Von der anderen Seite: SC vs. Bremen aus dem Gästeblock

David Seitz

Als SC-Fan steht fudder-Autor David im Dreisamstadion normalerweise auf der Nord. Für den Kick am Sonntag gegen Werder Bremen wollte er die Perspektive wechseln und stellte sich zu den Werder-Fans in den Gästeblock. Davids Traumszenario: Ein souveräner Sieg des SC und hautnah leidende Werder-Fans erleben. Es kam dann doch ganz anders. Wie David das Spiel von der anderen Seite erlebt hat:

Schon lange habe ich mit dem Gedanken gespielt, heute ist die Zeit reif: Ich habe mich entschieden meinen Nordtribünen-Stammplatz für 90 Minuten zu verlassen und auf Entdeckungsreise zu gehen – mein Ziel: Das Territorium des Gegners, der Gästeblock.


Ich rechne mir gute Chancen aus, das gegen Bremen mein Traumszenario eintreten könnte, was wie folgt aussehen würde: Der SC gewinnt souverän, die Werder Fans leiden und ich lach'mir ins Fäustchen. Außerdem will ich ich den einzigen Flecken im Badenova Stadion erkunden, auf den nur wenige mutige SC-Fans schon einmal den Fuß gesetzt haben.

Auf dem Weg zum Spiel lerne ich  Martin aus Kiel kennen. Zusammen mit Halbschwester Sopho und Halbbruder Alexander, die er mit dem Werder-Virus infiziert hat, ist er auf den letzten Metern seines etwa 850 Kilometer langen Anreisewegs. Ich schließe mich der Gruppe an, als studierter Ethnologoe weiß ich schließlich, dass zu fundierter Feldforschung auch direkter Kontakt zur zu untersuchenden Population gehört.



Ich erkenne sofort eine gewisse Verunsicherung bei den Gästefans, die sich schnell bestätigt. "Als Werder Fans ist man zur Zeit vor jedem Spiel nervös," sagt Martin. Verständlich - wenn man auf die Tabelle schaut, dort rangiert Bremen vor dem Spiel gegen Freiburg auf Rang 17. Ein Sieg heute wäre für Bremen das, was man gemeinhin als Big Point bezeichnet – der Sprung bis auf Platz 14 wäre drin. Trotz der misslichen Ausgangslage wirken die drei Werder Fans siegessicher, nur einer macht Martin Sorgen: "Vor Cissé hab' ich wirklich Angst".

Ein letzten Mal werfe ich meinem SC-Schal einen liebevollen Blick zu, dann verschwindet er in den Tiefen meines Rucksacks. Der ungewohnte Gang Richtung Gästeblock führt uns vorbei an ungewohnt scharfen Sicherheitskontrollen, den ersten Gang zum Bierstand kann ich mir sparen – auf alkoholfreies Bier habe ich nicht wirklich Lust.



Weil wir erst 20 Minuten vor Spielbeginn im Gästeblock ankommen, finden wir zunächst keinen Platz, doch weil meine Begleitung mir Werder-Trikots ausgestattet ist machen uns die Gäste-Fans bereitwillig ein Plätzchen frei – man hält zusammen. Beim Badnerlied brennt die Sehnsucht in mir, ich wäre so gern drüben auf der anderen Seite, dort wo man befreit mitsingen kann, doch ich will unerkannt bleiben, beobachte die Lage aus einer sicheren Position. Stattdessen kann ich die Nordtribüne heute mal als weiß-rot-gelbes Gesamtkunstwerk bewundern.

"Pizarro und Marin machen heute ein Tor", prohezeit der elfjährige Alexander vor dem Anpfiff. Mehr als ein müdes Lächeln kann er mir damit aber nicht abringen – dann geht es los. Meine Heimat auf der gegenüberliegenden Seite kann ich in den ersten Minuten nur optisch wahrnehmen, die Bremer Fans legen los wie die Feuerwehr: laut, aber in der Wortwahl recht sparsam. Die Sprechchöre beschränken sich auf zwei Worte: "Werder – Bremen, Werder – Bremen".

Die erste Chance des Spiels hat Heiko Butscher, doch sein Schuss erreicht das Tor vonTim Wiese nicht. Aus 40 Metern Entfernung sieht der Bremer Torwart mit seinem türkis-grünen Trikot und seinem Haarband aus wie ein solariumgebräunter Robin Hood, irgendwie niedlich. Die Bremer Fans halten den Gesangspegel konstant hoch, die SC Fans kann ich nach wie vor nur dann hören, wenn die Gästefans eine kurze Pause einlegen, ein kleiner Kern in der Mitte hüpft – das hatte ich so nicht erwartet. In mir macht sich Unmut breit, der in der 12. Minute einen vorläufigen Höhepunkt erreicht: Gestocher im Freiburger Strafraum und plötzlich steht es 1:0 für Werder Bremen, Sandro Wagner bringt die Gäste in Führung und mich beinahe in Schwulitäten – glücklicherweise ist die Extase unter den mitgereisten Bremer Fans so groß, dass meine Unmutsbekundungen darin untergehen.

Die folgende halbe Stunde ändert nicht viel an meiner Laune. Der SC bringt in der ersten Hälfte keinen einzigen Ball auf das Tor von Tim Wiese und muss froh sein, dass die Bremer nicht noch ein Tor nachlegen können. Die taktischen Umstellungen von Robin Dutt, der Oliver Barth auf die Sechser Position im Mittelfeld gestellt und Maximilian Nicu in die Abwehr zurück gezogen hat sorgen nicht dafür, dass der SC besonders stabil steht.

Während es dem müden Kick der ersten Halbzeit an Unterhaltungswert mangelt, kann ich mich zumindest über die Gesänge der Werder Fans amüsieren, die nun deutlich kreativer werden. "Grün wie Gras und weiß wie Schnee, das ist unser SVW" wird angestimmt. Sopho erklärt mir auf Nachfrage, dass die erste Zeile kurzfristig gestrichen wurde. Die lautete "Olé deutscher Meister SVW." Alte Schinken werden ausgepackt – ein altvertrauter Song von ATC (Around the World) dient als Melodiegrundlage und ich bin froh, dass ich beim nächsten Spiel wieder The Offspring hören darf. Als es kurze Zeit später neben mir zu pogoesken Szenen kommt, mus ich nachfragen und erfahre, dass man einen ehemaligen Bremer Spieler und dessen meist erfolglose Körpertäuschungen imitiert. "Nach links, nach rechts, bewegt eure Hüften und tanzt den André Wiedener Olé".

Der Verlauf des Spiels lässt mir viel Raum für Beobachtungen in meiner neuen Umgebung, nicht nur die Spieler des SC, auch die Fans auf der Nordtribüne lassen die gewohnte Leistungsfähigkeit noch vermissen. Erst gegen Ende der ersten Hälfte tauen die Freiburger Anhänger – angestahlt von der Früh-Frühlingssonne etwas auf, die Anzahl der hüpfenden Fans steigt, doch am ernüchternden Halbzeitrückstand können auch sie nichts mehr ändern. "Das ist ja ein Hexenkessel, hier brennt richtig der Baum", sagt der Werder Fan neben mir – seine Ironie tut mir im Herzen weh, ich will die SC Fans verteidigen, doch muss ihm letztendlich Recht geben.

Halbzeitfazit. Das Negative: Der SC spielt nicht gut, liegt zurück, ich stehe in einer feiernden Meute und muss mir sogenannte Higlights auf der Anzeigentafel ansehen, die die Bezeichnung "Highlight" nicht annähernd verdient haben.
Das Positive: Die Fans um mich herum sind größtenteils sympatisch, singen lustige Sachen, eine Guggenmusik-Kapelle spielt "Narcotic" von Liquido und das Spiel kann eigentlich nur besser werden.

Meine Hoffnung bestätigt sich nur wenige Minuten später. Die Mannschaften sind keine vier Minuten auf dem Platz und schlagartig fühle ich mich besser. Schiedsrichter Knut Kircher gibt Elfmeter für Freiburg, nach Foul von Borowski and Jendrisek. Bemerkenswert ist die Reaktion der Bremer Fans: Kaum Pfiffe, kaum Beschwerden, stattdessen "Wiese, Wiese." Cissé verwandelt den zurecht gegebenen Elfmeter zum 1:1 – selten hat mir "Zombie Nation" so gut getan, auch wenn ich meiner Freude heute mal eher nach innen richte.

Plötzlich sind die SC Fans auch akustisch auszumachen, das mittlere Drittel hüpft, gleichzeitig steigert sich auch das Team von Robin Dutt. Die Chancen häufen sich und im Bremer Fanblock wird es plötzlich leise – der Traum von den wichtigen 3 Punkten scheint vorerst geplatzt, ich freue mich wie ein Kind. Freiburg ist jetzt am Drücker, spielerisch wie gesangstechnisch, Barth schießt ein Abseitstor, Putsila setzt sich zweimal stark durch, doch die Freiburger verpassen es in dieser Phase das entscheidende Tor zu machen. Nun lerne ich auch die dünnhäutige Seite einiger Bremer Fans kennen – eben noch friedlich faire Fans verlieren plötzlich jegliche Hemmungen und skandieren nicht zitierfähige Parolen, die erst wieder abreißen, als der SC Freiburg das Spiel aus der Hand gibt.

Zunehmend schleichen sich in der Abwehr Fehler ein, der sonst so sicherer Oliver Baumann spielt einen Ball von der Eckfahne aus direkt auf Marko Marin, dessen anschließender Heber dann aber übers Tor geht. Das Spiel ist zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht hochklassig aber wesentlich unterhaltsamer als noch in der ersten Halbzeit. Zeitweiseweise vergesse ich, dass ich im Gästeblock stehe. "Wir woll'n Werder siegen sehn', oh wie wär das wunderschön", grölt es mir von hinten ins Ohr.

Noch bin ich guten Mutes, dass der Konjunktiv seine Richtigkeit behält. In meinem Kopf entstehen gerade die ersten Siegesfantasien als mich eine Aktion von Maximilian Nicu aus meinen kühnen Träumen reißt. Mit einem Abwehrfehler, der dem Wort Fehlpass eine neue Dimension verleiht, bringt er Marko Marin in Position, der legt für Pizarro auf und der Peruaner lässt dem einsamen Kapitän Heiko Butscher keine Chance. 2:1 für Werder Bremen und der Gästeblock steht Kopf,die Nordtribüne schweigt in Schockstarre.

Als Marko Marin kurze Zeit später eine Art Ringkampf an der Eckfahne vor dem Gästeblock initiiert kocht die Stimmung über, kurzzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen Wrestling und Fußball, ich stehe in einem Bremer Hexenkessel, der endgültig überschäumt als Marko Marin in der Nachspielzeit das 3:1 erzielt. Die Bremer nutzen den sich bietenden Raum aus und kontern den SC eiskalt aus. Nach dem Abpfiff kommt es zu tumultartigen Szenen auf dem Platz, die später Heiko Butscher aufklärt.



Ich will weg. So hatte ich mir die 90 Minuten im Gästeblock nicht vorgestellt, ein hämisches Grinsen der drei Werder Fans aus der Straßenbahn und das "Gefällt Mir"- Schild hinter mir  geben mir den Rest. Letztendlich muss ich aber zugeben, dass die bessere Mannschaft gewonnen hat, es belibt die Gewissheit, dass 20 gute Minuten nicht reichen und dass auch ein kleiner Gästeblock ganz schön Stimmung machen kann. Mit dem Entschluss, zukünftig derartige Ausflüge ins gegnerische Lager bleiben zu lassen flüchte ich mich in die Mixed Zone um mir eine Erklärung von Heiko Butscher abzuholen, der unerwartet offen und kritisch über die Situation nach Spielende Auskunft gibt:

"So wie ich das gesehen habe, hat Papiss den Ball aus kurzer Distanz auf Tim Wiese geschossen und ich muss ehrlich sagen, sowas macht man einfach nicht. Es wird sicher noch Gespräche darüber geben und es könnte sogar eine Strafe nach sich ziehen"

Anmerkung:

Schiedsrichter Knut Kircher gab Cissé und Wiese nach der Situation die Gelbe Karte. Ob eine Strafe gegen Papiss Demba Cissé verhängt werden kann hängt nun davon ab welcher Aktion die Gelbe Karte galt. Bezog sie sich auf den Schuss von Cissé wurde er bereits dafür bestraft und kann laut den Regularien des DFB nicht mehr weiter dafür belangt werden.

Butscher zum Spiel:

"Als wir am Drücker waren hatten wir dann auch die Zuschauer hinter uns, leider hat es nicht gereicht. Es ist natürlich blöd wenn solche Abwehrfehler passieren, aber das kommt halt mal vor,  wir konnten das als Mannschaft dann nicht mehr ausbügeln. Ich glaube nicht, dass die 37 Punkte zum Klassenerhalt reichen werden, aber irgendwann werden wir die 40 Punkte voll machen, ich gehe nicht davon aus, dass wir jetzt 9 Spiele in Serie verlieren werden. Bei der momentanen Situation im Tabellenkeller bin ich aber extrem froh, dass wir  nichts mit dem Abstieg zu tun haben."

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