Wahlkampf-Guru: Die "Wahl Gang" im Goethe-Gymnasium

Wahlkampf-Guru

Mindestlohn, NSA-Skandal, Frauenquote und Wahlrecht ab 16: Gestern Nachmittag diskutierten die Freiburger Bundestagskandidaten im Goethe-Gymnasium vor den Schülern heiße Eisen der Politik. Wer wohl am meisten überzeugt hat? Unser Wahlkampf-Guru verrät's:



Locationcheck und Wahlkampfdeko

Luftballons und zahlreiche Wahlplakate dekorieren die Aula des Goethe-Gymnasiums. Der Raum ist trotz erster eigentlich freier Schulwoche gut gefüllt. Es ist Donnerstagmittag, 14 Uhr, eine von vielen Veranstaltungen der Kampagne "Wahl Gang". Veranstaltet wird eine Podiumsdiskussion mit den Bundestagswahlkandidaten.

Vertreter aller Parteien des Bundestags sollen sich in vorgegebenen, altersgerechten Themen verbal duellieren. Als Einführung in die Veranstaltung wird ein Video der Politikfabrik gezeigt, dass die Schüler dazu auffordert, ihre Stimme zu nutzen.

Die Stimmung ist für eine schulische Politikveranstaltung überraschend gespannt, man merkt, dass die Wahl bald bevorsteht. Die Diskussionspunkte sorgen später für Zündstoff und lassen die zwei kommenden Stunden im Flug vergehen.

Wer sitzt im Publikum?

Ein überraschend gemischtes Publikum. Ab der zehnten Klasse sind alle Altersgruppen vertreten. Die meisten Schüler besuchen bereits in die Oberstufe und haben Politik als Schwerpunkt für das Abitur gewählt. Moderiert wird die Diskussion von Carlo Klumpp und Hana Petersen.



Welche Politiker sind heute da?

Die Standardbesetzung der Freiburger Politikszene, alle Bundestagskandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien sind anwesend. Matern von Marschall (CDU) darf sich neben Sascha Fiek (FDP) gesellen, Gernot Erler (SPD) und Kerstin Andreae (Die Grünen) sitzen mit Tobias Pflüger (Die Linke) rechts vom Moderationsteam.

Somit stehen sich die Parteievertreter mit politisch gleichen Interessen nahe, oder wie Erler gleich klarstellt: "Frau Andreae und ich wollen ja auch zusammen regieren."

Veranstaltungs-TÜV

Eine Schülerin stoppt die Redezeit genaustens per iPhone-Timer. Anfangs plänkelt die Diskussion langsam voran, große Einigkeit beim Wahlrecht ab 16 - an einer Schule nicht anders zu erwarten.

Lediglich von Marschall wendet ein, dass das in dieser Runde schwer diskutiert werden kann. Das Wahlalter müsse nach Ansicht der anderen wohl "am besten auf das Alter der jüngsten Anwesenden herabgesetzt werden".

Auch die Publikumsabstimmung im Anschluss schließt sich der Meinung der Politiker an.

Etwas umstrittener sind die Ansichten zum NSA-Skandal. Laut von Marschall müsse erst geprüft werden, ob die Rechtsverletzungen auf deutschem Boden stattgefunden habe, alle anderen fordern von einer neuen Positionierung zu Amerika (Andreae) über das Ausschalten von Geheimdiensten (Pflüger) bis hin zum Asyl für Snowden (Pflüger) eine heftigere Reaktion auf den Skandal - die aber "während des Wahlkampfs noch nicht möglich gewesen ist und unmittelbar danach angegriffen werden muss", so Andreae.

Am kontroversesten diskutieren die Politiker den Mindestlohn. Die Schüler hinterfragen die Zehn-Euro-Forderung der Linken; die Forderung hingegen, dass Aufstocken in Zukunft nicht mehr nötig sei, begrüßen alle. Wie zu erwarten will Fiek als Vertreter der FDP die "Lohnverhandlungen nicht der Politik in die Hand drücken", Pflüger appelliert an die Schüler, indem er eine Zukunft skizziert, in der sie sich mit Zusatzjobs und Praktika finanziell über Wasser halten müssen. Der Mindestlohn sei deshalb unabdingbar.

Orientieren solle sich Deutschland mit der Mindestlohnforderung nach Meinung von Matern von Marschall nicht an wirtschaftlich maroden Ländern wie Frankreich, nur in bestimmten Wirtschaftssektoren seien Tarifverhandlungen nötig.

Das Publikum ist, wie die Politiker selbst, geteilter Meinung, wenn es um den Mindestlohn geht.

Zuletzt wird das Thema Frauenquote anmoderiert. "Wenn wir in Zukunft den Männern den Job wegnehmen, dann ist das halt so", meint Andreae. Erler und Pflüger verweisen auf die Frauenquoten ihrer Parteien und fordern vor allem eine geringere Doppelbelastung, der Frauen mit Familien und Beruf oft ausgesetzt sind.

Das Publikum scheint in diesem Punkt aber die Meinung Fieks zu teilen. Die meisten stimmen gegen die Frauenquote, sogar die Schülerinnen zeigen kaum Interesse an der Frauenquote. Eine Lehrerin säufzt am Rande: "Oh, die Jungen Leute von heute."



Aufregerle

Tobias Pflüger kommt leicht verspätet. Gernot Erler und Matern von Marschall zeigen einander deutlich ihre Abneigung, was trotz Wahlkampf eigentlich nicht vor Schülern ausgetragen werden muss.

Aufheiterle

Ein düsteres Bild mit finster dreinschauender Merkel und aggresivem Steinbrück zu Beginn, Matern von Marschall hat Äpfel für die Schüler mitgebracht, und das deutsche Wahlverfahren wird zu Beginn nochmal erklärt.

Der beste Satz

Sascha Fiek: "Ich bin ja letztendlich auch nicht Lehrer geworden, sondern hab' was gescheites gemacht."

Die Anmoderation gibt zu, dass sie nie wisse, wer wann reden darf. Kerstin Andreae erwidert darauf: "Wir auch nicht."

Fazit

Die Schüler voten Kerstin Andreae als klare Siegerin des Debatte. Von 96 Stimmen gehen 57 an sie, gefolgt von Gernot Erler mit 18 Stimmen.
Hitzige Diskussion, direkte Moderatoren und einige Lacher: Die Veranstaltung war ein voller Erfolg.

Man merkt natürlich, dass der Wahlkampf dem Ende zugeht. Freundlich war die Stimmung untereinander überhaupt nicht. Dafür nahmen sich die Politiker in der Pause Zeit, mit den Schülern zu plaudern, und Matern von Marschall hat sein Apfel-Geheimnis gelüftet.

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