Video: Oberton-Gesang auf dem Mundenhof

Dana Hoffmann & Marc Schätzle

Es klingt leiernd, wie ein australisches Didgeridoo oder eine alte Maultrommel. Mongolische Obertonsänger können zweistimmig singen – mit Atemtechnik und Konzentration. Ein Workshop auf dem Mundenhof hat nun die Grundlagen vermittelt.



Es riecht muffig, nach nassem Tier. Genauer: nach mongolischem Schaf. Die Jurte, ein Nomaden-Rundzelt, ist mit gefilzter Wolle gedämmt. Darüber schützt eine dicke Plane das Innere vor dem täglichen Gewitter. Der Raum fühlt sich genauso an, wie er riecht: feucht und dunkel. Eine Öffnung in der Zeltdecke taucht ihn in schummriges Licht. Den acht Workshop-Teilnehmern scheint das ganz recht zu sein: Keiner von ihnen legt Wert auf Konzertbeleuchtung bei den ersten kläglichen Übungen in mongolischem Obertongesang beim Workshop auf dem Mundenhof.


So exotisch, wie es sich anhört, klingt dann auch, was Meister Sengedorj (Bild), nach eigenen Angaben einer der berühmtesten Sänger der Mongolei, seinem kleinen Publikum darbietet: Ähnlich dem leicht leiernden Ton einer Maultrommel. Das alte Blechinstrument klingt zweistimmig. Sengedorj kann das auch ohne technische Hilfsmittel. Durch Atemtechnik, Zungeneinsatz und Lippenbewegungen. Davon sind die Freiburger Musikfreunde noch weit entfernt: Glockenhell klingt das erste A-E-I-O-U. Dass einige der Teilnehmer sonst klassisch im Chor singen, hört man deutlich. „Es muss im Rachen kratzen. So, wie wenn man sich räuspert“, werden die Anweisungen des Meisters übersetzt.

Ein mehrstimmiges Krächzen geht durch das Zelt, dann ertönt das erste brummende A. Alle Blicke sind auf Martin Defren gerichtet. Sengedorj nickt zustimmend. Der Arzt winkt schüchtern ab: Er sei schon den dritten Tag in Folge dabei. Die Workshops auf dem Gelände des Mundenhofs kommen im Rahmen der Tournee des mongolischen Obertonchors Dörvön Berkh zustande.  Die traditionelle Bedeutung des mehrstimmigen Gesangs sei in der Mongolei in Vergessenheit geraten, beklagt Bernhard Wulff, Leiter des Freiburger Mongolei Zentrums. „Die traditionellen Melodien mischen sich mit westlichen Einflüssen.“ Das Zentrum, selber kaum größer als eine Jurte, will helfen, die Musik zu erhalten.



Eine Teilnehmerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, guckt irritiert: „Ich kann über drei Oktaven singen. Aber das hier muss man sich erst mal trauen.“ Der Ton, der über den Kehlkopf schier heraus gepresst wird, klingt falsch in den harmoniegewöhnten Ohren. Nicht alle bringen den Mut zum scheinbaren Missklang auf, auch deshalb, weil Sengedorj erzählt: „Als ich vor 50 Jahren angefangen habe, hatte ich öfter Blut im Rachen.“

Der Sänger stammt aus einer Nomadenfamilie im Westen der Mongolei. Er habe dort im engen Kontakt mit der Natur gelebt und auch für die Tiere, Pflanzen, Felsen und den blauen Himmel gesungen,  sagt er. „Khoomii“, wie die Obertonmusik auf Mongolisch heißt, sei aber nicht nur eine Form von Meditation: Die Hirten wollten mit ihrem Gesang ihre Yaks anlocken. Auf dem Mundenhof stolzieren lediglich zwei Pfauen um die Jurte herum, sichtlich unbeeindruckt von den akustischen Ködern.

Mehr dazu:

  Der letzte Workshop wird Freitag von 18 bis 20 Uhr angeboten. Treffpunkt ist die Jurte neben der Mundenhof-Gaststätte.
Dörvön Berkh singen am Samstag um 19 Uhr in der Friedenskirche. Am Sonntag wird von 14 bis 17 Uhr auf dem Mundenhof das Mongolenfest gefeiert. Obertöne aus dem Mundenhof (3:24 Min.)