Warum immer weniger Studierende in der Gastronomie jobben

Franziska Brandsch

Eigentlich war Jobben in der Gastronomie bei Studierenden beliebt. Das ist nicht mehr so – Personalmangel ist für Betriebe in Freiburg ein großes Problem. Ist die Bologna-Reform Schuld?

Es ist 20.30 Uhr an einem Donnerstag in Freiburg. Kalle, der lieber ohne Nachnamen in der Zeitung stehen möchte, steht mit seinen Kolleginnen hinter dem Tresen des Schlappens und nimmt Bestellungen auf. Dann wirbelt der 27-Jährige wieder von Tisch zu Tisch und versorgt Gäste mit Getränken.


Der Heilpädagogik-Student an der Katholischen Hochschule arbeitet zweimal pro Woche in der Studentenkneipe. Für ihn ist das ein Nebenjob, der mehr ist als nur Geld verdienen: "Hier denke ich nicht, wie bei anderen Jobs: ’Wann geht die Zeit endlich rum?’"

Viele Studierende ziehen ihr Studium rasch durch

Frank Czaja betreibt seit fast 30 Jahren den Schlappen in der Löwenstraße. "Unser Konzept ist: Studenten bedienen Studenten", sagt er. In den vergangenen Jahren sei es immer schwieriger geworden, Personal zu finden. Das Studium habe sich durch die Bologna-Reform fundamental verändert. "Man muss es heute viel schneller durchziehen", sagt Czaja. "Wer aber darauf angewiesen ist, Geld zu verdienen, hat große Schwierigkeiten. Aufgrund der strengen Anwesenheitspflichten haben viele keine Zeit mehr, um zu arbeiten."

Auch ein Kollege von Kalle meint, Bachelor und Master hätten alles geändert: "Früher war alles entspannter und die Regelstudienzeit lag eher bei zehn Semestern." Kalle glaubt, dass die Studierenden sich angepasst hätten. "Es hat ein Mentalitätswandel stattgefunden seit das Studium umgestellt wurde", sagt er. "Die Studis, die jetzt noch in der Gastro arbeiten, machen Lehramt oder sind Sozialwissenschaftler."

Eine davon ist Laura. Die 24-jährige Lehramtsstudentin, die ebenfalls ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, kellnert im Uni Café in der Niemensstraße. Sie weiß, wie anstrengend diese Arbeit sein kann. "Studierende, die nicht unbedingt drauf angewiesen sind, ist es einfach zu viel, neben den vielen Pflichtterminen an der Uni stundenlang auf den Beinen zu sein", sagt sie.



"Es hat ein Mentalitätswandel stattgefunden seit das Studium umgestellt wurde"Schlappen-Angestellter
Kalle trauert den alten Zeiten ein bisschen nach: "Leute, die 15 Jahre studieren und davon zehn Jahre in der Kneipe arbeiten, weil es Spaß macht und man Geld verdient, Freunde trifft und trinken und feiern kann, gibt’s nicht mehr." Das sieht auch sein Chef so. "Es ist schwieriger geworden Leute zu finden, die das mit Herzblut machen", sagt Schlappen-Chef Czaja. "Ein Job in der Gastro ist nur für Leute geeignet, die das auch wirklich machen wollen."

Das sieht auch Linda Dreier so, die in diesem Jahr das Café Légère im Bermuda-Dreieck übernommen hat. "Studenten bewerben sich kaum", sagt sie. Dreier hat keine Probleme, Mitarbeiter zu finden. Schwieriger sei es mit dem Spaß an der Arbeit. "Wir hatten bisher echt Glück", sagt sie. "Das Handwerk kann man beibringen, aber das richtige Feeling muss jemand schon mitbringen."

Karl-Heinz Willmann, Inhaber des Tacheles in der Grünwälderstraße glaubt, dass die Bologna-Reform nicht nur die Nebenjobs von Studierenden verändert hat, sondern auch deren Ausgehverhalten. "Die Innenstadt ist unter der Woche bereits um Mitternacht ausgestorben, weil sogar die Studenten früh raus müssen", sagt er. "Von Montag bis Donnerstag ist einfach nicht mehr so viel los wie früher."

Zwei Drittel der Betriebe im Südwesten beklagen Personalmangel

Noch schwieriger als Personal für den Service zu finden, ist es in der Küche. "Es ist eine reine Katastrophe", sagt Czaja. Auf der Suche nach Köchen ist auch Edo Medicks von Edo's Hummus Küche in der Dietlerpassage. "Die Arbeit in der Küche ist schwer und für die meisten potentiellen Mitarbeiter einfach nicht gut genug bezahlt", sagt er.

Aktuell sind seine Angestellten Studierende, Minijobber und Geflüchtete; Medicks sucht seit Monaten nach weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, er könnte fünf Menschen mehr beschäftigen. Damit ist er nicht alleine. Alexander Hangleiter, Bezirksgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga Baden-Württemberg sagt: "Der Mangel an Mitarbeitern im Gastgewerbe nimmt für viele Wirtinnen und Wirte ein beängstigendes Ausmaß an."

Personalgewinnung ist für viele Betriebe das größte Problem

Bei einer Konjunkturumfrage im vergangenen Herbst gaben 65 Prozent der Betriebe an, dass die Personalgewinnung ihr größtes Problem darstellt. Auch Hangleiter meint, die Bologna-Reform habe alles verändert, sieht aber weitere Gründe. "Auszuschließen ist auch nicht, dass eine gewisse Anzahl an Studierenden nicht auf eigene Einnahmen während des Studiums angewiesen ist."

Die Gastronomen finden, dass sich grundlegend etwas ändern muss. So sagt Frank Czaja: "Wir haben große Schwierigkeiten mit dem Arbeitszeitgesetz. Ein Student, der unter der Woche viele Vorlesungen hat, aber dennoch Freitag, Samstag und Sonntag Geld verdienen will, darf gar nicht so viel arbeiten." Seiner Meinung nach müsste man statt einer täglichen, eine wöchentliche Arbeitszeit einführen.

Ist die 450 Euro Grenze noch zeitgemäß?

"Wenn der Laden voll ist und man ein bis zwei Stunden länger arbeiten müsste, weil eine Veranstaltung ist, darf es aber nicht – das ist eine Katastrophe. Wir müssen die Leute arbeiten lassen, wenn die Gäste da sind und nicht, wann ein Gesetz es so will." Auch bei Minijobs sieht er Verbesserungsbedarf. "450 Euro im Monat, das entspricht gerade mal einer Schicht. Das reicht den Minijobbern nicht und uns auch nicht."

Er wünscht sich, dass die Minijob-Lohngrenze auf auf 650 Euro aufgestockt wird. Das hält auch Edo Medicks für eine gute Idee; er will, dass sich Arbeit für Nebenjobber und Geringverdiener lohnt. Auch die Dehoga fordert eine Flexibilisierung des Arbeitszeitenrechts.

Kampagne zur Verbesserung des Image von Ausbildungsberufen in der Gastro

Außerdem hat der Interessenverband derweil die Kampagne "Wir Gastfreunde" gestartet: Gemeinsam mit der Landesregierung will man das Image der Ausbildungsberufe im Gastgewerbe verbessern, unter anderem mit einer Website und einem Gastromobil, das auf Landestour geht.

Lehramtsstudentin Lena interessiert das recht wenig – sie ist mit ihrem Nebenjob zufrieden, empfindet ihn aber auch als Zwischenlösung. Sie sagt: "Wenn man noch nichts in der Hand hat, freundlich ist, Geduld hat und mit stressigen Situationen umgehen kann, dann ist das für eine Zeit genau das Richtige."

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