Gedenken

Vor 78 Jahren wurden 349 Freiburger nach Gurs deportiert

Anja Bochtler

Am 22. Oktober 1940 wurden 349 Menschen aus ihrem Leben gerissen und ins Lager nach Gurs deportiert. Am Montag wurde ihrer bei einer Gedenkveranstaltung auf dem Platz der Alten Synagoge gedacht.

Es geschah an einem ganz normalen Dienstag vor 78 Jahren: Zum Gedenken an die Verhaftung und Deportation jüdischer Freiburgerinnen und Freiburger ins südfranzösische Lager Gurs am 22. Oktober 1940 fanden an den vergangenen beiden Tagen mehrere Veranstaltungen statt. Dazu gehörte das städtische Gedenken mit knapp 300 Menschen beim Gedenkbrunnen am Platz der Alten Synagoge.


Ein Schweigemarsch zum Mahnmal an der Wiwili-Brücke

Es sind Namen, die bleiben: Von 349 Menschen, die gewaltsam aus ihrem Alltag in Freiburg herausgerissen wurden. Angehörige von einem breiten Bündnis haben gestern Abend am Gedenkbrunnen diese Namen verlesen. Das sei "ein kleiner Sieg" gegen das Vergessen, sagte Cornelia Haberlandt-Krüger von der Liberalen Jüdischen Gemeinde Chawura Gescher. "Genau hier müssen wir stehen", betonte sie – dort, wo gebetet und die Synagoge zerstört wurde. Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach erwähnte die derzeitige Suche nach einem Ort für ein NS-Dokumentationszentrum. Ein Schweigemarsch zum Abschluss führte zum bronzenen Mantel auf der Wiwili-Brücke, der daran erinnert, dass die Menschen auf dem Weg nach Gurs fast nichts mitnehmen konnten. Dort sprach Irina Katz von der Israelitischen Gemeinde.

Die Verhaftungen fanden während Sukkot statt

In den Räumen der Gemeinde verwies die Freiburger Stolperstein-Initiatorin Marlis Meckel am Sonntagabend darauf, dass die Verhaftungen gezielt während des jüdischen Laubhüttenfests (Sukkot) stattfanden. Sie kennt viele der Schicksale von denen, die von einem Tag auf den anderen alles aufgeben mussten. Auf ihre Wohnungen und Geschäfte, ihre Habseligkeiten und ihr Vermögen stürzten sich der nationalsozialistische Staat, aber auch viele Bürger. Die meisten Deportierten wurden spätestens beim Weitertransport von Gurs nach Auschwitz ermordet.

Marlis Meckel erinnerte an zwei der wenigen, die damals versuchten, Menschen zu retten: Der Kriminalpolizist Fritz Schaffner informierte die Familie Nelson rechtzeitig, die Nelsons flohen. Und der Rechtsanwalt Emil Homburger – der später selbst im KZ ermordet wurde – half der Familie Judas mit Fritz Schaffner, über Berlin und Portugal in die USA zu emigrieren. Zwei Menschen, die auf der Liste der Verhaftungen standen, entzogen sich selbst ihrem Martyrium: Therese Loewy und Max Frank – der nie über seine schlimmen Erlebnisse in Dachau nach der Pogromnacht 1938 hinweggekommen war – nahmen sich das Leben. So waren es letztlich 347 Freiburger, die in die Züge nach Gurs steigen mussten. Darunter waren auch einige, wie der Wirtschaftswissenschaftler Robert Liefmann und seine Schwestern Else und Martha, die christlich getauft waren, aber von der nationalsozialistischen Rassenideologie als "jüdisch" definiert wurden.

Bei manchen verloren sich alle Spuren, wie bei der 75-jährigen Selma Fließ, die Alte Sprachen und Französisch studiert und als Lehrerin gearbeitet hatte. Bei den meisten ist klar, dass sie in Auschwitz ermordet wurden: zum Beispiel Sophie und Julian Rosenthal, die einst eine Lederhandlung gehabt hatten. Ihr Sohn floh nach Palästina, der Enkel besuchte Freiburg, als die Stadt 2017 Überlebende und Nachkommen eingeladen hatte.