Warum Gamer zur Gamescom pilgern

Manuel Fritsch

Stundenlang Schlangestehen und Gedrängel - und dann nur wenige Minuten Zeit zum Zocken. Das ist die Realität bei der Gamescom, der größten Videospielmesse der Welt. Manuel Fritsch erklärt, warum trotzdem alljährlich hunderttausende Gamer nach Köln kommen:



Die Gamescom in Köln ist als die größte Videospiel-Messe der Welt ein Publikumsmagnet und eine Erfolgsgeschichte für die Spieleindustrie. Rund 335.000 Besucher kamen zwischen Donnerstag und Sonntag vergangene Woche nach Köln. Mehr als 700 Aussteller aus 40 Ländern und rund 30.000 Fachbesucher haben an die 400 neue Spiele und Produkte gesehen und begutachtet.


Bereits vor dem ersten offiziellen Besuchertag am Donnerstag war der erhöhte Andrang der Massen in den Messe-Hallen zu spüren, denn zum Unmut der Presse verkaufte die Kölnmesse für den eigentlich für Fachpublikum reservierten Mittwoch wie auch im Vorjahr zusätzlich tausende von sogenannten "exklusiven Wildcards", die zum erhöhten Verkaufspreis und in limitierter Anzahl einen Tag vor der offiziellen Öffnung der Messe Zutritt in die Hallen erlaubt, zu dem sonst nur die Aussteller und die Presse Zugang haben. Die Motivation, diesen Aufpreis als Besucher zu zahlen, wurde in den folgenden Tagen überdeutlich: Wie auch in den Jahren zuvor bildeten sich vor den Ständen der mit Ungeduld erwarteten Blockbuster Schlangen mit bis mehreren Stunden Wartezeit.

Mehrere Stunden? Warum fahren Menschen für ein Videospiel hunderte von Kilometern quer durch Deutschland, drängeln sich zu Tausenden bei sommerlichen Temperaturen und den damit einhergehenden olfaktorischen Begleiterscheinungen durch enge Messehallen, nur um für 10 bis 15 Minuten eine kurze Spiele-Präsentation oder einen der begehrten Anspielstationen zu ergattern?

Noch dazu für Spiele, die oft noch ein paar Monate später bereits gemütlich zuhause auf dem Sofa spielbar sind? Sind zehn Minuten "anfassen dürfen" der quasi jährlichen Fortsetzung von Call of Duty, FIFA, Battlefield oder Assassin's Creed das wirklich wert?



Unter rationalen Gesichtspunkten und als Außenstehender ist die Antwort eindeutig: Nein, natürlich nicht. Die Spiele erscheinen in den meisten Fällen sowieso wenige Monate nach der Messe und wenn man ehrlich ist, kann man in diesen kurzen Anspielstationen die Komplexität von modernen Spiele auch selten in vollem Umfang erfassen.

Ein Team-Shooter wie das neue Battlefield Hardline entfaltet seinen Reiz, wie in den Vorgängern auch, erst im taktischen Miteinander mit eingespielten Partnern. Beim unerbittlich schweren Rollenspiel Bloodborne dagegen erfordert das Erkunden der riesigen Welt und seinen unzähligen Möglichkeiten und Geheimnissen intensive Hingabe und Ruhe vom Spieler, sowie ein stetiges Lernen aus Fehlern. In der kurzen Zeit mit dem Spiel in Köln erfährt man höchstens einen Bruchteil der eigentlichen Spielerfahrung.

Warum also dieser Andrang trotz des ohrenbetäubenden Krachs, der stundenlangen Warterei und der unfassbar vollen Hallen?

Ein Blick beim Verlassen der Messehallen in die Gesichter der Menschen mit frisch erkämpften Fan-Shirts (oft mit Autogrammen der Entwickler oder YouTube-Idolen) oder in wundervoll detaillierten, handgeschneiderten Kostümen Ihrer Lieblingsfiguren ("Cosplay") verrät es dem aufmerksamen Beobachter: Die Augen in diesen Gesichtern wirken glücklich und wundersam erfüllt. Keine Spur von Enttäuschung oder Ärger ob der Warteschlangen und überfüllten Hallen.

Es sind nicht die wenigen Minuten Spieldemo, die zählen. Der Weg ist das Ziel: das Happening Gamescom mit Gleichgesinnten zu erleben. Die Spielemesse hat sich zu einem Festival für die gemeinsame Passion Videospiel und der sie begleitenden Kultur drumherum entwickelt. Es ist unser Rock am Ring, unser Wacken, unser Public Viewing und vor allem ist es: unser Familientreffen.



Es ist der Treffpunkt für viele Freunde, die sich während des Jahres oft täglich online treffen, um mit Ihrem Clan, ihrer Mannschaft oder Gilde zu spielen, aber sich durch die räumliche Entfernung selten sehen. Es ist der Anlaufpunkt für Fans, ihre Stars live zu erleben und für ein gemeinsames Selfie zu erwischen oder mit eSport-Größen beim League-of-Legends-Finalspiel live mitzufiebern. Und es ist die exklusive Möglichkeit, neue Technologien und Prototypen wie Sony Virtual-Reality-Brille Morpheus vorab auszuprobieren.

Die Gamescom bietet das perfekten Sammelbecken dafür, dem gemeinsamen Hobby zu frönen und gleichzeitig endlich auch die Menschen in echt zu treffen, die man zumindest gefühlt schon gut über das Internet her kennt. Spielen verbindet, aber natürlich sind echte Begegnungen mehr wert als rein virtuelle.

Das erklärt auch, warum 335.000 Menschen durch diese engen Köln-Hallen passen - ohne größere Zwischenfälle oder Unfälle. Die Stimmung ist friedlich und ausgelassen, aber im Vergleich zu Konzerten und Musik-Festivals fließt so gut wie kein Alkohol (zumindest tagsüber). Selbst das gemeinsame Anstehen und Warten wird Dank dem mitgebrachten Nintendo 3DS zum größten Mario-Kart-Turnier der westlichen Hemnisphäre.

Nur noch 357 Tage bis zur nächsten Gamescom. Ich kann es kaum erwarten.



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[Bilder: dpa]