Jung & einsam

Vielen Studierenden fällt es schwer, Anschluss zu finden

Manuela Müller

Von wegen feiern, chillen und Freunde treffen. Wenn Studierende in eine neue Stadt kommen, stehen sie häufig vor dem Problem, dass sie keinen Anschluss finden und vereinsamen.

Dass sie das Alleinsein auch genießen kann, ist Daria* erst im vergangenen Jahr aufgefallen, als sie auf dem Jakobsweg durch Spanien und Portugal gewandert ist. Als sie das erzählt, strahlt ihr Gesicht. Während ihres Studiums in Deutschland – zuerst im Erasmus-Semester, dann im Master-Studium – war sie dagegen oft einsam und hat darunter gelitten. "Was stimmt mit mir nicht?", hat sie sich dann gefragt. Selbstzweifel, Traurigkeit, das Gefühl, für die anderen nicht gut genug zu sein, waren die Folge.


Viele Studieren haben Probleme, Anschluss zu finden

Dieses Gefühl kennen viele Studierende, das zeigt sich in Internetforen, in denen sie sich austauschen. Auch wenn sie es selbst nicht unbedingt als Einsamkeit bezeichnen. Sie sagen eher, dass sie Probleme damit haben, Anschluss zu bekommen und Freundschaften zu knüpfen, weiß Matic Rozman zu berichten. Er ist psychologischer Psychotherapeut und berät beim Studierendenwerk Freiburg in der Psychotherapeutischen Beratungsstelle. "Bei Einsamkeit mischt sich oft das Gefühl von eigenem Versagen bei", sagt er.

Der Selbstwert sinkt, das Gefühl der Unzulänglichkeit steigt. Offizielle Zahlen darüber, wie viele Studierende von Einsamkeit betroffen sind, gibt es allerdings keine.

Und das in einer Zeit, die sowieso voller Unsicherheiten steckt. Das erste Semester bedeutet zwar Freiheit, aber zumeist auch Neuland: der Auszug aus dem Elternhaus, die alten Schulfreunde überall verstreut, vielleicht eine neue Stadt oder gar ein neues Land mit anderer Kultur, fremde Kommilitoninnen und Kommilitonen. Es ist eine Zeit – Fachleute sprechen von Spätadoleszenz –, in der sich junge Erwachsene neu positionieren müssen. Fragen wie "Wer bin ich?" und "Was ist mir eigentlich wichtig?" stehen im Raum.

Daria sagt heute: "Vielleicht habe ich zu viel erwartet." Die 27-Jährige kommt aus der Ukraine, hat Germanistik und später Deutsch als Fremdsprache studiert. Heute lebt sie am Oberrhein und arbeitet dort als Deutschlehrerin für Ausländer. In ihrer Heimat war sie sozial gut eingebunden, hatte nie Probleme, Leute kennenzulernen. Nach wie vor hat sie Kontakt zu ihren Freundinnen aus der Ukraine. "Ich weiß, dass ich sie immer anrufen und ihnen alles erzählen kann." Die Betonung legt sie auf "immer" und "alles".

Darias Kontakte blieben an der Oberfläche

Auch in Deutschland hätte sie gerne Leute kennengelernt, auf die sie hätte zählen können. Stattdessen empfand sie es während des Erasmus-Semesters in der Pfalz als mühsam, die Kommilitonen aus deren Wohnungen zu bekommen. Klar gab es viele Veranstaltungen für die ausländischen Studierenden, aber abgesehen davon hat sich nicht viel ergeben. Die Kontakte blieben an der Oberfläche. Die aufgeschlossene Frau erzählt, sie fühlte sich irgendwann wie ein Hündchen, das um Zuneigung bettelt. Dass in ihrer Wohngemeinschaft immer jeder seine Tür zu hatte, war für sie seltsam. So sei das zuhause in der Ukraine nicht gewesen. Vielleicht sei es auch der krasse Gegensatz gewesen, der es ihr in Deutschland so schwer gemacht hat, mutmaßt sie: "Weil ich zu Hause so gute Freunde hatte, fühlte ich mich hier so alleine."

Dass ausländische Studierende in besonderem Maße von Einsamkeit betroffen sind, beobachtet Psychotherapeut Rozman öfter. Kulturelle Unterschiede, die Sprachbarriere und Vorurteile spielen dabei eine Rolle. Unabhängig von der Herkunft können aber auch das Studienfach, finanzielle Probleme und der Anspruch der einzelnen Person die Gefühlslage stark beeinflussen: "Es gibt zum Beispiel sehr fordernde Studiengänge wie etwa Jura, Pharmazie oder Medizin. Wer das ernsthaft betreibt, hat wenig Zeit für soziale Kontakte", sagt Rozman.

Ebenso verhält es sich bei Studierenden, die neben den Seminaren und dem Lernen viel arbeiten müssen. Wer wenig Freizeit hat, hat auch wenig Zeit, sich mit anderen zu treffen oder Freundschaften zu intensivieren.

Vermeintlicher Selbstschutz kann die Vereinsamung befördern

Im Masterstudium war das Darias Problem. Sie studierte in Freiburg, wohnte in Lörrach und musste sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. So lange sie mit den Kommilitonen an der Hochschule zusammen war, seien alle sehr nett gewesen. Außerhalb der Hochschule hatte sie aber das Gefühl, dass eine unsichtbare Grenze gezogen wurde: "Hier ist mein Privatleben, da ist dein Privatleben." Eine Freundschaftsidylle wie in den Fernsehserien "Friends" oder "How I Met Your Mother" habe sie nur in der Ukraine erfahren, erzählt die heutige Deutschlehrerin. Dass solche Freundschaften etwas ganz Besonderes sind, wurde ihr erst während des Master-Studiums bewusst.

Aus der Oberflächlichkeit der Kontakte zog Daria ihre Konsequenzen. Den Blick aus dem Fenster gerichtet sagt sie: "Ich merke, dass ich asozialer geworden bin. Ich kann mittlerweile ganz gut alleine klarkommen." Während des Studiums in Deutschland sei klar gewesen, dass sich danach die meisten in alle Himmelsrichtungen zerstreuen werden. "Nach dieser Zeit hatte ich das Gefühl, dass es sich nicht lohnt, Energie in den Aufbau neuer Freundschaften zu investieren." Ein vermeintlicher Selbstschutz, der die Vereinsamung befördern kann.

Beratungsgespräch wirkt in vielen Fällen wie eine Ermutigung

In einem ersten Beratungsgespräch mit Studierenden versucht Rozman herauszufinden, welche Ängste und Unsicherheiten bei seinem Gegenüber bestehen. Der Blick auf die Biografie und das soziale Umfeld ist dabei hilfreich. "Bei manchen Studierenden ist eine kindliche Erwartungshaltung zu beobachten", erklärt er. Sie hätten das Gefühl, dass ihnen die Welt alles geben müsse. "Obwohl es sinnvoll ist, dass sie sich auf ihre eigenen Stärken besinnen: Was kann ich anderen Menschen anbieten?" Bei schwerwiegenden Kontaktproblemen rät Rozman zu einer Psychotherapie. Doch häufig wüssten die Studierenden schon selbst, was sie gegen die Einsamkeit tun können. Das Beratungsgespräch wirke in vielen Fällen wie eine Ermutigung.

Das bestätigt Katja Zimmermann. Sie ist selbst Studentin und arbeitet ehrenamtlich bei Nightline, einem sogenannten Zuhörtelefon, das nachts allen Studierenden zur Verfügung steht (siehe Infobox). "Die Grundidee unserer non-direktiven Beratung ist, dass sich jede Person selbst am besten kennt und die Lösungsansätze für ein Problem in ihr selbst schlummern", sagt die junge Frau. Non-direktiv heißt, dass die Berater am Telefon nicht mit Ratschlägen um sich werfen. Vielmehr versuchen sie, die richtigen Fragen zu stellen, damit der Anrufer erkennt, wie er mit seiner Situation zurechtkommen kann.

Die Gründe für einen Anruf bei Nightline sind vielfältig, berichtet Zimmermann. Einsamkeit steht da nicht ganz vorne. Häufig benötigen Studierende einen Rat bezüglich ihres Studiums – zum Beispiel, weil sie ihr Zeitmanagement nicht in den Griff bekommen oder Angst vor Prüfungen haben. Oder es geht um Beziehungsprobleme mit dem Partner, der Familie oder einem Dozenten. Doch Einsamkeit sei ein nicht zu vernachlässigendes Gefühl, das während des Studiums aufkommen kann. Das nächtliche Telefongespräch sorge meist im Moment für Erleichterung, woraus wieder neue Energie geschöpft werden könne, um gegen das Problem vorzugehen.

"Viele finden es schade, dass sie keine Kontakte zu Deutschen haben" Daria

Eine Freizeitgestaltung, in der man diejenigen treffen kann, die ähnliche Interessen haben, selbst aktiv werden, den ersten Schritt gehen, Persönliches erzählen – diese Möglichkeiten zählt Rozman auf. Und: "Wer eine tiefere Freundschaft sucht, muss versuchen, sich jemandem anzuvertrauen", sagt der Psychotherapeut.

So ähnlich rät das Daria heute auch ihren Schülern, die aus den unterschiedlichsten Ländern kommen. "Viele finden es schade, dass sie keine Kontakte zu Deutschen haben", sagt sie. Ihre Tipps: im Zug den Sitznachbarn ansprechen und um Hilfe bei einer Aufgabe bitten, einen Kochkurs besuchen, in den Sportverein gehen oder zum Beispiel ins Kulturzentrum Nelly Nashorn in Lörrach. Wieder schaut Daria aus dem Fenster und fügt nachdenklich dazu: "Ich erkenne in meinen Schülern meine frühere Einsamkeit. Wahrscheinlich organisiere ich deswegen für sie regelmäßig einen Stammtisch oder ein gemeinsames Essen." Sie weiß, wie sich Einsamkeit anfühlt.

*Der volle Name ist der Redaktion bekannt.
Wo es Hilfe gibt

Nightline – anonymes Sorgentelefon für Studierende: während des Semesters zwischen 20 und 24 Uhr unter Tel. 0761/2039375, in den Semesterferien unter anderen Nummern.
Mehr Informationen unter: http://www.nightline.uni-freiburg.de
Psychotherapeutische Beratungsstelle des Studierendenwerks Freiburg: Anmeldung für kostenlose Beratung (45 Min.) unter Tel. 0761/2101269 oder ohne Termin in der offenen Sprechstunde mittwochs von 13 bis 14 Uhr (zehn Min.), http://www.swfr.de