Verurteilung einer Körperschmugglerin

David Weigend

Gestern ist im Freiburger Amtsgericht eine Frau zu zwei Jahren und sieben Monaten Haft verurteilt worden. Die Angeklagte hat 778,5 Gramm Kokain, verpackt in 80 Bodypacks, im ICE nach Basel geschmuggelt. Im Prozess wurde deutlich, wie wichtig das Dreiländereck für die nigerianische Drogenmafia geworden ist.



Die Version der Angeklagten

Abies O., 29 Jahre alt, ist Nigerianerin. Sie hat in ihrer Heimat zwei Kinder, einen zwölfjährigen Sohn und eine achtjährige Tochter. Sie leben bei der Großmutter. Abies Mann ist tot.

2004 zieht Abies nach Athen, um dort als Reinigungskraft zu arbeiten. Denn der Sohn hat von Geburt an eine Krankheit, die kostspielige Behandlungen im Krankenhaus erfordern. Abies verdient in Griechenland 500 Euro im Monat. Aber sie hat bei einem Bekannten auch Schulden, die sich auf 950 Euro belaufen.

Eines Tages fordert der Bekannte das Geld zurück. Als Abies nicht zahlen kann, schlägt er ihr einen Deal vor: Wenn sie für ihn Drogen von Mannheim nach Freiburg schmuggelt, erlässt er ihr die Schulden und gibt ihr zusätzliches Geld dafür.

Am 5. Februar 2009 fliegt Abies von Athen nach Frankfurt, reist dann weiter nach Mannheim. Dort nimmt sie der Bekannte in Empfang. In seiner Wohnung beginnt der unangenehmste Teil der geplanten Aktion. Abies muss 80 Bodypacks verschlucken, die mit Kokain gefüllt sind. Insgesamt sind das 778,5 Gramm Kokaingemisch. An beiden Enden zusammengeschweißte Klarsichtbeutelchen. Das sind zwischen 5000 und 6000 Konsumeinheiten, Marktwert etwa 100.000 Euro.

Sie schluckt fast alles. Beutel für Beutel. Fünf Stunden dauert das. Dazu trinkt sie Wasser. Die letzten Beutel, die sie beim besten Willen nicht mehr herunterkriegt, steckt sie sich in andere Körperöffnungen.

Am 7. Februar 2009, frühmorgens, steigt Abies in den ICE von Mannheim nach Freiburg. Ihr Bekannter, der ebenfalls einsteigt, sagt ihr, sie solle sich in ein anderes Abteil setzen und in Freiburg den Zug verlassen. Dort werde man sich wieder treffen.

Abies schläft ein und wird von Polizisten geweckt, die ihren Pass kontrollieren. Alles okay. Der Zug hält in Freiburg. Abies drückt auf den Türöffner, will aussteigen. In diesem Moment fällt ihr ein, dass sie im Abteil ihre Handtasche vergessen hat. Sie kehrt um, rennt ins Abteil. Doch zu spät. Der Zug setzt sich schon wieder in Bewegung.



Die Festnahme

Wenige Minuten später führt Andrea M. (Name geändert) von der Bundespolizei eine Personenkontrolle bei Abies durch. Die Reisende ist von Anfang an verdächtig.

Seit Januar 2009 haben die Fahnder 24 Drogenkuriere zwischen Freiburg und Basel festgenommen. Sie reisen stets mit dem gleichen Frühzug von Norden her an und steigen in Freiburg zumeist in eine Regionalbahn um. Bevorzugt werden sie dann von Schleppern nach Haltingen dirigiert, wo sie, kurz vor der Schweizer Grenze, aussteigen. Dieser Weg wird von Drogenhändlern benutzt, seit die Schmugglerroute über Frankreich trockengelegt worden ist. Und immer sind es afrikanische Frauen mit leichtem Gepäck, die den Fahndern ins Netz fallen.

So auch Abies. Die Polizei macht bei ihr einen Drogen-Vortest: Ein kleiner Apparat, der Abies Hand scannt und Spuren von Kokain feststellt. Abie streitet bis zuletzt ab, dass sie etwas mit Drogen zu tun hat. Die Untersuchung im Krankenhaus, Röntgen und Ultraschall, bringen tatsächlich keine Ergebnisse. Doch bei der gynäkologischen Untersuchung treten die ersten Bodypacks zutage: es sind die letzten, die Abies nicht mehr schlucken konnte und deshalb in ihrer Vagina versteckt hat.



Die Einwände des Gerichts

Richterin Barbara Prestel beurteilt die Aussagen der angeklagten Körperschmugglerin als Minimalgeständnis, obendrein als eine unglaubwürdige Version des Tathergangs.

Es gibt einige Ungereimtheiten. So hat Abies bei ihrer Festnahme 833 Euro Bargeld in ihrem Portemonnaie gehabt – angeblich Erspartes aus Griechenland, das sie für ihren kranken Sohn in Nigeria überweisen wollte. Das sei daran gescheitert, dass die Warteschlange am Bankschalter in Athen kurz vor ihrer Abreise zu lang gewesen sei. Wahrscheinlicher ist, dass es sich bei dem Geld um einen Teil ihres Kurierlohns gehandelt hat.

Außerdem hatte Abies bei ihrer Festnahme eine Packung Kekse aus den Niederlanden bei sich. Auf ihrem Handy gingen nach ihrer Festnahme sechs Anrufe mit einer niederländischen Vorwahl ein. All dies deutet darauf hin, dass der ganze Deal nicht in Mannheim, sondern in den Niederlanden eingefädelt wurde.

All dies streitet die Angeklagte ab - im Übrigen in Handschellen, bis zu dem Zeitpunkt, da die Richterin das Öffnen der Fesseln anordnet - und die Richterin kann das Abstreiten dahingehend nachvollziehen, als es nicht ungefährlich ist, jemanden von der nigerianischen Drogenmafia zu verraten.



Das Urteil

Das Schöffengericht verurteilt Abies O. zu zwei Jahren und sieben Monaten Haft wegen Besitz von Betäubungsmitteln und Beihilfe zum Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge. Abies O. hatte das Dreiundfünfzigfache der „nicht geringen Menge“ in ihrem Magen. Es ist zu erwarten, dass die Angeklagte nach der Hälfte ihrer Haftzeit nach Griechenland abgeschoben wird.