Warblogs: "Ich habe den Krieg überlebt!"

Anselm Müller

“Ich bin weiblich und 24 Jahre alt. Ich habe den Krieg überlebt. Mehr braucht ihr nicht zu wissen.” Mit diesen Sätzen startete die irakische Bloggerin Riverbend am 17. August 2003, also drei Monate nach dem offiziellen “Ende der Kampfhandlung”, ihr Weblog. Genauer gesagt: ihr Warblog. So bezeichnet man Weblogs, die in Kriegsgebieten erscheinen und sich unmittelbar mit den Kriegserfahrungen der Menschen beschäftigen. Anselm hat sich acht solcher Warblogs angesehen.



Bagdad Burning

Bagdad Burning ist der Name von Riverbends Weblog. Ihr letzter Eintrag war am 5. August: Summer of Goodbyes. Dort berichtet sie, dass eine neue Art des Terrors die Einwohner Bagdads heimsuche. Sie erhalten Briefumschläge, die eine Kalaschnikow-Patrone und einen Brief beinhalten, der sie auffordert, sofort das Haus und die Stadt zu verlassen... Die Überbringer dieser Botschaften sind in Bagdad bekannt, es ist die Mahdi Miliz des Schiitenführers Muqtada Al`Sadr. Im Juli beherbergten Riverbends Eltern zwei vertriebene Familien. Die Amerikaner würden nichts gegen diese Vertreibungen unternehmen. Auch die Kleiderordnung habe sich seit “Kriegsende” drastisch verändert. Konnte die Bloggerin früher Jeans und T-Shirts tragen, so muss sie heute ein Kopftuch aufziehen, um nicht an jeder Kontrolle schikaniert zu werden. Selbst Christen tragen neuerdings Kopftücher. Und die von Georg W. Bush angestrebte Rückkehr von Exilirakern ins Land sieht Riverbend als gescheitert an. Sie schätzt die Zahl der Iraker, die diesen Sommer geflüchtet sind, auf mehrere Hunderttausend ein.



The Will to exist

Wer Berichte von US-Soldaten studieren will, die im Irak stationiert sind, der sollte sich das Forum Blogsofwar.com oder das Warblog The Will to exist anschauen. Das Blog wird von Trevor (35) einem Mitarbeiter einer öffentlichen US-Einrichtung, Shane (30) einem Informatiker, Sergeant James “Rocket” Sherril und Jeff, Soldat und Fotojournalist geführt. Die neusten Einträge beschäftigen sich mit der Verstärkung der US-Streitkräfte in Bagdad. Trevor sieht die Befriedung Bagdads als den Schlüssel des ganzen Irakproblems an. Shane beschäftigte sich dagegen in einem sehr kritischen Beitrag mit dem Verhältnis zwischen den USA und der Bundesrepublik. Dabei ging es um die Freilassung des Flugzeugentführers Mohamed Ali Hammadi, der am 15. Dezember 2005 nach neunzehn Jahren Gefängnis in Deutschland auf Bewährung entlassen und einen Tag später in den Libanon abschoben wurde. Shane mutmaßt in seinem Beitrag, dass es eine Verbindung zwischen der Freilassung von Hammadi und der Befreiung der entführten deutschen Archäologin Susanne Osthoff geben könnte.



Bob`s Blog

Bob ist 28 Jahre alt und Wassermann. Er lebt im Libanon. Am Anfang seines Blogs schlug er sich mit Fragen rum, welches Buch er als nächtes lesen solle. Bloggen war für ihn eine Abwechslung zu seinem alltäglichen Arbeitstag. Mit Beginn des Libanonkrieges änderte sich dies aber schlagartig. Seine Kommentare zu den Vorgehensweisen der Hisbollah, die Häuser von Zivilisten für ihre militärischen Ziele missbrauchen, sind äußerst vielseitig und kritisch. Eine seiner Beiträge beschäftigt sich mit der Frage, in wie weit die Methode “Human Shield” der Hisbollah dazugeführt hat, dass vermehrt Zivilisten gestorben sind.

Ein sehr eindringlicher Beitrag beschreibt den Versuch der Bevölkerung, den Alltag wieder zu etablieren, indem Geschäfte öffnen und Waren zum dreifachen Preis verkaufen. Ebenso berichtet er, dass der Alkoholkonsum und der Konsum von Beruhigungstabletten neue Rekorde erzielen.

Hopeful Beirut

Ein absolut eigenwilliges Warblog führt die 23-jährige Joumana Mattar Moukarzel aus Beirut. Ihre Beiträge sind eher poetisch-philosophischer als tagesaktueller Natur. Sie bloggt, um dergestalt ihre Humanität, ihr “Menschsein” in Zeiten des Krieges zu erhalten. Seit Anfang der israelischen Invasion betreibt sie ihr Blog. Ein wichtiges Thema ist die Hilflosigkeit der Menschen im Krieg. Sie sieht ihr Blog als Instrument an, um der Welt auch die “menschliche” Seite der Katastrophe Krieg darzustellen. Von Anfang an hatte sie Angst, dass dieser Krieg die Menschlichkeit der Menschen im Libanon zerstört. Ein wunderschönes Gedicht ist ihr vorletzter Eintrag mit dem Titel Puppet. Joumana beschäftigt sich hier mit den Themen Hilflosigkeit, Autonomie und Vergangenheitsbewältigung. Diese fügt sie auf wunderbar pointierte Weise zusammen.

Shimon Zachary Klein

Shimon Klein lebt seit 1974 in Israel (Bat Chefer) und arbeitet als Pharmazeut. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Sein Blog beschäftigt sich mit dem Israel-Palästina-Konflikt und dem Krieg im Libanon. Warum er bloggt? Er will das “Warum” des Konfliktes und die Motive Israels erklären und versuchen, die Argumentation frei von emotionalen Bezügen zu halten. Er würde gerne sehen, dass Israel die besetzten Gebiete vom Sechs-Tage-Krieg (1967) wieder an Palästina zurückgibt. Ferner sollte ein freier Staat Palästina errichtet werden. Jedoch sieht er wenig Hoffnung für diese Ziele, solange die Hamas-Regierung Israels Existenzrecht in Frage stellt. Auch diagnostiziert er, dass sowohl Abbas als auch der libanesische Präsident Seniora zu schwach sind, um den Nahostprozess nachhaltig in Schwung zu bringen. Klein steht auch der Waffenruhe im Libanon sowie der Besetzung der UN sehr kritisch entgegen. Er bezweifelt, dass die UN den Frieden bewahren kann. Er glaubt, dass die Hisbollah den Waffenstillstand dazu benutzen wird, sich neu aufzustellen und sich wieder gegen Israel wenden wird.

A Voice from Gaza

“Ich bin keine Schriftstellerin, auch bestimmt keine gute. Ich bin eine der wenigen Einwohnerin von Gaza”, dies sind die Worte der 25-jährigen Naj aus Gaza Stadt. Ihr Warblog: A Voice from Gaza zählt bisher zehn Eintragungen, die vor allem die Hilflosigkeit und die Krisensituation in Gaza-Stadt und im Gaza-Streifen thematisieren. Es sind immer wieder kleine Dinge, die zeigen, was Krieg oder Belagerung bedeutet. Naj berichtet zum Bespiel, dass sich kein Palästinenser mehr traut, schwimmen zu gehen, da im Juni Palästinenser am Strand angegriffen wurden. Auch gebe es kaum Strom - und damit kein funktionierenden Computer und keine elektrischen Wasserpumpen. Auch die Ein- und Ausreise scheitert nicht am Geld oder der gesundheitlichen Verfassung - nein sie scheitert an den Grenzen, die dicht sind. Najs Mutter ist seit mehreren Monaten in Ägypten und kann deswegen nicht in ihre Heimat. Naj sieht jedoch auch, dass für diesen Zustand nicht nur Israel zu beschuldigen ist. Auch die Palästinenser müssen sich der Frage stellen: Was haben wir falsch gemacht?

Afghan Warrior

Waheed alias Afghan Warrior ist 21 Jahre alt und arbeitet als Übersetzer für die US-Streitkräfte in Kabul. Sein Warblog begann sehr enthusiastisch im August vor einem Jahr. Ein Jahr später jedoch muss Waheed eingestehen, dass sich die Situation im Süden des Landes nicht verbessert hat. Es gebe sogar mehr Selbstmordattentate als im Irak. Würde die Grenze zu Pakistan besser kontrolliert, könnten die Probleme gelindert werden. Doch dazu müssten die afghanische Armee und die UN-Streitkräfte ihre Kontingente im Süden verstärken.

Afghan Lord

Eine weitere, jedoch sehr kritische Stimme aus Kabul gehört Sohrab Kabuli, Blogname: Afghan Lord. Er ist 23 und gewann 2005 den “Freedom of Expression Blog Award”. Er bloggt für die Meinungsfreiheit in Afghanistan. Er ist froh, dass es die US- und ISAF Streitkräfte gibt. Trotzdem fragt er sich, ob sie wirklich eine Strategie verfolgen. Auch die Frage, wer verantwortlich sei für den Krieg, stellt er immer wieder neu.

Einen äußerst prägnanten und argumentativ sehr dichten Artikel verfasste Afghan Lord zum Jahrestag des 11. Septembers. Der Kampf gegen die Taliban sei der erste Schritt im Kampf gegen den Terrorismus gewesen. Doch Sohrab bemerkt, dass dieser Kampf vergessenen und dessen Ziele vernachlässigt wurden, als die US-Streitkräfte den Irak angriffen. Die derzeitige Lage in Afghanistan verschlechtere sich seiner Meinung nach. Dies liegt für ihn vor allem daran, dass die USA keinen Druck auf Pakistan und seine Helfer der Taliban ausüben. Ferner hätten die USA schlichtweg die Stärke und Langlebigkeit Taliban unterschätzt.