Vorlesung in DDR-Jacke: "Symbolische Provokation"

Christian Deker

Roland Hefendehl, Strafrechtsprofessor an der Uni Freiburg, ist für seine didaktischen Vorlesungen bekannt. Zu dieser Didaktik gehört auch, dass er vor zwei Wochen mit blauer DDR-Trainingsjacke erschien. Die Empörung des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS), eine der CDU nahe stehende Studentenorganisation, ließ nicht lange auf sich warten: "disziplinarrechtliche Schritte wegen des inakzeptablen Verhaltens", lautete die Forderung. Der RCDS habe sich durch seine Aktion selbst diskreditiert, sagt Hefendehl im Interview mit fudder-Mitarbeiter Christian Deker.

 

Nie hatte eine Ihrer Erstsemestervorlesungen so viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Zufrieden damit?

Professor Dr. Roland Hefendehl: Mit der durch meine symbolische Provokation ausgelösten inhaltlichen Auseinandersetzung der bei der Vorlesung Anwesenden schon. Das war ja mein Ziel. Die weiteren Kreise, die meine Vorlesung zog, haben mit der Lehre weniger zu tun.

Warum haben Sie sich die DDR-Jacke angezogen, als Sie die Vorlesung gehalten haben?

In Zeiten, in denen der Stoff der Vorlesung hundertfach über alle Medien verfügbar ist, kommt es in meinen Augen darauf an, auch neue Wege zu beschreiten, um das Institut der Vorlesung nicht überflüssig werden zu lassen. Hierzu gehören bei mir insbesondere die Instrumente der Kommunikation und Interaktion. Meine DDR-Trainingsjacke hat im Kontext der Veranstaltung die Diskussion über das in der DDR begangene Unrecht sowie über die Rolle des Strafrechts und die Definitionsmacht über seinen Einsatz entfacht.

Es gab ein großes Echo in der Öffentlichkeit, vor allem auch in den Medien. Können Sie die Reaktionen nachvollziehen?

Ernstzunehmende Medien haben die – laut der FAZ – "leicht hysterischen" Stellungnahmen des RCDS zum Anlass genommen, eine Art Glosse zu schreiben, in der es neben der Didaktik auch um die Freiheit der Lehre und die DDR im Breisgau ging. Meine symbolische Provokation zielte auf meine Vorlesung ab, weil ich mit deren Teilnehmerinnen und Teilnehmern beständig kommuniziere. Dass ein Hochschullehrer in DDR-Trainingsjacke für bestimmte Personen und Medien ein Aufreger ist, den man zu skandalisieren hat, ist eben so.

Was denken Sie über den RCDS und seine Reaktion?

Jede Zeile über den RCDS verschafft ihm ein kleines Quäntchen mehr an Aufmerksamkeit, um die er über vorgespielte Missverständnisse kämpfte und die er offensichtlich bitter nötig hat. Er hat sich durch seine Aktion selbst diskreditiert, wie die Reaktionen in Board und Presse zeigen. Vielleicht sieht er es anders und es reicht ihm, weil er eben bei diesem Skandal ab und zu in den Medien auftauchte.

Was für Reaktionen haben Sie von Studierenden bekommen?

Die Studierenden und andere Personen, die sich etwa in meinem Board an der Diskussion beteiligten, haben ganz überwiegend die Masche des RCDS entlarvt und standen zu einem nicht unerheblichen Teil meinem eingesetzten didaktischen Mittel aufgeschlossen gegenüber. Weitere Boardeinträge befassten sich ganz intensiv und erhellend mit dem Gegenstand selbst – also dem in der DDR begangenen Unrecht – sowie der Lehrfreiheit und dem Zustand der Universität.

Diese Frage wurde auch auf den Zustand der Gesellschaft gespiegelt, die sich im Rahmen einer Pseudo-political-correctness-Diskussion ernsthaft damit auseinandersetzt, ob ein Professor so etwas dürfe. Damit waren die Reaktionen überwiegend Rückenwind für mein Konzept, reichten aber natürlich auch bis zu dem Wunsch, ich möge acht Sonntage in Bautzen sitzen, aber Totensonntage.

Die Uni will keine Konsequenzen ziehen. Der Rektor erwartet aber, dass Sie nicht mehr in diesem Pulli vor die Studenten treten werden. Werden Sie diese Erwartung erfüllen?

Ich bemühe mich jede Woche aufs Neue, mit erheblichem Einsatz auch des gesamten Institutsteams den Studierenden nicht nur einen systematisch aufbereiteten und – wie ich hoffe – plastischen Unterricht zu präsentieren, sondern auch permanente Anstöße zur Reflexion rechts- und kriminalpolitischer Fragestellungen zu geben. Würde ich diesen Bereich ausklammern, hätte ich meine Vorstellungen von der Lehre nicht verwirklicht.

Warum sollte die Uni Konsequenzen ziehen, wenn ich bestimmte didaktische Mittel einsetze, die meinetwegen die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen nicht teilen (wobei ich aber auch aus diesem Kreis Zuspruch bekam)? Was der Rektor erwarten soll, habe ich nur den Medien entnommen. Vielleicht ist dies ein Indiz dafür, dass innerhalb der Universität doch die Gelassenheit und Freiheit besteht, die sie gerade auszeichnen sollte.

Mehr dazu:

[Foto von einer Diskussionsrunde zum Alkoholverbot in der Innenstadt im Januar 2008]