Warum ein junger Stadtrat den neuen-alten Standort des Siegesdenkmals falsch findet

Marie Schächtele

Für seinen Vortrag im Gemeinderat über das Siegesdenkmal wurde er von OB Salomon verspöttelt: Sergio Schmidt von Junges Freiburg setzt sich für mehr Geschichtsbewusstsein zu dem Denkmal ein. fudder hat mit ihm gesprochen.

Sergio, wie würdest du das Siegesdenkmal aufstellen?

Sergio: Ich finde, dass es falsch ist, es an seinem alten Platz aufzustellen. Man hätte es seinem Kontext entnehmen und an einer anderen Stelle aufstellen sollen, zum Beispiel im Stadtgarten oder einem anderen Park. Da wäre es zwar ästhetisch, hätte aber nicht mehr seine politisierende Wirkung, weil es von seinem historischen Ort losgelöst wäre.

Durch Beschilderung könnte man dem Denkmal dann einen neuen Kontext geben. Es hätte auch in ein Museum oder in den Außenbereich eines Museums versetzt werden können, damit es als ein Stück Vergangenheit betrachtet hätte werden können.

Zum jetzigen Zeitpunkt finde ich den Vorschlag der Kunstkommission des Kulturamts gut – eine leichte Neigung des Denkmals in Richtung Karlskaserne. Auf die Weise würde die Blickachse gebrochen, die von der Kajo zum Denkmal verläuft. Die Kajo ist die wichtigste Achse unserer Stadt und indem wir das Siegesdenkmal an die Spitze dieser Achse stellen, geben wir ihm auch einen Platz an der Spitze unserer Stadt. Das finde ich nicht gut. Wenn man die Linienführung brechen würde, könnte man auch den ursprünglichen Kontext zerstören und zeigen: Wir wollen, dass das Denkmal auffällt und auch unangenehm auffällt.

Was ist die Bedeutung dieser Art von Kriegsdenkmal?

Das Siegesdenkmal wurde nach dem Deutsch-Französischen Krieg geschaffen, um das 14. Armeekorps, eine badische Soldateneinheit, zu ehren. Das Deutsche Kaiserreich war gegen Frankreich in den Krieg gezogen, das Großherzogtum Baden unterstützte das Deutsche Kaiserreich. Das 14. Armeekorps sollte das Rückzugsgebiet der preußischen Armee, die Paris belagerte, frei halten. Außerdem nahm es Festungen in Frankreich ein. Es musste gegen zahlenmäßig überlegene Gegner kämpfen, aber es handelte sich dabei vor allem um Milizen oder frisch Rekrutierte, weil Frankreich in Kriegsnot war und viele Soldaten benötigte. Für das Korps, das sich so vermeintlich "tapfer" geschlagen hatte, wurde das Denkmal aufgestellt.

Doch der Krieg war meiner Meinung nach völlig sinnlos. Es war ein Kräftemessen zwischen zwei Kaisern. Am Denkmal steht "Den Siegern zur Ehre, den Gefallenen zum Andenken, den kommenden Geschlechtern zum Beispiele". Aber ich will nicht, dass so eine Soldatengruppe für uns Vorbild ist. Es ist ein Stück Kriegspropaganda. Ziel ist es, Krieg zu verherrlichen, das Heroische davon zu vermitteln, das "Kämpf' für dein Heimatland". Es ist sowieso fraglich, warum in Frankreich für das Heimatland gekämpft werden soll. Man sollte Kriege nicht zur Ehre oder zum Kräftemessen führen, sondern nur, wenn es absolut notwendig ist, um eine zivile Bevölkerung zu schützen. Denkmäler dieser Art helfen nicht dabei, das Denken dahingehend zu verändern.



Wie schätzt du den Prozess ein, in dem entschieden wurde, das Denkmal auf dem neuen Platz aufzustellen?

Es war ein viel diskutierter Prozess. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass er sehr differenziert geführt wurde. Es wurde wenig mit tatsächlichen historischen Fakten gearbeitet oder eine sehr detaillierte Diskussion geführt – soweit ich das mitbekommen habe, denn es gab auch schon vor meiner Zeit als Gemeinderat Diskussionen darüber. Es wurde wenig darüber nachgedacht, was das eigentlich für ein Denkmal ist und an wen es erinnert.

In der Gemeinderatsvorlage steht zum Beispiel nur, dass es zum Kriegsende aufgestellt wurde. Das klingt, als würde man damit das Ende des Krieges feiern. Dabei wurde damit eine ganz konkrete Soldateneinheit geehrt. Vielleicht hat man die Fragen zu oberflächlich betrachtet und sich in der Diskussion zu sehr von groben Gefühlen leiten lassen, statt sich ganz genau anzuschauen, was die Aufstellung des Denkmals bedeutet und was für Schlüsse wir als Stadt daraus ziehen müssen.

Was sind deiner Meinung nach die Gründe?

Der Standort wird für die historische Bedeutung als wichtig eingestuft. Es wird gesagt, das Denkmal würde seine Bedeutung an einem anderen Standort verlieren. Es ist so widersprüchlich, wie beim Siegesdenkmal und dem Platz der Alten Synagoge verfahren wird, dass es mir schwer fällt, zu glauben, dass nicht vielleicht doch eine Mentalität im Gemeinderat herrscht, wonach die schlechten Taten, die die Freiburger Stadtbevölkerung während der NS-Zeit getan hat, aus dem Freiburger Stadtbild entfernt werden sollen. Oder mit der Modernisierung des Platzes der Alten Synagoge noch möglichst schön ästhetisch dargestellt: Der Platz der Alten Synagoge ist zwar optisch sehr ansprechend, hat aber seinen Gedenkcharakter völlig verloren. Es erscheint fast wichtiger, einen hübschen Platz in der Innenstadt zu haben als sich mit seiner Historie auseinanderzusetzen. Beim Siegesdenkmal wiederum muss man stolz auf die Taten dieser badischen Soldaten sein – ich kann es mir nicht anders erklären. Vielen in der Stadt ist ein gewisser Patriotismus offenbar doch wichtiger als man offen zugeben möchte.

Wie könnte ein kritischerer Umgang mit der Geschichte aussehen?

Ich finde, dass man aktiv eine Gedenkkultur fördern muss. Und zwar nicht, indem man historische Gegenstände einfach unkommentiert hinstellt und nur eine Stadtentwicklungsperspektive oder ästhetische Perspektive im Sinn hat, sondern indem man sich auch inhaltlich mit der Stadtgeschichte und der Gedenkkultur auseinandersetzt und dafür auch Geld in die Hand nimmt. Hinter jedem Ort, an dem ein Gedenken stattfinden soll, muss ein Konzept stehen.

Auch das, was für uns alltäglich ist, prägt uns stärker als wir es wahrnehmen können, weil es für uns Alltag ist. Wenn so ein Siegesdenkmal so prominent an diesem Platz steht, dann ist das ein Zeichen dafür, dass man für so etwas Platz hat. Und dann wird es für den Einzelnen normal, alltäglich. Man muss versuchen, eine inhaltliche Auseinandersetzung zu fördern, zum Beispiel durch Stadtführungen oder Veranstaltungen, bei denen informiert wird, oder Gedenktafeln.

Inwiefern besteht in Freiburg ein Bewusstsein für den Deutsch-Französischen Krieg?

Das hängt davon ab, mit wem man redet. Im Gemeinderat erlebe ich oft, dass die Räte Themen für sehr selbstverständlich halten und meinen, dass sich damit jeder auskennt. Teilweise habe ich das Gefühl, dass der Gemeinderat sich selbst überschätzt. Die Debatte über das Siegesdenkmal hat gezeigt, dass scheinbar gar nicht soviel Bewusstsein im Gemeinderat herrscht. Ich denke, bei der Bevölkerung ist das Bewusstsein auch nicht so stark. In der Schule wird der Krieg wenn überhaupt nur kurz abgehandelt, zumindest war das bei mir so. Zweiter und Erster Weltkrieg stehen viel stärker im Fokus.

Es wäre gut, wenn man die Neuaufstellung des Siegesdenkmals jetzt zum Anlass nimmt, sich stärker damit auseinanderzusetzen. Die Nähe und Verbundenheit zu Frankreich ist für Freiburg zentral.

Muss nicht gerade Freiburg, das sich gerne als progressiv versteht und auch Unistadt ist, besonders kritisch mit den dunklen Kapiteln seiner Geschichte umgehen?

Ich habe in Freiburg und auch im Gemeinderat das Gefühl, vieles soll erhalten werden. Es gibt einen Erhaltungskult. Ich wünsche mir mehr Widerstand und mehr Engagement von der Seite der Studierenden. Es ist normal geworden, dass man viel umzieht. Aber das hat zur Folge, dass Studierende sich weniger in Freiburg engagieren. Nicht nur der Gemeinderat muss bei historischen Fragen eine kritische Haltung einnehmen. Die Stadtbevölkerung muss das auch befeuern und dahinterstehen. Solange der Gemeinderat nicht kritisch unter die Lupe genommen wird, kann er machen, was er will. Der Gemeinderat kann nur von den Wählern zur Verantwortung gezogen werden.
Im Jahr 2011 wurde beschlossen, dass das Siegesdenkmal wieder aufgestellt wird. Im Jahr 2015 wurde entschieden, dass es vor der Karlskaserne stehen soll. Am 17. November wird das Denkmal aufgestellt.

Sergio Schmidt ist Gemeinderat von Junges Freiburg in der Fraktion "JPG" und hat in einer Rede im Gemeinderat dafür plädiert, das Siegesdenkmal, wie die Kunstkommission vorgeschlagen hat, nicht frontal zur Kajo aufzustellen, sondern in südöstlicher Richtung, um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Denkmal anzuregen.

Sergios Rede zur Debatteüber das Siegesdenkmal im Gemeinderat gibt es hier.

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