Verborgene Theken: Agora Vinothek

Stephan Elsemann

Zentral und weitgehend unbekannt – die Agora-Vinothek ist eine verborgene Theke par excellence. Und sie ist mehr: nämlich mehr als ein Weingeschäft. Hier kann man – Lore Frowein sei Dank – beste Kuchen und Gebäck genießen, mit sorgfältig bereitetem Kaffee – und beides zu mehr als freundlichen Preisen. Das Ehepaar Frowein zelebriert seinen Ruhestand öffentlich, zur Freude seiner Gäste.



Ambiente

Man merkt sofort, dass hier etwas anders ist. Der Türgong ist Kunst, ein Objekt von Peter Vogel mit Namen "Klöppelbass". Die Vinothek von Lore und Achim Frowein ist ein Ort für Lebensart – für Wein, für Zigarren, für Süßes aus dem Backofen, für guten Kaffee. Achim Frowein erwarb das Haus in der Wilhelmstraße vor rund fünf Jahren, als er seine Arztpraxis in Buchheim aufgab, um sich ganz den leiblichen Genusswelten zu widmen. Ein idealer Platz, denn ein Ort der Sinnenfreude war das Haus schon zuvor: ein Bordell mit einem SM-Keller. So waren vor der Eröffnung der Vinothek allerlei Gerätschaften, darunter Käfige, zu entsorgen, und nicht nur das, denn noch Jahre später fanden sich immer wieder erwartungsfrohe Kunden des Vorgängerunternehmens im Laden ein, die unbefriedigt wieder von dannen ziehen mussten – trotz dicker Zigarren und prachtvoller Schinken im Angebot.



Die Froweins haben den Laden auf liebevolle und persönliche Weise eingerichtet – zwischen Privatwohnung, Stehbar und Salon – mit einer offenen Küche im Hintergrund, mit Stehtischen für den schnellen Kaffee, mit einer Fensterbank, die zur zur Sitzbank gemacht wurde. Das ist ganz im Sinne der antiken Agora als einem Fest- und Versammlungsort.

Ein Schmankerl ist das Nebenzimmer, ein Salon, in dem sich herrlich ein Nachmittag vertrödeln lässt. Lesestoff ist vorhanden. "Lettre", "Du" und eine Tageszeitung, die nach Laune des Gastgebers eingekauft wird – mal  taz, mal FAZ.



Das Besondere

Neugier weckt der Wandschrank mit den vielen kleinen Türen. "Claustrum" nennt ihn Achim Frowein – lateinisch für "Geschlossenes". Und klar, viele der Türchen sind abgeschlossen. Was aber sind die Verschlusssachen? Die Form der Schließfächer deutet es an. Flaschen befinden sich dahinter. Für fünf Euro pro Semester kann man ein Fach mieten und sein eigenes Fläschchen Portwein, Schnaps oder was auch immer – dort parken. Wann immer es gelüstet und die Öffnungszeit des Agora es gestattet, darf man sich hier zum Tête-à-tête mit einem Gläschen aus der eigenen Flasche einfinden. Eine kuriose Idee, die Achim Frowein englischen Klubs abgeschaut hat. Und eine Idee, die Anklang findet: Die meisten der 28 Fächer sind belegt.

Die Bevorratung alkoholischer Getränke betrifft auch ein anderes Projekt, das Achim Frowein in die Tat umsetzte: die Börse alter Weine. Menschen, die glauben, zu viele Weinflaschen im Keller zu haben, können sie Herrn Frowein anbieten, der sie kommissarisch seiner Kundschaft zum Kauf offeriert. Das ist eine Gelegenheit, eine Flasche aus dem Geburtsjahrgang zu erstehen, als Geschenk für Eltern oder Freunde. Schon ab zehn, fünfzehn Euro ist man dabei und bekommt etwa einen Bordeaux aus dem Jahr 1979 dafür.



In einer ganz anderen Liga spielt ein Portwein aus dem Jahr 1977, der zu Ehren des 25. Dienst-Jubliäums von "Her Majesty Queen Elizabeth" abgefüllt wurde und den sie selbst noch vor drei Jahren bei einem Staatsbankett auschenken ließ. Das ist was für gestandene Royalisten, denen ihre Liebe zum Königshaus 200 Euro wert ist.

Im regulären Verkauf finden sich schöne einheimische Weißweine ab fünf Euro und andere ausgesuchte Gewächse, dazu Cognac und Armagnac, Sherry und Portwein. Beratung und Fachsimpeleien mit Achim Frowein bekommt man kostenlos dazu.

Kaffeepreis

Viele der einfacheren Weine sind auch glasweise zu probieren, und hier befindet sich Achim Frowein am unteren Ende denkbarer Preiskalkulationen. Für nur 1,10 Euro bekommt man ein Zehntel hervorragenden Gutedels oder Elblings zu trinken. Elbling ist eine uralte Traubensorte für einen einfachen, frischen Wein. Einen Sherry bekommt man für 1,50 Euro, ein Portwein kostet 2,50 Euro. Auch beim Kaffee sind Lore und Achim Frowein Preisbrecher. Für nur einen Euro gibt es hier einen richtig guten Espresso, der Cappuccino kostet 1,50 Euro.



Auf der Speisekarte

Zum Kaffee gehört ein Stück Kuchen, und die Kuchen von Lore Frowein sollte man sich nicht entgehen lassen. Sie allein sind schon sind einen Abstecher wert. Lore Frowein ist eine begnadete Bäckerin. Jeden Samstag gibt es einen anderen Kuchen, und alles schmeckt wunderbar. Heute ist es eine Schokosahne, die mit einem venezianischen Boden kombiniert ist. "Venezianisch" nennt man eine Art Resteverwertung aus Kuchenresten und -krümeln. Ein Stück davon kostet nur 1,50 Euro - passend zum Kaffeepreis. Wer etwas herzhaftes sucht, findet Sandwichs – zum Beispiel ein Baguette mit Parmaschinken, Salami oder Käse (2,50 Euro) oder einen gemischten Käse-Salami-Teller (4,50 Euro).

Wegbeschreibung

Vom Bertoldsbrunnen Richtung Dreisam laufen und hinterm Martinstor rechts in die Humboldtstraße abbiegen. Geradeaus weitergehen, zwischen den Uni-Gebäuden bis zur Ampel. Die Kreuzung überqueren, weiter geradeaus in die Belfortstraße laufen, und weiter vor bis zu Wilhelmstraße. Jetzt schaut man schon auf die Agora-Vinothek und muss nur noch die Wilhelmstraße überqueren. Fünf Minuten.



Adresse

Agora
Wilhelmstraße 9
79098 Freiburg
0761-2169224
agora-freiburg@web.de
Web: Agora

Öffnungszeiten

Dienstag bis Freitag
10.30 bis 19 Uhr

Samstag
10.30 bis 16 Uhr

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Foto Galerie: Stephan Elsemann