Fünfzehnter Verhandlungstag

Vater von Hussein K. nennt Geburtsdatum – Übersetzer geht von Fehler aus

Carolin Buchheim (aktualisiert um 11.00 Uhr)

Sein Vater sei tot – das sagte Hussein K. zu Beginn des Mordprozess gegen ihn aus. Jetzt erreichte das Gericht Gholam K. telefonisch im Iran. Der Vater sagte, dass es eine Geburtsurkunde des Angeklagten gebe – und nannte ein Geburtsdatum.

In einem Gespräch mit BZ-Reporter Stefan Hupka nach der Verhandlung erläuterte der Übersetzer, dass er das vom Vater genannte Geburtsdatum 29.1.1984 nicht für sinnhaft halte, und er davon ausgehe, dass dem Vater ein Zahlendreher unterlaufen sei und das Dokument eigentlich ein Datum des iranischen Kalenders enthalten müsste. Hussein K. wäre laut den Angaben des Vaters 33 Jahre alt. Experten hatten am zehnten Verhandlungstag ihre Altersgutachten vorgestellt. Nach ihrer Einschätzung war der Angeklagte bei der Tötung von Maria L. höchstwahrscheinlich zwischen 22 und 26 Jahre alt. Weitere Informationen dazu im Laufe des heutigen Tages.

Verlesung des Telefonats mit Hussein K.s Vater

9.40 Uhr Schließlich liest Richterin Schenk ein Protokoll eines Telefonats vor, dass am 4.Dezember 2017 von ihr und einem der beisitzenden Richter mit Hilfe eines Übersetzers geführt wurde. Man habe eine Nummer aus dem Smartphone des Angeklagten gewählt – und darunter eine Person erreicht, die sich erst mit dem Namen "K.", dann als Gholam K. gemeldet habe und sich als Hussein K.s Vater identifiziert habe.
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Der Übersetzer habe den Mann darüber informiert, wer er sei, warum er anrufe und dass zwei Richter zuhören würden. Seinem Sohn werde in Deutschland ein Mord vorgeworfen. Daraufhin habe Gholam K. nachgefragt, wer das Opfer sei, was die Familie fordere und ob sein Sohn schon verurteilt sei. Der Übersetzer habe ihm erklärt, dass er noch nicht verurteilt sei, sondern dass der Prozess laufe und unter anderem unklar sei, wie alt Hussein K. sei. Dann habe der Übersetzer den Mann über das Zeugnisverweigerungsrecht für Familienangehörige informiert und dass die Frage im Raum stünde, ob er gegebenenfalls für eine Aussage nach Deutschland zu kommen oder eine Aussage in der deutschen Botschaft in Teheran zu machen.

"Mein Sohn soll sich melden und sagen, was Sache ist." Gholam K.
Gholam K. habe gesagt, dass es ein Dokument über Hussein K.s Geburt gebe, er sei allerdings Analphabet und könne es nicht lesen. K. habe das Telefon kurz beiseitegelegt und sei dann wiedergekommen und habe – bevor er noch einmal auf das Zeugnisverweigerungsrecht hingewiesen werden konnte – gesagt, dass als Geburtsdatum auf dem Dokument 29.1.1984 stünde.

Er wolle zudem mit seinem Sohn sprechen. Das sei grundsätzlich möglich, habe der Übersetzer ihm gesagt und Gholam K. mitgeteilt, dass sich möglicherweise auch Hussein K.s Verteidiger bei ihm melden werde. Das wolle er nicht, er wolle mit seinem Sohn sprechen: "Mein Sohn soll sich melden und sagen, was Sache ist."

Eine feste Adresse habe die Familie nicht. "Wir sind arme Leute." Nach Deutschland könne er nicht kommen, dafür sei kein Geld da. Der Übersetzer habe ihn daraufhin informiert, dass dafür gegebenenfalls die Kosten getragen werden würden.

Der Übersetzer ließ protokollieren, dass das durch den Vater genannte Datum nicht sinnhaft sei – ein Dokument aus Afghanistan würde üblicherweise ein Datum nach iranischem Kalender angeben. Sonstige Verständigungsschwierigkeiten hätte es nicht gegeben, aber er ginge davon aus, dass Gholam K. nicht verstanden hätte, was das Zeugnisverweigerungsrecht sei, da die Rechtssysteme zu unterschiedlich seien.

"Herr K. was möchten sie dazu sagen?", spricht Richterin Schenk den Angeklagten nach der Verlesung des Dokuments direkt an. "Sie haben am ersten Verhandlungstag bei ihrer Einlassung angegeben, dass ihr Vater in Afghanistan bei einer Auseinandersetzung mit Taliban ums Leben gekommen ist." K. sagt nichts, stattdessen spricht sein Verteidiger. "Er wird dazu rechtzeitig und zum richtigen Zeitpunkt Angaben machen."

Dann beendet Richterin Schenk diesen sehr kurzen, 15. Verhandlungstag nach knapp 35 Minuten.
Der Prozess gegen Hussein K. ist für heute unterbrochen. Er wird am 21. Dezember 2017 fortgesetzt, wenn weitere Dokumente verlesen werden sollen.

Aussage eines der ersten Beamten am Tatort

9.20 Uhr Erster Zeuge am 15. Prozesstag ist ein Kriminaloberkommissar, der zusammen mit einem Kollegen am 16. Oktober 2017 als einer der ersten Polizisten am Tatort eintraf. Er schildert, dass nach einer telefonischen Meldung, durch einen Passanten, dass eine Leiche in der Dreisam liege, zuerst eine Streife des Revier Süds ausrückte, dann er und sein Kollege vom Kriminaldauerdienst.

"Wir sind ziemlich früh davon ausgegangen, dass eine Straftat vorlag, kein Unglücksfall." Ermittler
Der Ermittler beschreibt den Tatort und die Auffindesituation von Maria L.s Leiche in der Dreisam, dem Fahrrad am Wegrand und wie der Tatort gesichert wurde, unter anderem Dreisamradweg wurde auf der Südseite abgesperrt. Der Polizist berichtet kurz von ersten Ermittlungsarbeiten: die Suche nach Beweismitteln am Tatort, und Befragungen an der Jugendherberge. "Wir sind ziemlich früh davon ausgegangen, dass eine Straftat vorlag, kein Unglücksfall", sagt der Ermittler. Er und seine Kollegen seien bemüht gewesen, "spurenschonend" vorzugehen. So habe ein eintreffender Notarzt etwa keine Wiederbelebungsmaßnahmen mehr durchgeführt.

Auf Nachfrage von Staatsanwalt Berger spricht der Polizist über weitere Ermittlungen, die er in der Nacht nach der Tat durchgeführt habe "Wir wollten uns einen Eindruck über Beleuchtung und Akustik vor Ort machen", sagt er. Die Lampen am Radweg hätten auch eine Nacht später gebrannt. "Es war alles gut sichtbar." Er und sein Kollege hätten am Tatort und am Ottiliensteg stehend die Akustik getestet. "Mein Kollege hat normal gesprochen und wir konnten uns verständigen. Daraus schlossen wir, dass wenn in der Tatnacht ort jemand geschrien hätte, man das mehrere hundert Meter weit gehört hätte."

Staatsanwalt Berger fragt nach, ob der Polizist auch an der Jugendherberge ermittelt hätte. Das habe er nicht - aber andere Beamte seien im Einsatz gewesen, da eine Nachfrage bei der Jugendherberge ergeben habe, dass dort nicht die Personalien aller Gäste dokumentiert würden. Seines Wissens habe jedoch kein Gast der Jugendherberge ausgesagt, dass er akustische Wahrnehmungen gemacht habe.

Aussage des Kriminaltechnikers, der Hussein K.

Zweiter Zeuge ist ein Kriminalbeamter, der am Tag seiner Festnahme den Angeklagten Hussein K. kriminaltechnisch dokumentiert hat. Der Zeuge ist stellvertretender Leiter der Kriminaltechnik. Er habe zunächst versucht, an jenem Freitag Mitarbeiter zu aktivieren, um K. zu untersuchen, sich dann jedoch entschieden, die Maßnahme selbst durchzuführen.

"Nur einmal hat jemand so emotionslos reagiert. Das war auch in einem Mordfall." Kriminaltechniker
Der Zeuge beschreibt mit knappen Worten, dass er zunächst eine Speichelprobe von K. genommen habe, dann auch eine Haarprobe und schließlich K. fotografiert habe. Dabei habe er mit ihm auf Deutsch gesprochen. Bei der Haarprobe habe K. gezuckt – seine Haare seien ungewöhnlich fest. "Die Einmalpinzetten, die wir benutzen, ist sogar abgebrochen", sagt der Zeuge. "Das kommt nicht vor." Der Zeuge beschreibt Tätowierungen und Narben an K.s Körper, darunter auch noch recht frische Narben an den Händen. "Er sagte, die seien etwa drei Monate zuvor entstanden."

Während der polizeilichen Maßnahme sei der Angeklagte emotionslos gewesen. "Sie sind seit 1994 bei der Kriminaltechnik, haben sie das schon einmal erlebt?", fragt Richterin Schenk. "Nur einmal hat jemand so emotionslos reagiert", sagt der Zeuge. "Das war auch in einem Mordfall."

Anschließend werden am Richtertisch die Fotos angeschaut, die der Zeuge angefertigt hat, Narben, Tätowierungen und körperliche Merkmale von K. begutachtet. Auch Hussein K. geht an den Richtertisch vor.
Hintergrund

Hussein K. werden Mord und besonders schwere Vergewaltigung vorgeworfen. Zum Prozessauftakt hat er zugegeben, im Oktober vergangenen Jahres in Freiburg die 19 Jahre alte Studentin vergewaltigt und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt zu haben. Maria L. ertrank im Wasser der Dreisam. Das Urteil wird Richterin Kathrin Schenk vermutlich erst im nächsten Frühjahr sprechen.

Rückblick

Beim letzten Verhandlungstag, am Dienstag, den 28. November 2017, sagte eine Gerichtsmedizinerin über den Fund von Maria L.s Leiche aus. Eine Rechtsmedizinerin, die Hussein K. nach seiner Festnahme untersucht hat, beschrieb, dass er verschiedene Narben an seinem Körper hat. Es bestehe kein Zusammenhang zur Tat. Außerdem wurde ein Ermittler als Zeuge vorgeladen, der Hussein K. vernommen und dessen sozialen Kontakte und Netzwerke ausgewertet hatte. Welche Bedeutung K.s Facebook-Fotos für den Tatvorwurf haben, blieb unklar.