VernissageTV - ein Basler Video-Blog über Kunst

Barbara Paul

Seit zwei Jahren gibt es das Basler Onlineportal VernissageTV. Es ist das erste Webfernsehen, das ausschließlich und weltweit über zeitgenössische Kunst berichtet. Mittlerweile stehen rund 700 Videos auf der Seite. Ein Interview mit dem Erfinder und Macher Heinrich Schmidt.



Was ist Vernissage TV?

Vernissage TV ist das erste WebTV, das ausschließlich über zeitgenössische Kunst berichtet. Keine Kunstmetropole bleibt unbeachtet. Es gibt Interviews mit Künstlern, Galeristen und Kuratoren aus aller Welt.

Allein während der Art Basel im Juni dieses Jahres wurden von VernissageTV täglich 24.000 Videos herunter geladen. Erfinder und Macher des Kunstfernsehens ist Heinrich Schmidt. Der 44-Jährige kommt direkt von der Art Basel Miami Beach und brachte von Vernissagen und Interviews rund 20 Stunden Filmmaterial mit. Schmidts Büro ist in Basel. Oft stellt er die Beiträge aber auch in einem weit entfernten Hotelzimmer online.



Herr Schmidt, wie entstand die Idee zu Vernissage TV?

Sie hat sich aus meiner Arbeit als Webdesigner heraus entwickelt. Ich leite ein Graphik und Web-Design Geschäft, in dem ich schon für viele Künstler Internetpräsentationen erstellt habe. Als ich an der Website von einem Architekten gearbeitet hatte, kam mir erstmals die Idee, auch Filme einzubauen.

Ich drehte dazu die Vernissage einer Ausstellung im Basler Architekturmuseum, in der auch Projekte des Architekten gezeigt wurden. Mich hat es damals fasziniert, diese Stimmung auf der Vernissage filmisch einzufangen und dabei zu beobachten, wie sich die Leute vor der Kunst verhalten.

Wann war das?

Dieser erste Vernissagedreh war im November 2005. Das war auch die Zeit, in der die iTunes-Software für Videopodcasting herauskam. Entscheidend war für mich, dass die Software eine Verzeichnisfunktion hat, die es ermöglicht, die Filme im Netz abrufbar zu machen.



Wie erfolgte bei Ihnen der Einstieg in die Kunstszene?

Ich habe in Gießen VWL studiert, mich aber immer schon für Kunst, Design und Architektur interessiert. Seit 1991 führe ich in Grenzach-Whylen eine Galerie, in der ich mich auf junge, aktuelle Kunst spezialisiert habe. So bin ich in der Zeitgenössischen Kunstszene relativ gut vernetzt, was geholfen hat, VernissageTV aufzubauen.

Wie war es, als Sie mit VernissageTV online gingen?

Das Feedback war von Anfang an sehr gut. Die Seite kann auch über bestimmte Internet-TV-Software abonniert werden. Es kamen schnell viele Abonnenten. Ich hatte keinen Businessplan, sondern aus dieser positiven Reaktion heraus entstand die Motivation, mit dem Projekt weiterzumachen. Ich bin auf Kunstmessen gegangen, auch ins Ausland.

So wurde das Angebot vielfältiger. Ich drehte nicht nur Filme von Ausstellungseröffnungen, sondern auch Interviews mit Künstlern und Kuratoren.

Mittlerweile habe ich ein Team von Freien Mitarbeitern auf der ganzen Welt. Freie Journalisten, Künstler und Filmemacher. Viele kontaktieren mich und bieten mir Filmmaterial an, doch nicht alles passt zu unserem Konzept. Die Art der Berichterstattung muss stimmen.



Wie finanziert sich Ihr Portal?

Momentan trägt es sich noch nicht allein. Vernissage.tv wird auch aus dem Graphik- und Designbüro finanziert, das ich auch betreibe.

Welchen journalistischen Anspruch haben Sie?

Wir machen keine Kunstkritik, sondern wir öffnen ein Fenster in die Kunstwelt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es gibt kein Voice-Over, es gibt keinerlei erklärenden Kommentare über das Dargestellte, die Filme werden auch nicht mit Musik unterlegt. Alles soll authentisch wirken. Der Betrachter soll den Anschein bekommen, vor Ort dabei zu sein und etwa bei einer Vernissage durch die volle Ausstellungshalle zu laufen, vor einem Bild stehen zu bleiben. Er soll den Künstler beobachten können, wie er die Besucher begrüßt.

Man kann sich einen Film auch mehrmals anschauen, um zum Beispiel bei einem Interview mal die Aufmerksamkeit auf die Leute richten zu können, welche im Bildhintergrund die Interviewsituation beobachten.

Es macht den Eindruck, es ginge Ihnen um den Betrachter von Kunst, um den Ausstellungsbesucher.

Kunst findet ja nicht im luftleeren Raum statt, sondern braucht eine Rezeption, jemanden, der sie anschaut. Mich interessiert das Verhalten der Menschen vor den Kunstwerken. Wie nah geht jemand an ein Bild heran? Wann lehnt er sich wieder zurück?

Manche Besucher wollen sich auf einer Vernissage nur selbst präsentieren. Gerade, wenn man die großen Kunstmessen anschaut, sieht man, dass die soziale Komponente von Kunst eine immer wichtigere Rolle spielt. Es gibt immer mehr Nebenschauplätze mit Partys und Viplounges.



Geht es in Ihren Filmen auch um Ästhetik?

Auf der letzten Biennale in Venedig filmte ich eine Wandinstallation aus 100 Wurfscheiben, vor der eine Frau mit rundem Hut stand. Das hatte Wirkung und macht für mich auch den Reiz meiner Arbeit aus.

Wenn man sich das Video zur aktuellen Bonner Ausstellung „Gehen Bleiben“ anschaut, werden neben den Vernissagebesuchern auch eine Fülle von Objekten gefilmt, Videoarbeiten, Performances und Installationen. Hat sich der Besuch im Museum dadurch erübrigt?

Für manche schon. Vor allem für die Leute aus der Branche. Wenn die Künstler oder Kuratoren es zeitlich nicht schaffen, eine Ausstellung zu besuchen, nutzen sie die Seite, um sich ein Bild davon zu machen. Zum Beispiel konnte eine New Yorker Galeristin, die gerade einen von ihr vertretenen Künstler in Berlin zeigt, selbst nicht zur Ausstellung kommen, hatte aber auf VernissageTV die Möglichkeit, sie zu sehen.

Das Video als Ergänzung, nicht als Ersatz.

Genau. Wir haben eine Ausstellung des Schweizer Künstlers Not Vital in New York gefilmt, in der er mehrere Säulen mit Kaffee bedeckt hat. Hier war die wichtigste Sinneserfahrung der Geruch des Kaffees. Den konnten wir nicht vermitteln.

Wie wird sich das internetbasierte Kunstfernsehen entwickeln?

Es wird immer mehr Mitspieler in diesem Bereich geben. Das Video als Medium der Kunstvermittlung wird zunehmend von Kunstverlagen und Kunstmagazinen genutzt, eine aufwendige und teure Sache.

Was planen Sie?

Wir werden im kommenden Jahr die Videos auf das Format 16:9 vergrößern und daran arbeiten, dass die Downloads dabei nicht zu lange dauern werden. Außerdem wollen wir die Berichterstattung ausweiten, vor allem die aus der amerikanischen Kunstszene.