Wann sehen wir den Münsterturmhelm endlich ohne Baugerüst?

Iris König

Langsam werden wir ungeduldig: Wann werden wir den Turmhelm des Freiburger Münsters endlich wieder ohne dieses störende Gerüst sehen? Was macht seine Renovierung so schwer? Und welche Rolle spielt dabei der Wind? Der ultimative Artikel zum Münsterturmhelmbaugerüst featuring Münsterbaumeisterin Yvonne Faller:



„Unsere liebe Frau“ ist Dauerpatient und in ständiger Behandlung. Das 700 Jahre alte Gebäude muss komplizierte Operationen über sich ergehen lassen und bekommt Bandagen und Pflaster verpasst - ein besonders großes verdeckt aktuell den Turmhelm.


Seit sieben Jahren ist der obere Teil des Münsterturms von Gerüsten umgeben, denn die Renovierungsarbeiten dauern deutlich länger, als zunächst erwartet. Nicht nur Abgase, Taubenkot und natürliche Verwitterungsprozesse nagen am Buntsandstein, auch der Wind setzt ihm zu.

„An einer gotischen Kathedrale muss kontinuierlich renoviert werden“, sagt Münsterbaumeisterin Yvonne Faller. Seit 2006 ist der Turmhelm von Gerüsten und Auffangnetzen umgeben, vom dunkelroten Sandstein ist nichts mehr zu sehen.


Rund 80 Prozent der im Münster verbauten Steine stammen aus der Bauzeit von vor 700 Jahren. Man verwendete Sandstein, da er sich besser bearbeiten lässt als der viel härtere Granit. Allerdings müsse darauf geachtet werden, welche Sorte Sandstein verwendet wird, denn es gibt Unterschiede in der Stabilität.

Yvonne Faller: „Das kann sich auch innerhalb eines Steinbruches schlagartig ändern. Das wusste man aber im Mittelalter noch nicht. Man hat den Stein aus dem Steinbruch geholt und dachte, dass das gutes Material ist.“ Doch selbst die Gesteine aus der gleichen Region unterscheiden sich in der Zusammensetzung und somit in ihren Eigenschaften.
Zum einen gibt es Sandsteine, die das Schichtmineral Glimmer als Bindemittel haben, dadurch ist der Stein etwas weicher und anfälliger für Erosion. Zum anderen gibt es Sandsteine, dessen Porenräume vom sehr harten Mineral Quarz gebunden werden, somit erhöht sich auch Erosionsbeständigkeit. Yvonne Faller beschreibt die Situation als „schwierig“ und sagt, dass die Steinblöcke gegenwärtig zunächst geprüft werden, bevor man sie am Münster einbaut.

Als die Bauarbeiten 2006 als gewöhnliche Renovierungsarbeiten begonnen haben und bis 2013 abgeschlossen sein sollten, entpuppten sich die Arbeiten drei Jahre später als aufwändiger und komplizierter als erwartet. Aus dem routinemäßigen Reparieren und Austauschen von Steinen wurde ein echtes Problem: „Was seit 2009 beim Turm dazwischen kam, ist tatsächlich eine völlig neue Erkenntnis, an die man vorher gar nicht gedacht hat. Nicht nur der Sandstein zerbröselt, sondern es gibt auch Schäden, die statische Ursachen haben. Das war für uns schon auch ein bisschen ein Schrecken, weil wir daran nicht gedacht und damit nicht gerechnet haben“, sagt Yvonne Faller.

Man entdecke Schäden am oberen Teil des Münsterturms. Die Ecksteine zwischen den horizontalen Riegeln und den senkrechten Streben der Maßwerkfelder, in denen eiserne Ringanker für Stabilität sorgen, weisen Rissen auf. Ein Eckstein ist schon herausgebrochen und heruntergefallen.

Zunächst standen die eisernen Ringanker unter Verdacht, denn auch sie sind schon 700 Jahre alt. Wenn das Eisen mit Wasser und Sauerstoff in Verbindung kommt, fängt es an zu rosten und geht auf wie ein Blätterteig. Dadurch wird der Stein dann gesprengt.

 
Der Münsterturm ist 116 Meter hoch und wurde während des Mittelalters im gotischen Stil erbaut. Es gibt keinen zweiten dieser Machart, zumindest keinen, der schon 700 Jahre lang steht. Deswegen gibt es keine Vergleichswerte und man weiß sehr wenig über das Konstruktionsprinzip und die Statik. Berechnet und aufgezeichnet hat man damals noch nicht, deswegen musste auch erst herausgefunden werden, was den Turm im Inneren zusammenhält. „Wir haben zwei Jahre lang Ursachenforschung betrieben und dann nochmal ein Jahr lang Maßnahmen entwickelt, wie wir das wieder stabilisiert kriegen“, sagt Yvonne Faller.

Die Eisensprengung sei jedoch kein existentielles Problem: „Wir haben jeden Riss noch einmal untersucht und analysiert ob er statisch oder materialbedingt entstanden ist. Die Eisenanker sind intakt und funktionsfähig. Es gibt keine Hinweise auf großformatige Rostentwicklung oder Rostsprengung.“

Was die Statik des Münsterturms angreift, ist der Wind. Der Turmhelm ist sehr feingliedrig und durchsichtig gebaut, wodurch er viel Angriffsfläche bietet: „Alle haben immer gesagt, der ist doch so durchlässig, da pfeift der Wind doch durch. Aber der Wind geht da nicht durch die Löcher, sondern greift den Turm an wie eine geschlossene Fläche“, sagt Faller. Das haben Versuche im Windkanal mit einem Kunststoffmodell des Münsters im Maßstab von 1:100 ergeben. Die Messungen gaben Aufschluss darüber, wie viel groß die Belastung durch den Wind an jeder einzelnen Stelle tatsächlich ist.



Noch zwei Jahre lang wird der Münsterturm von Baugerüsten umgeben sein, denn insgesamt acht Flächen des Achtecks müssen repariert werden, fünf davon sind schon fertig. Außerdem müssen das erste Mal in der Münstergeschichte sechs Ecksteine ausgetauscht werden. Einer davon wurde bereits im August 2013 ersetzt.

Wann man den Turm mal wieder ohne Baugerüst zu Gesicht bekommt, hängt davon ab, was man darunter versteht. Yvonne Faller: „Im Augenblick ist der obere Teil des Turms, der dreieckige Turmhelm, im Gerüst. Zumindest diesen Teil werden wir voraussichtlich in zwei Jahren abgebaut haben. Das heißt aber noch lange nicht, dass der Turm dann frei von einem Gerüst ist, denn seit vielen Jahren stehen etwas weiter unten Strahlträger heraus. Da hat man in den letzten Jahren immer eine Seite nach der anderen renoviert. Das heißt, wir werden, sobald wir ganz oben wieder ausgerüstet haben, an manchen Stellen immer noch Gerüstteile haben. Nicht mehr so groß, nicht mehr alles versteckend und auch der Blick von innen nach ganz oben wird wieder frei sein.“

Wann der Turm komplett ohne Gerüst sein wird, weiß Yvone Faller nicht. Jedoch hat sie sich für das anstehende Fest '125 Jahre Münsterbau' ein Ziel gesetzt: Zu diesem Anlass will sie herausfinden, wann welche Arbeiten gemacht wurden und ob das Münster tatsächlich einmal ohne Gerüst existierte. "Aber ich glaube fast, dass es das nicht gab“, sagt sie und schmunzelt.

Zur Person

Die Architektin Yvonne Faller wurde 1961 geboren und ist seit 2005 Münsterbaumeisterin und Geschäftsführerin des Münsterbauvereins in Freiburg. Sie ist als Architektin und Koordinatorin tätig, sie plant den Baubetrieb, die Sanierung, treibt Spendengelder ein und erfüllt repräsentative Aufgaben. Außerdem ist sie für die Erforschung und Dokumentation der Arbeiten am Münster zuständig.

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[Fotos: Christoph Bauer]