Vortrag

Warum die 80er-Jahre-Serie Stranger Things so progressiv ist

Anika Maldacker

Die dritte Staffel von Stranger Things bescherte Netflix im Juli Zuschauerrekorde. Auch die österreichische Wissenschaftlerin Jutta Steiner hat mitgefiebert – und darüber geforscht. Am 10. Oktober spricht sie im Carl-Schurz-Haus über Nostalgie in der Serie.

Wie hast Du das Ende der dritten Stranger-Things- Staffel und den Tod eines beliebten Protagonisten aufgenommen?

Eine alte Fernsehregel besagt ja, dass niemand endgültig dem Tode geweiht ist, wenn man die Leiche nicht sieht. Im Netz kursieren viele Theorien. Der Abspann deutet ja auch schon in eine Richtung – daher denke ich, dass die Fans noch hoffen dürfen.

Du hast darüber geforscht, wie Stranger Things eine Nostalgie-Welle ausgelöst hat. Worum geht es in deiner Forschung?

Für mich war es spannend zu sehen, dass eine Serie, die eine Hommage an die 1980er Jahre ist, selbst in so kurzer Zeit zu einem Pop-Phänomen werden konnte. "Stranger Things" hat ja bei den sogenannten "Kindern der 80er" als auch bei einem jüngeren Publikum länderübergreifend eine Nostalgiewelle ausgelöst hat. Die Serie wird immerhin in mehr als 190 Ländern angesehen.

Ich habe mich dann gefragt, welche Trigger für Nostalgie in der Serie dafür sorgen, dass man sich so gerne an die 80er-Jahre erinnert fühlt. Ich hatte auch das Gefühl, dass Stranger Things das auf kreative Weise macht, obwohl der Serie ja vorgeworfen wurde, nur frühere Erfolgsformate zu kopieren. Häufig wird kritisiert, dass Nostalgie in der Popkultur eine bloße Werbestrategie ist und keine originären Formate hervorbringt und das mag auch oft der Fall sein.

Das trifft aber nicht auf jedes Format zu. Wir begegnen heute in Film und Fernsehen ganz unterschiedlichen Formaten, die ganz unterschiedliche Formen von Nostalgien einsetzen und triggern und ein Format wie Stranger Things kann Nostalgie nicht nur als gute Werbestrategie, sondern auch als kreative und progressive Ressource nutzen.

Inwiefern?

In älteren Horrorfilmen ist es beispielsweise oft so, dass Frauen, die tugendhaft sind, vom Unglück verschont bleiben. Stranger Things bricht damit. Nancy, wird zuerst als Stereotyp eingeführt: ein braves, hübsches Highschool-Mädchen. Dann trinkt sie aber, raucht und hat Sex. Ihre Freundin Barbara, die das ablehnt, wird zum Opfer. Oder Steve, der als beliebter, athletischer Highschool-Boy einen krassen Wandel hinlegt und sich mit dem nerdigen Dustin anfreundet. Es gibt in Stranger Things natürlich Stereotypen, aber sie werden oft gebrochen. Die Kinder sind durchweg queer-codiert, also weichen irgendwie von der Norm ab. Bei klassischen 80er-Jahre-Serien werden Personen oft makellos dargestellt: hübsche Frauen und durchtrainierte Männer. Bei Stranger Things hingegen lispelt Dustin, in der neuen Staffel haben wir einen lesbischen Charakter. Diese Themen findet man in 80er-Jahren-Serien meist nicht. Es wird also eine Zeit von früher gespiegelt, aber viel realistischer und mit dem Wissen von heute.
Jutta Steiner, 27, kommt aus dem Burgenland in Österreich und lebt in Wien. Sie hat Germanistik und Theater-, Film- und Mediengeschichte studiert und schreibt derzeit an ihrer Masterarbeit in Germanistik. Im Juni 2019 erschien ihre wissenschaftliche Monografie "Nostalgie im Upside Down. Das progressive Potenzial von Nostalgie in der Retro-Serie Stranger Things" im Büchner-Verlag.

Was sind nostalgische Trigger?

So etwas wie Plattenspieler oder Musikkassetten. Nostalgie deutet auch immer darauf hin, was in der Gegenwart vermisst wird. Das kann schon allein das Geräusch der Nadel auf dem Vinyl sein – in einer Zeit, in der wir nur einen Mausklick entfernt von einem perfekt durchproduzierten Musiktitel sind. Der ultimative Trigger für Nostalgie ist für viele Fans von Stranger Things sicher auch die Darstellung der Kindheit in den 80er-Jahren. BMX-Räder stehen hier etwa als Symbol für ultimative Freiheit. Menschen, die in den 80er-Jahren groß geworden sind, erinnern sich noch an stundenlange Streifzüge in der Natur und Abenteuer mit Freunden, von denen die Eltern nichts wussten.

Heutzutage würden Eltern ihre Kinder nicht mehr unbeaufsichtigt allein im Wald, geschweige denn auf Bahngleisen herumlaufen lassen. Das hätte aller Wahrscheinlichkeit sogar rechtliche Konsequenzen. Jüngere Menschen, die diese Zeit selbst nicht erlebt haben und deren Freizeit sich hauptsächlich in Innenräumen und vor dem Computer abspielt, können nostalgisch für eine Kindheit in den 1980er Jahren werden, die sie vielleicht mit mehr Freiheiten assoziieren.

Wie bist Du auf dieses Forschungsthema gekommen?

Ich musste damals dazu überredet werden, die Serie anzusehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine Serie mit Kinderprotagonisten, die keine Kinderserie ist, erfolgreich sein kann. Die Serie wurde ja auch von mehr als 15 Netzwerken abgelehnt. Mich hat der ganze Trubel um Stranger Things aber interessiert. Ich hatte auch das Gefühl, dass sich die Serie von anderen 80er-Jahre-Serien unterscheidet, weil sie nicht kritiklos mit der damaligen Zeit umgeht. Klassische Rollenbilder und Stereotypen werden eben nicht so bedient, wie bei anderen Serien wie Full House, wo eine attraktive Frau mit einem eingespielten Pfeifen kommentiert wird.
  • Was: Nostalgie im Upside Down. Das progressive Potenzial von Nostalgie in Stranger Things, aus der Reihe "Televisionary: Amerika in Serie"
  • Wann: Donnerstag, 10. Oktober 2019, 19 Uhr
  • Ort: Carl-Schurz-Haus, Konferenzraum, Eisenbahnstraße 62
  • Eintritt: frei