2012-2014 von der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) durchgeführt wurde. Im Anschluss an das Projekt entstand die Wanderausstellung „Handyfilme – Jugendkultur in Bild und Ton“, die noch bis am 31. Mai in der Medien- und TheaterFalle in Basel zu sehen ist.

Mehr dazu:

Was:
Wanderausstellung "Handyfilme - Jugendkultur in Bild und Ton"
Wann: Dienstag, 31. Mai, 10 bis 17 Uhr
Wo: Medien- und TheaterFalle, Dornacherstrasse 192, CH-4053 Basel [Foto: privat/ZVG]