Vom Versuch, den Fado zu verstehen: Carminho im ZMF-Spiegelzelt

Manuel Lorenz

Tuchfühlung mit dem Ü60-Publikum, eine obskure Liste verstandener Wörter, der verzweifelte Versuch, der Sängerin in die Augen zu schauen: fudder-Redakteur Manuel Lorenz ließ gestern Abend im ZMF-Spiegelzelt kaum etwas unversucht, um die Fado-Diva Carminho zu verstehen. Ob's ihm gelungen ist:



Das Problem an Fado ist, dass ich nichts verstehe. Großes Latinum, sechs Jahre Französisch an der Schule, Erasmus in Italien, zwei Ex-Freundinnen aus Spanien. Und trotzdem: Portugiesisch klingt für mich wie ein ständiges Aneinanderreihen von Sch-Lauten, zwischen die hie und da willkürlich Vokale gestreut werden. Dass die Sprache heute Abend gesungen wird, vom 28-jährigen Fado-Star Carminho, macht die Sache sicher nicht einfacher.


Ich bin nicht der einzige, der nichts versteht. Der Großteil des Publikums ist im Alter meiner Eltern: Ü60er, denen die Toskana irgendwann langweilig geworden ist und die sich dann zuerst nach Spanien und anschließend in abenteuerlichere Gefilde a.k.a. nach Portugal gewagt haben. Sie wissen, dass man dort "obrigado" sagt und nicht "gracias" oder "grazie" und dass das d in Vinho Verde ausgesprochen wird wie das G in Germany. Das war's.

So wie der Rentner neben mir. Er sei vor einem Jahr von Lissabon nach Santiago de Compostela gepilgert - "nicht aus religiösen Gründen", wie er betont. In Lissabon habe er sich den Panama-Hut gekauft, den er heute Abend trägt, in Coimbra habe er einen Fado-Abend besucht - "10 Euro, inklusive einem Glas Portwein!" Da kann man nicht meckern.

Die Dame links von mir hofft, dass heute Abend auch getanzt wird. Sie sei einmal bei einer Tanzveranstaltung gewesen - einer spanischen, allerdings -, bei der ein steinaltes Paar getanzt habe. "Die waren bestimmt schon 90. Aber die Ausstrahlung, die Leidenschaft." Später, bei beschwingten Stücken, versucht sie mit ihren Armen Flamenco-Bewegungen nachzuahmen. Andere wippen mit den Beinen oder nicken mit dem Kopf.

Ihr schwarzes Kleid, ihr goldfarbener Schlangengürtel

Vielleicht muss man die Sprache beim Fado auch gar nicht verstehen. Vielleicht läuft das Meiste ja non-verbal ab. Allein schon die drei Musiker, die Carminho sich mitgenommen hat: weiße Hemden, deren Leisten weit aufgeknöpft und deren Ärmel weit hochgekrempelt sind, schwarze Westen, schwarze Vollbärte, lange schwarze Haare. Das gesamte Konzert über sitzen sie unbewegt auf ihren Stühlen, die Beine überschlagen, die Instrumente im Anschlag. Der Gitarrist sieht aus wie Antonio Banderas, und wenn er ein Solo intoniert, geriert er sich wie Christiano Ronaldo beim Freistoß. Geschwellter kann eine Brust kaum sein. Großartig!

Und Carminho erst: noch viel großartiger! Ihr scharzes Kleid, ihr goldfarbener Schlangengürtel, ihr Mittelscheitel, ihr streng nach hinten genommenes Haar. Zur Begrüßung hat sie einen deutschen Satz auswendig gelernt: "Es ist mir eine große Freude, heute bei euch in Freiburg zu sein." Charmant. Ansonsten spricht sie ein süßes Englisch: "sing" klingt bei ihr zum Beispiel wie "sink". Und natürlich adressiert sie die anwesenden Exil-Portugiesen auf Portugiesisch.

Bei jedem Lied schreibe ich die Wörter mit, die ich verstehe. Meine deprimierend übersichtliche Setlist:

1. tristeza, cantado, vento
2. rosa
3. outra vez
4. tristeza, todo, voltar, coração, mais, sul (?) mar
5. -
6. dia
7. nunca, amantes, saudade
8. final, temporal, rio
9. mais fria (?), amor, saudade
10. [Instrumental]
11. água, quatro, saudade, cantar (?)
12. vez, falar, encanto, saudade (?)
13. bom dia amor
14. madrugada, rua, deserta, memória, história
15. mi amor, ventos
16. lágrimas de amor, coração, todo tempo
17. amor
18. Lisboa, fadistas
19. amor, todos, encanto,
20. vento, carinho (?), mais
21. saudade (?), amor
22. dias

Die Augenkontakt-Taktik

Letzter Versuch, etwas zu verstehen: die Augenkontakt-Taktik. Die Augen sind bekanntlich das Fenster zur Seele, wer einen Menschen verstehen will, muss ihm in die Augen schauen. Allein, Carminho schaut nicht her. Viel zu beschäftigt ist sie damit, ihre Augen zu schließen, ihren Kopf in den Nacken zu legen, ihre tiefe, angeraute Stimme vernehmen zu lassen, das Schicksal zu besingen, gegen Geister zu kämpfen, tausend Tode zu sterben und sich am Ende mit der Welt zu versöhnen.

Auch zwischen den Liedern erwische ich sie nicht, obwohl ich relativ weit vorne und ziemlich zentral sitze. Aber immer wenn sie mit ihrem Blick die Reihen abgeht, überspringt sie mich - als ob sie wüsste, was ich im Schilde führe.

Beim letzten Applaus, als alles vorbei ist, ein letzter Versuch. Saudade, tristeza, coração und amor. Ich setze mich besonders gerade hin und klatsche besonders auffällig, um aus der Masse hervorzustechen. Ich höre mich sogar "otra, otra" rufen, das ist Spanisch (also die einzige iberische Sprache, die ich halbwegs beherrsche) und heißt soviel wie "Zugabe". Nichts. Sie geht das gesamte Publikum ab, von oben nach unten, von links nach rechts. Aber mich: mich überspringt sie wieder.

Wer mir stattdessen tief in die Augen schaut, ist Antonio Banderas. Und das erste Mal an diesem Abend glaube ich, irgendwas zu verstehen.

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