Warum es an der Uni häufig zu Sexismus kommt

Anna Lob

Man ist unterwegs, lernt neue Leute kennen: Das Studium ist eine Phase, in der häufig sexualisierte Übergriffe passieren, sagt Daniela Been von Frauenhorizonte. fudder hat mit ihr darüber gesprochen, wo Sexismus anfängt und wie man sich wehren kann.

#metoo - unter diesem Schlagwort haben in den letzten Wochen im Netz tausende Frauen und Männer von ihren Erfahrungen mit Sexismus und sexualisierter Gewalt berichtet. Spätestens jetzt ist klar: Sexismus ist ein großes Problem in unserer Gesellschaft, über das diskutiert werden muss.


Zum Thema Sexualisierte Diskriminierung an der Hochschule bietet das Gleichstellungsbüro der Uni Freiburg in Kooperation mit Frauenhorizonte e.V. am kommenden Donnerstag einen Workshop an. Den Bedarf dafür habe man schon lange gesehen - der Workshop ist keine Konsequenz der aktuellen Debatte, sondern schon seit längerer Zeit geplant, erklärt uns Daniela Been von Frauenhorizonte e.V., die den Workshop leitet.

Frau Been, wie häufig kommen Sexismus und sexualisierte Gewalt an der Uni vor? Gibt es Statistiken dazu?

"Mit Zahlen ist das immer etwas schwierig. Es gibt Studien - vor allem in den USA. In Deutschland gibt es beispielsweise eine ganz spannende aus dem Jahr 2012. Da wurden 13.000 Studentinnen befragt, von denen 81 Prozent angaben schon einmal Opfer sexueller Belästigung gewesen zu sein. Bei anderen Studien sind es immer mehr als die Hälfte der Befragten. Es gibt also keine feste Zahl, aber man kann festhalten: Mehr als die Hälfte bis 80 Prozent haben schon einmal sexuelle Belästigung erlebt.

Man weiß heute, dass das Studium eine Lebensphase ist, in der sexualisierte Übergriffe häufiger passieren als in anderen Lebensphasen. Studierende beginnen einen neuen Lebensabschnitt, lernen neue Leute kennen, gehen häufiger weg und sind somit eher der Gefahr ausgesetzt in schwierige Situationen zu geraten."

Wo beginnt denn Sexismus an der Universität?

"Das liegt natürlich immer im Auge des Betrachters beziehungsweise der oder des Betroffenen. Ich würde sagen, Sexismus, was die Diskriminierung aufgrund meines Geschlechts bedeutet, oder sexuelle Belästigung beginnt schon weit vor dem strafrechtlichen Rahmen. Das geht nonverbal los, kann also mit Blicken anfangen oder obszönen Gesten und geht bis ins verbale - von blöden Sprüchen bis hinterher pfeifen.

Dann geht es weiter in den tätlichen Bereich, also körperliche Berührungen - sich an jemandem vorbeidrücken, Berührungen im Intimbereich oder an der Brust der Frau. Es ist also ein sehr breites Spektrum. Sexismus und sexualisierte Gewalt entstehen eben auch häufig in Situationen in denen ein Machtgefälle besteht und in einer großen Institution wie der Uni gibt es viele Machtgefälle und Abhängigkeitsverhältnisse, weswegen dass an dieser Stelle häufiger auftreten kann."

Was erwartet die Teilnehmer und Teilnehmerinnen dann am Donnerstag beim Workshop?

"Wir werden allgemein etwas zum Thema Sexismus machen und dann ganz konkret in Fallbeispiele einsteigen und erarbeiten: Was kann man tun? Also was kann man als Betroffene tun, aber auch was kann man als Mitwissender tun. Welche Möglichkeiten bietet die Hochschule und welche strafrechtlichen Möglichkeiten gib es? Diese Dinge sollen beleuchtet werden, um dann in eine gemeinsame Diskussion zu kommen."

Was wäre denn ein Beispiel für eine Möglichkeit sich zu wehren? Wo kann man Hilfe finden?

"Es gibt unterschiedliche Strategien. Viele Betroffene greifen zur defensiven Gegenwehr, das heißt: Ich ignoriere es, ich vermeide es und versuche dem Täter aus dem Weg zu gehen. Dabei hofft man, dass es irgendwann aufhört, aber in der Praxis ist das leider oft nicht so. Deswegen raten wir immer zu einer aktiveren Gegenwehr und ganz klar eine Grenze zu setzen. Zum Beispiel verbal oder schriftlich zu sagen "Ich möchte das nicht, lass das!".

Wenn das nicht ausreicht, sollte man auf jeden Fall andere Personen einweihen, sich also mit anderen vernetzen, denn oft gibt es auch mehrere Betroffene. Aber auch an der Uni gibt es einen Handlungsleitfaden, der beschreibt, was passiert, wenn der Täter nicht aufhört. Die Uni Freiburg hat in dem Bereich schon viel getan.

Wenn es in den Bereich sexuelle Belästigung, sexuelle Gewalt, sexuelle Übergriffe oder auch andere Bereiche von Sexismus geht, kann man sich auf jeden Fall an uns bei Frauenhorizonte wenden. Im Missbrauchsbereich wären es "Wildwasser" oder "Wendepunkt" in Freiburg. Das Gleichstellungsbüro der Uni Freiburg ist Ansprechpartner, wenn es um Stalking oder sexuelle Belästigung geht. Dort können auch rechtliche Konsequenzen eingeleitet werden, wenn es sich bei dem Täter beispielsweise um einen Lehrenden handelt. Bei rechtlichen Fragen kann es auch sinnvoll sein, Anwälte einzuschalten."

Wann schreite ich in einer Situation, in der ich Sexismus beobachte, ein?

"Ich würde sagen, das ist ein Bauchgefühl, also wenn man merkt, dass etwas an einer Situation komisch ist. Mann sollte zunächst immer mit der betroffenen Frau oder dem betroffenen Mann sprechen. Also hingehen und fragen, ob er oder sie Hilfe braucht und nicht für die betroffene Person handeln. Manchmal kann man Situationen nämlich nicht richtig einordnen.

Die Reaktion des Umfelds ist bei diesem Thema auf jeden Fall enorm wichtig. Hab ich als Betroffene das Gefühl, ich bin allein damit, oder ist da Solidarität? Und vor allem - werde ich ernst genommen? Bei unserer Arbeit nehmen wir immer alles ernst. Entscheidend ist, wie der betroffene Mann oder die betroffene Frau einen Vorfall erleben."
Zur Person

Daniela Been ist 37 Jahre alt, Sozialpädagogin und Traumaberaterin. Beim Verein Frauenhorizonte ist sie in der Psychosozialen Beratung und Prozessbegleitung tätig.

  • Was: Workshop -"Sexualisierte Diskriminierung und Gewalt an der Hochschule - Wahrnehmen - Erkennen - Handeln"
  • Wann: 30. November von 16 - 18 Uhr
  • Wo: Werthmannstraße 8, Rückgebäude, 1. OG
Anmeldung und weitere Infos: Anmelden kann man sich noch bis Montag, den 27.11. mit einer E-mail an gleichstellungsbuero@uni-freiburg.de.