Volkmar Vogt: Ein Chronist der Protestkultur

Elisabeth Kimmerle

Protest und Widerstand haben in Südbaden Geschichte und Tradition. Der Widerstand gegen den Bau eines Atomkraftwerks in Wyhl trug maßgeblich zur Entstehung der Grünen bei und in den 70ern und 80ern waren Hausbesetzungen und Demonstrationen in Freiburg noch mehr Alltag als heute schon. Poster, Flugblätter und Zeitschriften der Protestbewegungen in Freiburg und Südbaden werden im Archiv Soziale Bewegungen auf dem Grethergelände archiviert. Eli hat Archivar Volkmar Vogt zwischen seinen bemerkenswerten Archivalien besucht.

Die ehemalige Gießereihalle auf dem Grethergelände. Gleich neben der Rosa Hilfe verbirgt sich hinter einer unscheinbaren Tür das Archiv Soziale Bewegungen – eine wahre Fundgrube für jeden, der sich für die Geschichte der Protestbewegungen in Freiburg und dem Badischen Raum seit 1945 interessiert. Die Regale sind bis auf den letzten Zentimeter vollgestellt mit dicken grauen Ordnern. Hier stehen die Hausbesetzungsszene der Siebziger, die Frauenbewegung, Radio Dreyeckland und diverse kommunistische Gruppen systematisch eingeordnet Rücken an Rücken.

Mehr als 100000 Flugblätter, 1000 Zeitschriften und Broschüren und tausende von Plakaten zählt das Archiv. „Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag für das Gedächtnis der Region“, sagt der Leiter des Archivs, Volkmar Vogt. Der 59-Jährige sitzt mit seinem Praktikanten im Obergeschoss; sie rauchen und trinken Espresso.

Das Archiv wurde 1983 von einer heterogenen Gruppe von Aktivisten gegründet. „Die unorganisierte Linke hat in den frühen Achtzigern wieder einmal festgestellt, dass sie nichts über ihre eigene Geschichte weiß“, sagt Volkmar Vogt. Das Bedürfnis, sich mit den vorhergegangenen Protestbewegungen zu beschäftigen war da – nur waren die Informationen dazu schwer zu beschaffen. Archive, die Dokumente dieser teils kurzlebigen sozialen Bewegungen aufbewahrten, existierten bis dahin nicht. „Also hat man angefangen, die Spuren der neuen sozialen Bewegungen zu sammeln. Nicht aus einem Sammeltrieb, sondern um sich damit auseinanderzusetzen“, erklärt der Archivar.

Die Linken hatten die Hoffnung, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, indem sie die früheren Protestbewegungen näher untersuchten. In den achtziger Jahren entstanden bundesweit solche Archive; übriggeblieben sind nur wenige. Auch das Freiburger Archiv Soziale Bewegungen musste sich frühzeitig umorientieren. In den Anfangsjahren eher als Infoladen konzipiert, ist es heute vor allem eine Anlaufstelle für Studenten, Doktoranden und Habilitanten. „Das Konzept ‚aus der Bewegung für die Bewegung‘ hat sich nicht durchhalten lassen. Ich denke, ohne die Gelder von der Stadt würden wir heute nicht mehr existieren“, sagt Volkmar Vogt und zündet sich eine filterlose Zigarette an. Während er redet, schreitet er im Raum umher und hält nur inne, um sich eine neue Zigarette zu drehen.



In den späten Sechzigern war er als angehender Fernmeldemechaniker in der Lehrlingsbewegung engagiert und ging auf die Straße. Anders als heute angenommen, protestierten 1968 nicht nur die Studenten, auch die Lehrlinge gingen auf die Barrikaden. Die Ausgangssituation sei damals eine ganz andere gewesen als heute.

„In den sechziger Jahren hat man in einem Klima gelebt, das in hohem Maße repressiv war. Das war richtig erstickend.“ Sie kämpften für mehr Mitspracherecht - und, wie Volkmar Vogt mit einem verschmitzten Lachen hinzufügt, für besseres Kantinenessen. „Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, wie das damals war. In den Betrieben ging es zu wie in einer Kaserne“, sagt er. „Da kam der Ausbilder und verlangte, dass man gradesteht und keine Widerworte gibt.“

Später kamen die Hausbesetzungen im Ruhrgebiet der frühen siebziger Jahre. Volkmar Vogt macht den zweiten Bildungsweg, zusammen mit seinen Mitschülern besetzt er ein leer stehendes Wohnheim. „Der Häuserkampf hat heute schon einen anderen Charakter als damals. Uns ging es früher nicht nur um die Häuser. Es ging um Freiräume. Das sagen die Besetzer heute zwar auch. Nun muss man einfach sehen, dass es in den Siebzigern weit weniger Freiräume gab als heute“, sagt er.



Seit 1989 leitet er das Archiv Soziale Bewegungen. Über 20 Jahre badischer Protestgeschichte, aufgespürt, gesammelt, systematisiert – Volkmar Vogt ist ein Chronist der neuen sozialen Bewegungen.

„Damals hat man jemanden gesucht, der sich mit dieser Szene auskennt, sich aber nicht einer Gruppe besonders verpflichtet fühlt. Der also auch ein distanziertes Verhältnis zu manchen Dingen hat“, sagt Vogt. Damals hatte er gerade sein Studium abgebrochen, Geschichte und Volkskunde. „Ich hatte keine Vorstellung, was ich später mal machen wollte. Ich fand meine Studienfächer interessant, deshalb habe ich studiert. Das waren Jahre, in denen man glaubte, die Welt stünde einem lange offen“, erinnert er sich.

1979 nach Freiburg gekommen, erlebte der gebürtige Duisburger die Hochphase des Häuserkampfs hautnah mit – ohne mittendrin gewesen zu sein. „Ich glaube, wenn man damals in Freiburg war, hatte man überhaupt keine andere Chance, als die Besetzungen mitzuerleben. Da hätte man ziemlich ignorant sein müssen“, sagt er. In der Szene bekannt, fragte ihn die Gründergruppe des Archivs, ob er nicht die neu eingerichtete Stelle übernehmen wolle. Er wollte. „Das fand ich interessant“, er zieht an seiner Zigarette und fügt nach einer kleinen Pause hinzu: „Und ich glaube, es war die richtige Wahl.“

Auch wenn sich in Freiburg mittlerweile das Bewusstsein durchgesetzt hat, dass das Archiv maßgeblich zur Dokumentation der neueren Geschichte im badischen Raum beiträgt, kämpft es seit seinem Bestehen ums Überleben. „Wir hatten schon immer finanzielle Schwierigkeiten. Die Stadt hat unseren Zuschuss gekürzt, und in den letzten Jahren gab es immer wieder Versuche, uns ganz aus dem Haushalt zu streichen“, sagt Volkmar Vogt. Inzwischen sei das Archiv aus der Schusslinie geraten, doch das Budget bleibe knapp. Auch der 2005 ins Leben gerufene „Förderkreis Archiv Soziale Bewegungen“ kann den Fortbestand nicht allein sichern; das Archiv bleibt angewiesen auf Spenden. Zuletzt musste der Leiter des Archivs gar sein eigenes - ohnehin mageres - Gehalt kürzen.



Digitalisieren, archivieren, neue Bestände durchforsten, Doppeltes wegwerfen, Gelder beschaffen – so vielfältig die Arbeit des Archivars ist, so schlecht bezahlt ist sie. Wie viel Idealismus braucht der Leiter des Archivs, um dennoch weiterzumachen? „Idealismus ist so ein komisches Wort. Aber man muss schon glauben, dass das hier einen Sinn macht.“ Volkmar Vogt ist kein Freund pathetischer Worte. Er spricht wohlüberlegt, wägt genau ab, was er sagt. „Wir hoffen, dass wir mit unserer Sammlungstätigkeit bestimmte Mythenbildungen verhindern können. Zum Beispiel eben, dass die 68er eine reine Studentenbewegung waren.“

In den vergangenen 20 Jahren war Volkmar Vogt den verschiedenen sozialen Bewegungen auf der Spur. Er hat sie entstehen und manchmal wieder verschwinden gesehen; vergessen werden sie dank seiner Arbeit nicht. Wie hat sich die Streikkultur in diesen Jahren verändert? Volkmar Vogt geht am Fenster auf und ab, denkt nach. „Wir können beobachten, dass das, was wir beabsichtigt haben, nicht hinhaut: Die Möglichkeit zu geben, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Aktuelle Aktivisten tauchen bei uns selten auf“, sagt er. Das widerspreche wohl auch der Dynamik solcher Bewegungen. Vom einen auf den anderen Tag entstanden, bleibe nicht die Zeit, viel zu lesen. Volkmar Vogt lacht. „Die fangen alle wieder von vorne an.“



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Archiv Soziale Bewegungen in Baden
Adlerstraße 12
79098 Freiburg
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