Verschwendete Lebenszeit mit Neonkrieger

Carolin Buchheim

Man muss zugeben können, wenn man einen Fehler gemacht hat. 'Es könnte durchaus interessant sein, die Neonkrieger heute Abend live im Jazzhaus zu sehen' hatten wir am Donnerstag hier bei fudder geschrieben, und mit dieser Bewertung lagen wir dummerweise vollkommen daneben: Neonkrieger enttäuschten auf ganzer Linie.

Im Gegensatz zu vielen anderen Jazzhausgästen hielt Caro Donnerstagabend tapfer bis zum letzten Song durch. - Danach brauchte sie allerdings diverse alkoholische Kaltgetränke beim The Audience Konzert in der KTS, um den Ärger über die bei den Neonkriegern verschwendete Stunde Lebenszeit zu verwinden. (Mit Anleitung für das Neonkrieger Drinking Game!) Irgendwann während des Neonkrieger Auftritts, die Reihen im Jazzhaus hatten sich schon merklich gelichtet, da kam meiner tapferen Begleitung und mir eine tolle Idee, wie man ein Neonkrieger Konzert, unterhaltsamer gestalten könnte: mit einem Drinking Game. - Jedes Mal, wenn Sänger Johannes Winter die Worte 'Engel', 'Dunkel', 'Nacht' und 'Licht' singt, muss ein Shot Vodka getrunken werden. Nach 3 Liedern wäre man zwangsläufig so stark alkoholisiert, dass einem die Unzulänglichkeiten dieser Band und ihrer Musik nicht mehr auffallen würde.Oh, die Unzulänglichkeiten. Sie sind so zahlreich, dass man kaum weiß, wo man anfangen soll.Da ist zum einen die Musik. Deutschrock kann man mögen oder nicht, jammernde Gitarren kann man mögen oder nicht, geschriene Backgroundgesänge kann man mögen oder nicht: Ich mag all das in Kombination nicht sonderlich, aber selbst wenn mir ein Genre oder eine musikalische Lösung persönlich nicht gefällt, erkenne ich die Qualität von Musik an, solange sie denn nur authentisch und originell ist und von Herzen kommt. Das ist ja auch nicht zuviel verlangt.Neonkrieger sind dummerweise weder authentisch, noch originell, noch kommt irgendwas von Herzen. Sie sind einfach ein Amalgam diverser Deutschrockbands der letzten 20 Jahre. Man merkt der Musik der 4 jungen Männern auf irritierende Weise die 'Größen des deutschen Popbusiness' an, deren Coaching sie im Bandpool Projekt der Popakademie Mannheim genießen dürfen, und die an der Produktion der EP beteiligt gewesen sind. Diese 'Größen des deutschen Popbusiness' scheinen der Band jeden Hauch ihrer musikalischen Jugendlichkeit ausgetrieben und mit ihrer eigenen Weltsicht, der von Männer deren Jugend lange vorbei ist, ersetzt zu haben. Neonkrieger sind musikalisch vergangenheitsorientiert und einfach in keinster Weise echt.Dann sind da zum anderen die Texte. Sie sind voller verkorkster Metaphern und gedanklicher Fehler, die ja auch schon beim Anhören der EP auffielen. Die Nacht endet nie, in den Liedern der Neonkrieger, Schatten fallen (Wie genau soll das gehen, wenn es dunkel ist?), entweder man treibt raus ins nächtliche Meer oder streift verloren durch die nächtliche Stadt, aber zum Glück kommt irgendwann immer der rettende Engel, der einen ans Licht führt. Das ist mehr als nur platt, - das ist peinlich.Und dann ist da auch noch die Attitüde. Sie erscheinen unauthentisch, unsympathisch und ohne einen Funken Leidenschaft, die 4 jungen Männer. Erst dachte ich, die Band spiele so kaltherzig, weil sie nervös sei, aber da es während des Auftritts nicht besser, sondern nur schlimmer wurde, scheint es sich um geplante Coolness gehandelt zu haben.Sänger Johannes Winter schien vor dem Auftritt sein Herz in den Kühlschrank im Backstage-Raum gepackt zu haben, denn der 23-jährige sang die schrecklichen, poesiefreien Texte ohne einen Hauch echter Emotion. - Kein Wunder eigentlich, dürfte seine Lebensrealität, und die seiner Bandkollegen, ja wohl auch anders aussehen, als die Metapher-Banalitäten um Alkohol und nächtliche Engeln über die er singt. Zudem versuchte Johannes Winter auf der Bühne angestrengt den empfindsamen Künstler zu markieren, schlackerte rührsam mit seinen hängenden Armen und strich sich die Locken aus der Stirn, aber den empfindsamen Künstler wollte man ihm als Zuschauer einfach nicht abnehmen: zu unterkühlt war seine Darbietung, zu nervig, nöhlend und unpassend Stimme und Intonation. - Unendlich ermüdend, insgesamt, und zwar auf die besonders schmerzhafte Weise.Dazu schrie Gitarrist Simon Bockstahler auf hässliche Art hässliche Backgroundvocals in sein poserig hoch gehängtes Mikrophon und spielte Gitarre als sei er in einer 80er Jahre Metal-Coverband. Die restlichen Mitglieder der Band machten die Gesamtsache zwar nicht schlimmer, aber eben auch nicht unbedingt besser: Bassist Michael Marx und Drummer Daniel Stummpp fielen einfach nicht sonderlich auf.Ich habe noch nie eine eigentlich junge Band gesehen, die so unenthusiastisch und entseelt an ihr musikalisches Werk ging und das Auf-der-Bühne-sein weder zu wollen, noch zu genießen schien. Man hatte den Eindruck, einer angestrent-coolen, schlechtgelaunten, demotivierten Coverband zuzugucken. - Und a propos Coverband: der Element of Crime Song, den die Neonkrieger coverten, zeigte zu deutlich, bei wem die Band ihr musikalischen Konzept ausgeborgt haben. - Zu dumm nur, dass ihnen sowohl Lebenserfahrung als auch Fähigkeiten noch fehlen, um es mit diesem musikalischen Vorbild aufzunehmen.Neonkrieger bewiesen mit ihrem Auftritt, wie fragwürdig sowohl Bandwettbewerbe von Mainstream Radiosendern , bei denen Labels wie 'Die Beste Band Baden-Württembergs" verteilt werden, als auch die gezielte Bandförderung durch die Musikindustrie sind. - Am Ende kommt schlechte Musik dabei heraus, der mit dem unverhohlenem Gieren nach dem kommerziellen Erfolg jeder Funken Leidenschaft abtrainiert wird. - Dann hat man Musik, die niemand wirklich hören will. Symptomatisch daher, dass während des Auftritts der Neonkrieger nach und nach mehr als ein Drittel aller Zuschauer das Jazzhaus verließ.All das sind zweifelsohne harte Worte über eine lokale Newcomer-Band, - normalerweise will man ja nachsichtig und wohlwollend mit Bands dieser Art umgehen und stellt andere Ansprüche an Newcomer als an etablierte Acts, aber Neonkrieger verdienen derartigen Welpenschutz einfach nicht. Wer sich ganz bewusst mit Attitüde, Selbstmarketing und Management gezielt als professionelle Band positioniert, gerade auch mit dem Coaching des Bandpool-Projekt im Rücken, muss damit leben, eben auch professionell beurteilt zu werden:Sorry Jungs, aber das war Nichts. Es tut mir wirklich leid für Euch, dass Ihr scheinbar seit einem Jahr von Menschen umgeben seid, die nicht besonders ehrlich sind mit Euch. - Sonst hätte Euch mal jemand gesagt, dass das so nun wirklich nicht geht. Ich bin nur so lang geblieben, weil ich hoffte es würde noch besser werden, und zu gerne hätte ich geschrieben, dass ihr gut wart, oder das überhaupt irgendwas gut war an Euch und Eurem Auftritt, aber das zu schreiben wäre gelogen. Tut mir wirklich leid. Von Herzen.Der Abend im Jazzhaus hatte besser angefangen, als er mit Neonkrieger endete: Die Vorbands waren eindeutig besser als der Hauptact. Zuerst zeigten Sepia aus Basel gekonnt, wie man das macht, mit dem melodischen Indierock. Seit ihrem letzten Auftritt in Freiburg, vor etwas mehr als einem Jahr in der Mensabar, hat die Band eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht und ihren eigenen Sound klar herausgearbeitet. Dies wurde vor allem in den neuesten Songs wie 'Im not the boy you met on the train last year' deutlich.Der beizeiten schnodderige, beizeiten emotional reichhaltige Gesang von Frontmann und Gitarrist Thomas Betschart wurde perfekt durch seine Band unterstützt; die Drums von Manuel Spänhauser lieferte die energiegeladene musikalische Basis, die durch die Basslinien von Moritz Salathé ausgezeichnet ergänzt wurde, und durch die gezielt eingesetzten Keyboards von Bryan Smith eine angenehme musikalische Dichte erhielt. Sepia zeigen sich als ausgereifte Indierockband. Jetzt wird es Zeit, dass die vier Herren aus Basel endlich mal nachkommen mit dem lang versprochenen Album. - Man darf gespannt sein, und wenn man von ihrem Auftritt am Donnerstag ausgeht, sollte das Warten sich dann gelohnt haben. Auf Sepia folgten Superdog aus Strassbourg, die mit routinierter Hand - die jungen Herren haben mehr als 140 Liveautritte hinter sich - gutgelaunten, unterhaltsamen Indiepop boten. - Man fühlte sich ein wenig an The Rembrandts aus den 90ern erinnert. - Radiotaugliche Musik zum Autofahren im Sommer, mit Humor und schmutzigen Witzen präsentiert. Nicht unvergesslich, nicht brandneu, nicht tiefgehend, aber mit Enthusiasmus und Spass, und genau deswegen schon ganz nett, so.Wer beim letzten Song der Neonkrieger aus dem Jazzhaus flüchtete, konnte es noch gerade so zeitig in die KTS schaffen, um die zweite Hälfte des Auftritts von Garcon Bleu zu erwischen, Ein-Mann-Minimal-Post-Elektro-Trash (oder wie immer man das nennen kann, wenn eine Person mit einem Computer, Synthie und Gitarre Musik macht) aus Nürnberg, leider geplagt von wiederholten Computer- und Microcausfällen aber mit dem, was man gemeinhin Potential nennt. Im Anschluss daran gaben sich The Audience aus Hersbruck die Ehre. Sie waren dann doch ein klitzekleines Stückchen näher an den Robocop Kraus dran als erwartet (vielleicht liegt das aber auch nur an den eigenen Hörgewohnheiten, dank der man eine trashige Orgel plus Bandchorgesang plus Hysterie einfach immer mit den Robocop Kraus gleichsetzt), aber rockten ihrer Herkunft gemäß und machten extrem viel Spaß. Sänger Bernd erinnerte -auf die beste Art possible- an Meatloaf und Jack Black und tobte hemmungslos und energiegeladen über die KTS Mini-Bühne, und die Menschen vor der Bühne, dank eines The Audience Auftritts im letzten Jahr songfest und lautstark Lieblingssongs einfordernd, tobten zurück. Was mit The Audience auf der KTS Bühne passierte, war in vieler Hinsicht das genaue Gegenteil von dem, was mit Neonkrieger im Jazzhaus passiert war: The Audience waren mit Enthusiasmus, Energie und vollkommener Selbstaufgabe zu Gange und scherten sich einen Dreck um ihre Außenwirkung. Und so wurde der Gründonnerstag dann doch noch gerettet, und zwar von einer Bande junger Herren aus Hersbruck in der KTS mit nervösem Schweineorgeldiscobeatpostpunk. Man braucht eben nicht Auszeichnungen von Radiosendern, Produzenten die vor zwanzig Jahren mal irgendwie für irgendwen wichtig waren, Coaching durch 'Größen des deutschen Popbusiness' oder das Label 'Beste Band von', um eine tolle Band zu sein, die tolle Konzerte hinlegt:Man braucht nur ein paar Instrumente, ein paar Verstärker und Boxen und vor allem eins: Leidenschaft.