"Versöhnung gibt es nicht!": Wladimir Kaminer im Bürgerhaus Zähringen

Julia Nikschick

Ein russischer Jude auf Entdeckungsreise durch deutsche Gepflogenheiten. fudder-Autorin Julia lauschte Wladimir Kaminer bei seinen Erzählungen im Zähringer Bürgerhaus über Russendisko auf dem Kirchentag, Einverständniserklärungen und Ethik in der Schule.

So schwungvoll und witzig Kaminers Bücher sind, so betritt er auch die Bühne. Das leicht ergraute Haar kurz geschnitten und dazu ein knallorange gemustertes Hemd. Die Musik verstummt allmählich, Russendisko zum Einstimmen. Kaminer, sichtlich glücklich wieder einmal in Freiburg zu sein, verliert keine Sekunde.


„Letztes Jahr wurden wir auf den Kirchentag in Dresden eingeladen mit unserer Russendisko – das war das Bescheuertste von allen. Wir sollten nur bis Mitternacht spielen – nun das wurde nichts! Die Leute tanzten so ekstatisch, dabei hatte ich noch nicht einmal die Musik an! Und als die an war, wurde es immer schlimmer!“

Mit seinem russischen Akzent, den er auch nach 20 Jahren in Deutschland weiter kultiviert, eröffnet Kaminer die Lesung zu seinem neuen Buch „Liebesgrüße aus Deutschland“. Anekdoten aus seinem Leben. Das Spiel mit den Klischees steht ihm dabei gut, wenn er erzählt, dass die Versuche seiner schwäbischen Nachbarn das Haus ordentlicher zu gestalten in eine wahre Epidemie ausbrachen.

Und was Mario Barth manches Mal seiner Freundin antut, indem er ihr Privatleben durch den Kakao zieht, so schöpft Kaminer aus dem Leben seiner Kinder. Vor allem deren Schulbesuche, bietet ihm den besten Schreibstoff, erzählt der 43-Jjährige.

„In der Schule gibt es Ethik. Da soll man DISKUTIEREN. Jede Woche ein anderes Thema. Die schlimmste Frage bisher war: Dein Freund steckt in einem Laden etwas ein. Was tust du? A: Du deckst ihn bei seinem Diebstahl. B: Du versuchst es ihm auszureden. Oder C: Du bist 'ne Petze. Hätte meine Tochter auf mich gehört, sie hätte eine 6 bekommen! Ich sagte A! Einen Freund deckt man schließlich. Treue eben! Richtig wäre C – so ein Blödsinn. Der Freund würde uns dankbar seien, wenn wir ihn vor einem schlimmen Leben bewahrt hätten. Sicher! Ich sehe ihn schon im Knast sitzen und Dankesbriefe schreiben, an die alte Petzte, die sein Leben verbessert hat!“



Doch auch in den deutsch-russischen Dialog wird Kaminer gerne eingebunden. Sei es nun in der deutschen Botschaft in Sankt Peterburg oder eben auf dem deutschen Kirchentag 2011. Dort, erzählt er vergnügt, sollte er in einem Symposium die russische Sicht auf Deutschland erläutern. Glaubt er die Russen haben sich mit den Deutschen ausgesöhnt? Was heißt Versöhnung auf Russisch? Und was denken die Russen über Dresden?

Ein schelmisches Lachen fährt über Kaminers Gesicht als er seinem Freiburger Publikum erklärt: „Auf Russisch gibt es keine Versöhnung. Als Geste, aber nicht als Wort! Viele Wörter gibt es nicht auf Russisch. Zum Beispiel Einverständniserklärung! So etwas brauchen wir nicht. Die Russen machen Sachen auch ohne Einverständnis!“

Einen letzten Wink auf seinen Film „Russendisko“ kann sich Kaminer zum Schluss, bei nicht vorhandener Bescheidenheit, dann auch nicht verkneifen: „Mein erstes Buch wurde verfilmt! Am 29. März läuft er in den Kinos an. Morgen tanzt ganz Deutschland zu meiner Musik und dann die ganz Welt!“ Seine Arme sind in Siegerpose erhoben. „Und hier können sie schon mal üben! Musik Maestro!“

Mehr dazu: