Von 400 Seiten auf 35 Millimeter

Roger Graf

Roger Graf fühlt sich im Kinosessel fast schon heimisch und fungiert für Fudder ab sofort als Kolumnist in unserer neuen Kinokategorie. Diese Reihe soll alles sein, bloß kein Rezensionsfriedhof. In der ersten Folge beschäftigt sich Roger mit dem schwierigen Sujet der Literaturverfilmung.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es. Dennoch schaffen es viele Literaturverfilmer nicht mal mit tausend Bildern, den Inhalt eines dünnen Buches zu vermitteln. Und trotzdem zieht es erstaunlich viele Kinogänger in Romanverfilmungen. Zur Zeit kann man dies bei Bernd Eichingers “Parfum”-Adaption beobachten.Vor jedem Film gibt es ein Buch. Klassische Literatur, Popliteratur oder nur eine Idee in Form eines Exposés. All das mündet in einem Drehbuch, die Basis jeden Films. Die Schwierigkeit beim Verfassen eines Drehbuchs ist die Tatsache, dass ein Film seine Geschichte anders transportiert und erzählt. Ein Roman hat mehr Platz, mehr Zeit, kann bedeutend mehr Details beschreiben. Ein Film hingegen hat nur eine gewisse Länge, begrenztes Budget und spezielle Vorstellungen von Regisseur und Produzenten, die nicht immer mit den Vorstellungen des Schriftstellers übereinstimmen.

Der Spannungsbogen bei einem Buch ist meist ein anderer. Wenn man ein Buch liest, lässt sich anhand der fühlbaren Anzahl der verbleibenden Seiten abschätzen, wann die Geschichte endet. Im Kinosessel sitzen die Leute selten mit der Stoppuhr. Sie lassen sich anders überraschen, darum erzählt man die Geschichte auch anders.Überraschend sind die meisten Literaturverfilmungen allerdings nicht. Wer den Roman kennt, weiß meist auch, was ihn im Film erwartet. Und wenn es dann doch anders kommt, ist die Überraschung nicht immer eine schöne.Die Rechnung ist einfach. Je erfolgreicher die Geschichte, umso größer die Fangemeinde, umso dringender die Verfilmung, umso höher die Erwartungen, umso größer die Chance des Flops. Diese Formel greift übrigens bei allen Geschichten, von der Kurzgeschichte bis zum Comic.Interessanterweise sind aber die meisten Literaturverfilmungen keine Flops. Zumindest nicht jene, die von den richtigen Leuten gemacht wurden. Und das, obwohl die Zuschauer nach dem Kinobesuch sagen, das Buch sei besser.Ich kann nur bei wenigen Filmen behaupten, die Qualität in Film und Buch als gleich bleibend empfunden zu haben. “Jurassic Park”, “High Fidelity” und “About a boy” fallen mir da ein. Schriftsteller wie Nick Hornby, John Grisham, Dan Brown und Michael Chrichton (selbst Drehbuchautor und Regisseur) schreiben ihre Bücher in Stil und Tempo cineastisch. Sie schreiben beinahe so, als würden sie selbst einen Film sehen und nebenher alles abtippen, was passiert. Die Umsetzung des Drehbuchs fällt entsprechend leichter. Diesen Schriftstellern könnte man vorwerfen, sie schrieben deshalb so, um eine Verfilmung schneller voranzutreiben (Kohle!).

Wenn man ein Buch liest, entsteht die Geschichte im Kopf. Sie ist bei weitem farbenfroher und lebendiger als in jedem Film. Insofern kann er nur verlieren, weil er der Phantasie etwas raubt oder sie verändert. Der Regisseur muss also das Kunststück vollbringen, den Zuschauer auf eine zweite Fantasiereise zu schicken - bei gleich bleibender Geschichte.Tom Tykwer, Regisseur des “Parfums”, hatte eine schwere Ausgangsposition. Das Publikum galt es in ein Duftreich zu führen, das sich leichter beschreiben als visualisieren lässt. Der Roman galt lange als unverfilmbar. Man hielt es für unmöglich, dem Zuschauer die Ambivalenz der Hauptfigur und die Wirkung der Düfte zu zeigen.

Niemand, der “das Parfum” gelesen hat, müsste den Film sehen (außer um sagen zu können, dass das Buch besser ist). Gleichwohl werden nur wenige nach dem Film das Buch lesen wollen, weil die entstehenden Bilder im Kopf direkt aus dem Film kämen und nicht mehr aus der eigenen Phantasie. Trotzdem steigt der Roman wieder in den Bestsellerlisten. Ganz nebenbei spielt der Film noch einen Batzen Geld ein.Der Film gehört also zur Erfolgsmaschinerie, bedient ein anderes Publikum als das Buch und sollte daher auch nur mit Filmen verglichen und daran gemessen werden. Erfolgreiche Geschichten werden stets dankbare Drehbuchabnehmer finden. Jeder von uns muss dann selbst entscheiden, welche Seite dieser merkwürdigen Buch-Film-Symbiose ihm lieber ist.