Vom Versuch, mit dem Kiffen aufzuhören

David Weigend

Dies sind die Hände eines 29-Jährigen, der gerade eine Tüte baut. Der Mann konsumiert zwei Gramm Marihuana am Tag. Sein Leben hat in den vergangenen Jahren an Sinn verloren. Nun will er für fünf Monate in eine Klinik gehen, um von der Sucht loszukommen. Im fudder-Interview zeichnet sich ab, wie schwer das wird.



Cannabis gilt, gerade in der Jugend- und Popkultur, als salonfähige Droge. Auf Partys, auf Konzerten, Hocks und zum Feierabend daheim, überall wird gekifft. Auch für unseren Gesprächspartner, der anonym bleiben will, ist der Konsum von THC zur Normalität geworden. Er erzählt offen von seiner schleichenden Abhängigkeit. Ein Leben ohne Kiffen scheint für ihn heute noch unvorstellbar. Und doch will er versuchen, von seiner Sucht loszukommen. Ein Interview.


Seit wann kiffst du?

Ungefähr seit der 11. Klasse. Als ich von einem halbjährigen Schulaustausch in den USA zurückkam, bin ich sitzengeblieben. Damals habe ich viel Zeit mit einem Freund verbracht, der mir quasi das Kiffen beigebracht hat.

In der 12. Klasse hat meine Freundin, an der ich sehr hing, mit mir Schluss gemacht. Ich war wahnsinnig enttäuscht. Ich begann, auch alleine zu kiffen, zu Hause durch die Bong. Das ging dann so bis zur Abizeit. Das Abi habe ich mit Ach und Krach hinbekommen.

Wussten deine Eltern, dass du kiffst?

Ja, sie wussten es schon immer. Aber sie kannten nicht das Ausmaß. Ich habe ihnen immer was vorgespielt. Habe ihnen gesagt, ich hätte das im Griff: "Macht euch keine Sorgen." Man gewöhnt sich ans Schauspielern. Heute bereue ich das.

Zurück zu deiner Biographie. Wie ging es weiter nach dem Abi?

Ich habe in Freiburg Zivi gemacht und Schwerstbehinderte betreut. Das war ein harter Job. Gleichzeitig fühlte ich mich einsam, weil alle meine Freunde von der Schule weg waren. Ich kiffte relativ viel. Dann zog ich nach Hamburg, um eine Ausbildung als Tontechniker zu machen.

Ich verließ Freiburg mit dem Vorsatz, das Kiffen aufzugeben. Aber daraus wurde nichts. Nach einigen Monaten in der neuen Stadt hatte ich mir wieder ein Milieu gesucht, in dem gekifft wurde.



Wie hast du deine Sucht finanziert?

Ich habe immer von meinen Eltern Geld für den Lebensunterhalt bekommen. Mein Vater hatte die Einstellung: "Dem Jungen soll es gut gehen und ich unterstütze ihn so lang, bis er auf eigenen Füßen steht." Die aktuelle Situation wäre sicherlich nicht da, wenn er mir früher den Geldhahn zugedreht hätte. Das mache ich meinem Vater sogar ein Stück weit zum Vorwurf, auch, wenn das komisch klingt. Immerhin, gedealt habe ich nie.

Wieviel Geld hast du im Monat für Gras ausgegeben?

Zwischen 250 und 400 Euro. In heftigen Monaten auch 500 Euro. Zum Lebensunterhalt habe ich insgesamt mindestens 1000 Euro gebraucht.

Du hast 2005, beim zweiten Versuch, die Prüfung zum Tontechniker bestanden und dann freiberuflich gearbeitet. Wie stark war dein Konsum in diesen Arbeitsphasen?

Auch an Arbeitstagen habe ich schon morgens, direkt nach dem Aufstehen, eine Grasmischung aus der Bong geraucht. Quasi mein Frühstück. Als Tontechniker musst du oft lange am Stück arbeiten. Nach einigen Stunden spüre ich Entzugserscheinungen. Ich werde körperlich sehr unruhig, fange an zu schwitzen, werde nervös. Ich bin dann psychisch total aufs Kiffen fixiert: ich brauch jetzt was.

Also bin ich auch bei der Arbeit mal kurz rausgegangen und habe irgendwo einen Kleinen geraucht. So sind mir beim Arbeiten Fehler unterlaufen. Ich habe mal ein ziemlich teures Kabel zerrissen, hatte einen Autounfall. All das war meiner Karriere nicht förderlich. Meine Arbeitgeber haben gemerkt, dass ich Drogen nehme. Ich wurde zwar nicht rausgeschmissen, aber irgendwann nicht mehr kontaktiert, was für einen freien Berufstätigen aufs Gleiche rauskommt.



Und dann?

Dann war ich frustriert und habe erst recht geraucht, weil ich keine Aufträge mehr bekam. Ich habe mir Vorwürfe gemacht.

Wieviel rauchst du an Tagen ohne Verpflichtungen?

Am Tag im Durchschnitt zwei Gramm Hollandgras. Alle zwei Stunden rauche ich dann eine Mischung aus der Wasserpfeife.

Ist das Kiffen für dich immer noch so schön wie am Anfang?

Nein. Das ursprüngliche High-Gefühl löst das THC bei mir schon lang nicht mehr aus. Ich werde nicht mehr high, sondern, für meine Verhältnisse, normal. Ich komme sozusagen auf Null. Das bezieht sich vor allem auf mein Körpergefühl. Euphorie spüre ich keine mehr.

Müdigkeit?

Wenn du Langzeitkiffer bist, macht dich die Droge nicht unbedingt müde. Morgens, nachdem ich was geraucht habe, bin ich wach. Ich kann mich auch fitrauchen, wenn ich will. Das kann ich steuern.



Was machst du, während du bekifft bist?

Stundenlang Backgammon spielen mit Kifferkollegen. Das wurde zum Ritual. Ich habe auch viel am PC gezockt, Egoshooter oder das Spiel "GTA San Andreas". Es hat mir Spaß gemacht, mich in bekifftem Zustand an den Herd zu stellen und zu kochen. Essen war eine der wenigen Freuden.

Hast du nur für dich gekocht?

Ja. Ich habe mich in den vergangenen Jahren sozial isoliert; bin immer seltener weggegangen, weder auf Partys noch sonst unter Menschen. Es war ein Rückzug in meine Wohnung, die ich "meine Höhle" nenne. Oft habe ich mich einsam gefühlt. Dieses Gefühl hat die Droge zwar erträglich gemacht, aber wohl habe ich mich eigentlich nicht mehr gefühlt.

Partnerschaft?

Ich hatte in den letzten acht Jahren keine feste Beziehung. Das ist hart. Mal was Kurzes für ein paar Wochen und ein bisschen Sex, das wars. Mein Verlangen nach körperlicher Nähe und Zärtlichkeit ist groß. Gar nicht mal harter Sex. Sondern einfach Wärme und Kuscheln.

Wo liegt das Problem? Du bist ein umgänglicher Kerl.

Meine Freundin habe ich bereits. Die heißt Shiva, also Cannabis. Sie ist immer bei mir. Obwohl ich einige Frauen kennengelernt habe in den letzten Jahren, niemand konnte mir das bieten, was mir Shiva gibt. Eine Frau muss erstmal gegen diese Droge bestehen. Das ist fast unmöglich.

Oft habe ich den Wunsch, dass dieser Engel kommt. Aber der kommt nicht. Besonders nicht, wenn ich immer zu Hause rumhänge. 90 Prozent der Frauen törnen glasige Kifferaugen komplett ab.

Dennoch klingt es so, als wärest du ganz zufrieden mit deinem Kifferleben.

Die Entscheidung, dass ich aufhören will, ist immer noch nur rational. Die Vernunft sagt JA, emotional bin ich immer noch ein Kiffer. Ich habe sogar so etwas wie einen Kifferstolz entwickelt. Der ist bei mir sehr ausgeprägt.

Was soll das sein?

Ich lebe gut mit der Droge und kenne es nicht anders. Es ist dieses Lebensgefühl, wie es in unzähligen Reggae- und Rapsongs beschrieben wird. Ein gemütliches Leben, in Frieden mit mir selber. Spirituell habe ich viele Erfahrungen gemacht. Meditative Zustände erlebt.

Die kann man auch ohne Drogen haben. Kifferstolz?

Ich bin stolz darauf, dass ich dieses Leben überhaupt so durchhalte. Ich bin kein schmutziger, versiffter Typ, der nie seine Rechnungen bezahlt. Alles hat seine Ordnung bei mir. Das war mir auch wichtig, sonst konnte ich das nicht genießen.

Es ist vielleicht schwer nachvollziehbar, aber ich habe mir bei anderen, die ich nachts auf Partys getroffen habe, gedacht: "Ich habe heut schon 10 Köpfe geraucht und 4 Bier getrunken und ihr macht jetzt schon schlapp? Wenn ihr soviel wie ich konsumiert hättet, würdet ihr gar nicht mehr aufstehen."



Wie reagierst du auf Stress?

Sobald ich eine Doppelbelastung bekomme, bin ich überfordert. Sei es nur ein Anruf der Eltern. Da werde ich abweisend, unleidig. In Situationen, in denen mir bewusst wird, was ich eigentlich für ein Leben führe, werde ich total nervös. Da drehe ich am Rad. Dann igele ich mich ein: "Lasst mich in Ruhe, ich rauch mir jetzt einen. Alles andere ist mir egal. Ich sitz es aus."

Verdrängung und Gleichgültigkeit.

Genau. Das zeigt sich auch darin, dass ich nur in kurzen Zeiträumen denke: Habe ich noch genug Stoff für die nächsten 2 bis Tage? Alles, was danach kommt, ist mir egal.

Hast du auch andere Drogen genommen?

Dreimal habe ich Pilze probiert, also LSD. Und ich habe relativ konstant um die drei Bierchen am Tag getrunken, als Katalysator zum Kiffen. Ansonsten war ich nie in der Versuchung, was Stärkeres zu nehmen. Das Wichtige an der Droge ist für mich, dass sie mich entspannt.

Was war ausschlaggebend für deine Entscheidung, mit dem Kiffen aufzuhören?

Existenzangst. Die Gewissheit, dass ich mein Leben so nicht werde bestreiten können. Wenn ich weiterkiffe, werde ich nie eine Familie gründen; ich werde nie so belastungsfähig sein, dass ich einer normalen Arbeit nachgehen kann. Und ich werde in der sozialen Isolation hängenbleiben.



Wie soll dein Entzug aussehen?

Er besteht aus zwei Teilen. Zuerst die Entgiftung in einer Fachklinik. Sie dauert zwei bis drei Wochen. Mein Blut muss einen bestimmten Wert erreichen. Dann will ich für fünf Monate in eine Rehaklinik an den Schluchsee. Seit drei Monaten gibt’s da ein Ausstiegsprogramm speziell für Cannabisabhängige. Daran nehmen hauptsächlich Jungs zwischen 20 und 35 Jahren teil.

Was machst du in diesen fünf Monaten in der Rehaklinik?

Es gibt da viele Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Gärtnerei, Schreinerei, eine große Sporthalle und so weiter. Für uns Kiffer ist es wichtig, wieder den eigenen Körper zu spüren.

Zahlt das die Krankenkasse?

Ja, wenn du ein ärztliches Gutachten vorlegen kannst. Ich weiß zwar noch nicht, ob ich meine Wunschklinik gezahlt bekomme. Aber wenn du dir wirklich helfen lassen willst, dann unterstützen dich Ärzte und Krankenkasse.

Was wünschst du dir?

Ich träume von einem geregelten Job, einer schönen kleinen Wohnung und einer Partnerschaft, in der ich friedlich leben kann, ohne die Droge. Ich habe nie gelernt, andere Dinge zu tun, die mir Spaß machen. Ein Hobby. All das will ich jetzt suchen. Und ich weiß, dass es verdammt schwer wird.

Wir danken dir für deine Offenheit und wünschen dir viel Erfolg.

Wir werden ihn im Herbst während seiner Rehabilitation am Schluchsee besuchen und ihn fragen, wie es klappt mit dem Entzug.