Von Stand-Up-Professoren und Kinosesseln

Philipp Aubreville

Nach der gelegentlich als "Ersti-Bespaßung" verschrienen Einführungswoche beginnt für fudder-Mitarbeiter und Studienanfänger Philip nun der 'richtige' Uni-Alltag. Zwischen weniger prickelnden Dingen wie Bücherbergen und Stand-Up-Comedy-Einlagen von Professoren gibt es aber auch Lichtblicke: Coole Dozenten zum Beispiel. Und heimelige Hörsäle.



Sechzehn Uhr. Es ist noch nicht allzu lange her, da war diese Uhrzeit für mich nahezu gleichbedeutend mit „Feierabend“. Doch wie schon Hermann Hesse wusste, wohnt jedem Ende ein Anfang inne und so klingelt an diesem Montag morgen in meinen Ohren das Signal zum Stundenbeginn, während die meisten anderen vermutlich die Stechuhr klicken oder ihren fallengelassenen Kugelschreiber auf dem Schreibtisch landen hören.


Ich sitze in meinem Seminar zum Thema „Beginn der Spätantike“ und fühle mich ähnlich neutral wie die Schweiz: Ich bin umgeben von Extremen; von Leuten, die mit einer Mixtur aus Asterix- und Museumsführer-Vokabular scheinbar schon jetzt ihren Anspruch auf einen Lehrstuhl anmelden wollen und von solchen, deren Definition von Pünktlichkeit ein gewisses Desinteresse vermuten lässt.

Jenseits der Extreme bewegt sich auch mein Dozent: Meine Befürchtungen vom Althistoriker mit den autoritären Erziehungsmethoden eines Oberleutnants und dem Schuhwerk der einstigen römischen Besatzungsmacht erfüllt sich zum Glück nicht. Doch auch wenn wir gleich zu Beginn des Seminars zu einem Kneipenabend eingeladen werden, findet auch kein übertriebener Versuch statt, das Lernklima in der Rolle des berufsjugendlichen Studentenkumpels zu verbessern. Mein Dozent, so mein erster Eindruck, gehört zu den besseren Vertretern seines Fachs.



Daran ändert auch die Hausaufgabe zur nächsten Seminar-Stunde nichts: „Es wird Zeit dass ihr english learnt“ postulierten erst kürzlich K.I.Z. und so kämpfe auch ich mich durch den 30seitigen englischen Text zum Seminarthema. Mein treuer Vasall ist dabei die Website leo.org, die mir beim Verständnis all der Wörter hilft, die mir wahlweise entfallen oder noch nie untergekommen sind.

Dass aus dem Flirt mit leo.org nichts Festes werden kann, wird mir klar, als ich mich nach zwei Stunden immer noch im ersten Drittel des Textes bewege. Ich brauche etwas Handfestes, da können Tocotronic noch soviel „digital ist besser“ jaulen. Bald darauf kann ich mir ein Paket von zu Hause bei der Post abholen – neben einem Wörterbuch hantiere ich ab sofort wieder mit meinen Karteikarten aus der Schulzeit.

Doch bevor ich meine digitale Konterrevolution starte, nutze ich am Montag noch das Angebot der Geschichts-Fachschaft, einer Vorstellungsrunde der wichtigsten Lehrenden beizuwohnen.

Die Veranstaltung ist recht interessant, hat aber einige Macken: Mit dem Selbstinszenierungsdrang einer Tatjana Gsell erzählen manche Professoren weniger über ihre Seminare als über ihre fulminante bisherige Karriere und ihre wahnsinnstollen Forschungsthemen. Würde man diesem Szenario sechs Monate und einen iPod hinzufügen, wäre dies ja kein Problem; doch kurz vorher wurde „der Beginn der Heizperiode am ersten Dezember“ verkündet. Kurz: Es ist langweilig und kalt.

Während ich mir nun also vorstellen kann, wie sich der durchschnittliche Spieler der Philadelphia Flyers auf seinem Zweitwohnsitz Strafbank so fühlt, gesteht eine Professorin, ihre Passion sei das Tanzen.

Dieses Geständnis hat zur Folge, dass kaum einer der weiteren Redner es versäumt, eine Anspielung auf dieses Thema zu machen. Manch einen stört es ja, dass Oliver Pocher sich neuerdings auch mal in intellektuellere Gebiete vorwagt. Mich stört es noch viel mehr, wenn sich Intellektuelle in Oliver Pochers Gebiete vorwagen – und den akustischen Signalen in meiner unmittelbaren Sitznachbarschaft zur Folge bin ich mit dieser Ansicht nicht allein.

Ganz nebenbei erfahre ich noch, was ich als Studienanfänger konkret von der neuen Zugehörigkeit zur Elite hab: Den Abzug der fähigsten Professoren aus der (Teil-)Lehre in die Forschung.

Zwei Tage und eine ausgefallene Vorlesung später kommt erstmals so etwas wie ein disziplinierter Tagesablauf auf: Um neun Uhr beginnt meine erste Vorlesung; Thema ist „Das lange 19. Jahrhundert“. Lang ist auch die Schlange derjenigen, die trotz pünktlichen Erscheinens keinen Sitzplatz mehr bekommen – so stelle ich mir ein Biologie-Seminar zur Veranschaulichung der Evolutionstheorie vor: Survival of the fittest.

Nachdem ich in meinem Kopf zwei Stunden lang einen dialektischen Aufsatz zur Frage verfasst habe, wem ich mehr Empathie entgegen bringen soll – den Bauern im vorrevolutionären Frankreich oder meinen 68er-Sit-in-look-a-like Kommilitonen auf dem Hörsaalboden – wechsle ich meinen Aufenthaltsort, um in die Politikwissenschaft eingeführt zu werden.

Dies findet im Hörsaal am Fahnenbergplatz statt. Die Atmosphäre hier hat etwas Cineastisches: Im schummrigen Licht lausche ich den einführenden Ausführungen meines Dozenten und kuschel mich in einen Sessel von Sitz.



Daheim ist es weniger gemütlich: Für mein verpflichtendes Seminar-Referat muss ich schon jetzt Literatur besorgen und lesen. Nach Ausflügen in diverse Bibliotheken stapeln sich bei mir Bücher und bunte unterstrichene Zettel.

Der Anblick lässt mich kurz erschaudern, ehe ich eine Stimme höre, die sagt: „Jetzt geht’s richtig los!

Endlich.