Video: Tanztrend Tecktonik erobert Frankreich

Joana Jäschke & Julika Herzog

TCK – Diese drei Buchstaben beschreiben ein Phänomen, das sich gerade auf Frankreichs Straßen abspielt. Jugendliche mit asymmetrischen Frisuren und neonfarbenen, enganliegenden Klamotten zucken und zappeln zu harten Elektro-Beats - auf offener Straße. Tecktonik heißt dieser Tanz, der in Frankreich schon längst zu einer Massenbewegung geworden ist. [Mit Video]



Die Sonne scheint, der Eiffelturm wirft einen riesigen Schatten – ein ganz normaler Frühlingstag in Paris. Mitten im Touristenstrom eine seltsame Szene: wild herumfuchtelnde Hände, hysterisches Armrudern – ein Grüppchen Jugendlicher zappelt zu harten Techno-Beats aus der Konserve.


Ein Typ mit Irokesen-Haarschnitt, Slimhose und neonpinkem T-Shirt schwingt seine Arme durch die Luft, wirbelt die Hände über Schultern und Kopf, seine Arme rasen blitzschnell immer wieder nach vorn, zur Seite und wieder zurück. Es sieht aus, als leide er unter nervösen Zuckungen. Tut er aber nicht, er tanzt Tecktonik. Tecktonik – eine Jugendbewegung, die zur Zeit in Frankreich die Teenager auf die Straße zieht.



Am Platz Trocadero gegenüber dem Eiffelturm und im Schatten des Centre Pompidou stehen ganze Gruppen von Tecktonikern und zucken mit Armen und Beinen so gut sie können.

Auch Jean-Pierre (15), der sich „Calabria-Killer“ nennt, Tiago „Kintrixxx“ (17) und Guillaume „Detroxxx“(15) fahren samstags mit ihrer Gruppe ElektroStar’s aus dem Pariser Vorort Creil in die Hauptstadt, um dort ihre neuesten Moves zu trainieren. „Wir finden es cool uns hier zu zeigen, außerdem sind wir noch zu jung für die Disko“.

Dort hat das Ganze nämlich angefangen: Auf den "Tecktonik-Killer"-Partys in der Pariser Großraumdisko Metropolis tanzten schon vor sechs Jahren die ersten Jugendlichen zu harten Elektrorhythmen. Von hier aus wurde der französische Tanztrend in die Straßen von Paris gespült und verbreitete sich schnell in ganz Frankreich – dank Internetvideoportalen wie Dailymotion und YouTube.

Hunderte mehr oder weniger professionelle Tecktonik-Videoclips stehen dort zum Abruf bereit und mittlerweile ist der Tecktonik zu einer richtigen Massenbewegung geworden. „Unsere ersten Ideen haben wir noch bei Youtube abgeschaut, jetzt erfinden wir unsere eigenen Choreographien“ sagt Guillaume. „Das Coole daran ist, dass auch jemand, der zwei linke Füße hat, Tecktonik tanzen kann.“



Passend zur Tanztechnik muss natürlich das Outfit stimmen: hautenge Röhrenjeans, T-Shirts mit grellen neonfarbenen Aufdrucken, Kapuzenjacken in Karomuster und Baseballcaps locker auf dem Hinterkopf gesetzt. Besonders beliebte Accessoires: lila Palästinensertücher, Lack-Basketballschuhe oder auch ein Totenkopf-Gürtel in Pink.

Die asymmetrischen Frisuren sind das verlässlichste Identifikationsmerkmal der Tecktoniker: Vokuhila und Hahnenkamm, die Seiten kurz geschoren, manchmal einrasierte Muster, Hauptsache schräg. „Wir Tecktoniker achten sehr darauf gut auszusehen – aber einen wirklichen Dresscode gibt es nicht. Jeder kann Tecktonik tanzen, auch in abgewetzten Jeans“, sagt Tiago.

In diesem Moment tanzt sich ein anderer Teenie mit wellenförmigen Armbewegungen und moonwalkartigen Schritten an Jean-Pierre und seine Freunde heran. Er fordert sie zu einem Battle heraus. Die Jugendlichen bauen sich im Kreis auf und wippen im Takt der Musik. In der Mitte fuchtelt Guillaume so gut er kann. Dann räumt er den Platz mit einem coolen Kopfnicken für den nächsten Tänzer.

Einen Sieger gibt es nicht. Darum geht es auch gar nicht, erklärt Guillaume außer Atem. „Wir wollen keinen Ärger, sondern zeigen, was wir drauf haben. Tecktonik tanzen ist besser als sich zu schlagen oder rumzuhängen." Obwohl der Battle an Breakdance und Hip-Hop aus den benachteiligten Vierteln in New York erinnert, versteht sich Tecktonik nicht als soziale Bewegung. Alle machen mit: schwarze und arabische Jugendliche aus den armen Vorstädten, genauso wie die reichen Bourgoisie-Kinder aus dem schicken 16. Arrondissement von Paris.



Eine Botschaft oder gar eine Philosophie steckt nicht hinter dem wilden Gezappel. „Tecktonik ist apolitisch – es geht um Spaß und vor allem um Mode und Ästhetik“, sagt Cyril Blanc (Bild). Er muss es wissen: Als Veranstalter der Tecktonik-Killer-Parties im Metropolis hat der 30-Jährige die Bewegung losgetreten und den Namen Tecktonik erfunden. „Tecktonik bezieht sich auf die Verschiebung der Erdplatten. Es beschreibt somit den Clash verschiedener Musikrichtungen. Hardstyle und Jumpstyle aus Belgien treffen auf weichere Elektro-Beats aus der Schweiz und Spanien.“

Von seiner Idee profitiert Cyril heute. Schon 2002 hatte er sich die Tecktonik-Marke „TCK“ urheberrechtlich schützen lassen. Für die offiziellen T-Shirts und Neon-Schweißbänder mit dem Adler- und Stern Aufdruck plündern Teenager gerne ihre Sparschweine. Aber die Vermarktung hat gerade erst begonnen.



Cyril will die Tecktonik-Kollektion erweitern und im Herbst einen eigenen Tecktonik-Laden eröffnen. In Pariser Fitnessstudios schwitzen Sportbegeisterte in Tecktonik- statt in Aerobic-Kursen.

Die Merchandising-Maschine rollt. Auch andere Firmen wollen den Trend ausschlachten und haben die jugendlichen Tänzer als Zielgruppe erkannt: L’Oréal und Schwarzkopf planen eine Haarpflegelinie, die den Tänzern verspricht, ihre Irokesenkämme trotz des Gezappels in Form zu halten, Reebok will eine speziellen Tecktonik-Turnschuh entwickeln und sogar auf der Wii soll man bald Tecktonik zocken können.



Tanztrend Tecktonik erobert Frankreich

Quelle: YouTube

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