Kritik

Warum der Kinofilm #Female Pleasure uns alle etwas angeht

Jorinde Wiese

Fünf Frauen, fünf Religionen, eine Message: Die Lust der Frau ist nicht frei, sie ist ein Tabu. Der neue Dokumentarfilm "Female Pleasure" von Barbara Miller macht Tabula rasa. Jorinde Wiese hat ihn für fudder geschaut.

Nach einem erfolgreichen Start mit Standing Ovations beim Filmfestival Semaine de la Critique in Locarno ist der Film #FemalePleasure nun in den deutschen Kinos angekommen. Der Film läuft seit dem 8. November im Kino Harmonie in Freiburg. Die Schweizer Regisseurin Barbara Miller zeigt in ihrem neuen Dokumentarfilm eindrucksvoll, dass die persönlichen Geschichten von fünf Frauen aus fünf verschiedenen Weltreligionen ausreichen, um auf ein globales Problem aufmerksam zu machen: Die Lust der Frau ist nicht frei, sie ist ein Tabu.


Bei der Premiere sitzen 15 Frauen im Kino Harmonie und essen gespannt Popcorn. "Premieren sind unter der Woche nie gut besucht, das muss schon ein Blockbuster sein, damit es richtig voll wird", sagt die Kartenverkäuferin. Es raschelt und knistert nicht lange. Nach wenigen Minuten ist das Popcorn vergessen und Deborah Feldman, Aussteigerin einer chassidischen Gemeinde in New York, Leyla Hussein, eine somalische Aktivistin gegen weibliche Genitalverstümmelung, Doris Wagner, ehemalige Nonne und Missbrauchsopfer, Vithika Yadav, Menschenrechtsaktivistin in Indien und Rodukenashiko, eine japanische Vagina Künstlerin, nehmen uns mit auf eine Reise einmal um die Welt.



Diese Reise, sie ist bunt, vorbei an Giraffen in Kenia, die zum Soundtrack von "No Genital Mutilation" den Kopf wippen, bis hin zu bunten Penis-Lollis in Japan, die auf offener Straße geleckt und gelutscht werden, als ob nichts dabei wäre, während der Künstlerin Rodukenashiko eine zweijährige Haftstrafe droht, weil sie mit ihrem quietschgelben 3D-Vulva-Kajak öffentliches Ärgernis erregt hat. Spätestens, als Layla Hussein die aus bunter Knete geformte Vulva mit einer Gartenschere mit dem ersten, zweiten und dritten Grad der weiblichen Genitalverstümmelung massakriert, denkt keiner mehr an Popcorn oder Cola, alle starren gebannt auf den Bildschirm, halten sich die Hände vor die Augen und haben einen Kloß im Hals "Das ist ja Folter", sagt ein Mann im Film entsetzt, der noch Minuten davor behauptet hat, das Entfernen der Klitoris würde Frauen beruhigen.

#FemalePleasure – Was geht uns das an? Ist das überhaupt aktuell? "Und ob", sagte Barbara Miller in einem Interview. "Schauen Sie doch in die Schweiz, da kommt gerade im Jahr 2018 ein Aufklärungsbuch auf den Markt, in dem die Klitoris komplett fehlt." Wer bei dem Titel #FemalePleasure auf weibliche Lust hofft, der wird enttäuscht, denn man trifft im Film vielmehr auf Repression der weiblichen Lust. Trotzdem zeigt der Film sehr deutlich, dass diese fünf Frauen sich ihre Lust am Leben nicht nehmen lassen und ihr Kampf für Veränderungen in der Gesellschaft auf dem Weg zur Gleichberechtigung und Freiheit ungebrochen ist.

Der Kampf für eine bessere Zukunft der Frauen

Dafür machen sie sich stark und nehmen dabei in Kauf, dass sie ausgestoßen, verfolgt, geächtet, bedroht, angegriffen, ja sogar ins Gefängnis gesteckt werden. Diese fünf Frauen stehen sinnbildlich für alle Religionen, aber vor allem für eines, nämlich den Kampf gegen die "göttliche Ordnung", in der Frauen und Frauenkörper nicht selbstbestimmt sind. Trotz all dem Leid, welches den fünf Frauen widerfahren ist, hören sie nicht auf, für eine bessere Zukunft zu kämpfen: Ohne Genitalverstümmelung, ohne Vergewaltigung, sexuelle Gewalt und ohne das großen Tabu der weiblichen Sexualität.

Ob uns das etwas angeht? Ja, und zwar uns alle.
Der Film #Female Pleasure läuft montags, dienstags und mittwochs um 18.40 Uhr in der Harmonie Freiburg, Vorstellung im englischen Original mit Untertiteln.

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