Schulen in Freiburg

UWC-Absolventen ziehen von Freiburg aus in alle Welt

Julia Littmann

Sie studieren in Abu Dhabi oder in Kanada, sie mögen Beyoncé und die Vielfalt von New York: Sechs der ersten Freiburger UWC-Absolventen berichten, wie sie in der Welt unterwegs sind



Zum Glück gibt’s Freunde: Geeta Renuse, 22, Indien

"Jetzt studiere ich schon im zweiten Jahr Politikwissenschaften am St. Olaf College in Northfield, Minnesota. Und ich stelle fest, dass ich allmählich Fuß fasse. Das erste Jahr ist eine große Herausforderung gewesen, weil ich nach dem Abschluss am Robert-Bosch-College erst ein Jahr Auszeit von der akademischen Welt genommen und etliche unterschiedliche Freiwilligendienste gemacht hatte. Etwas unerwartet war für mich, dass in St. Olaf dieses starke Zusammengehörigkeitsgefühl fehlt, das wir in Freiburg am UWC hatten. Es gibt durchaus eine Art Trennlinie zwischen den internationalen Studierenden und den hier beheimateten amerikanischen. Umso mehr weiß ich zu schätzen, dass ich nach einer Weile eben doch sehr enge und gute Freundschaften knüpfen konnte – mit Leander, einem Deutsch-Schweizer, und mit Sal, einem Mexikaner. Die beiden haben mir viel beigebracht über profundes Arbeiten und auch darüber, nicht aufzugeben. Highlights waren für mich die Feste, auf denen wir die Unterschiedlichkeiten auf dem Campus gefeiert haben. Beim Südost-Asien-Omkara Fest und beim Latino-Fest war ich Backstage-Manager und habe es sehr gemocht, zu dieser Begegnung beizutragen. Und toll ist, wenn der ewige Winter hier endlich zu Ende geht!"

Frauenpower rockt : Tirsa With, 21, Niederlande

"Endlich bin ich von meiner Uni in Amsterdam aus zu einem Austausch ans Hunter College nach New York City gekommen. Hier wollte ich her, weil ich ein Uni-Setting erleben wollte, in dem viele Studierende und Lehrende aussehen wie ich. Meine Uni in Amsterdam ist durchaus international, aber dort gibt es trotzdem nur eine Handvoll schwarze Studierende. Hier im Hunter College komme ich in Kontakt mit schwarzen Frauen, Gleichaltrigen und Professorinnen, die, egal wo und wie sie aufgewachsen sind, Erfahrungen mit mir teilen. Nicht nur in Bezug auf Rassismus, sondern auch als Akteurinnen in den wundervollen Kulturen der afrikanischen Diaspora. Darüber erfahre ich viel in den Seminaren zu Hiphop Feminismus, Literatur schwarzer Frauen, Afro-Karibischer Religionen und so weiter. Aber auch außerhalb der Hörsäle lerne ich viel darüber. Ich liebe New Yorks Vielfalt – und habe hier auch an die Freiburger UWC-Zeit angeknüpft: Lucius studiert ja auch hier und hat mich herumgeführt und mir dabei viel über seine italienischen und libanesischen Wurzeln erzählt ."

Die Leidenschaft, die Welt zu verändern : Victor Sanchez, 22, Spanien

"Die zurückliegenden Jahre waren randvoll mit unglaublichen Erfahrungen. Gerade beende ich mein Grundstudium in Sozialwissenschaften an der Science Po in Le Havre – mein Schwerpunkt ist Wirtschaft in der Region Asien. Im Rahmen dieses Studienprogramms bin ich gerade für ein Jahr in Indien, an der Ashoka Universität nahe Asawurpur – und bislang geht es mir hier richtig gut. Ich habe Dinge gelernt, von denen ich nie geträumt hätte und ich habe Menschen getroffen, mit denen ich nicht nur die Lebenslust teile, sondern auch die Leidenschaft, die Welt verändern zu wollen. Kürzlich habe ich die Zusage für den Masterstudiengang bekommen, den es in einer Kooperation zwischen Science Po und King’s College London gibt. Ganz schön aufregend! Das heißt, dass ich vom Wintersemester an Umweltpolitik in Le Havre studieren werde und im akademischen Jahr darauf Internationale Politische Wirtschaft am King’s College in London. Jetzt brauche ich die meiste freie Zeit, um mich über Stipendien und andere Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung schlau zu machen – das muss ich, denn ich komme aus einer einfachen Arbeiterfamilie in Südspanien. Meine Familie sehe ich im Übrigen nur selten – und freue mich darauf, ihr eines Tages wieder näher zu sein. So lange trage ich sie in mir – wie andere Schätze, die mir auf meinem Weg zufallen. Dazu gehört die Erfahrung, in Freiburg gelebt zu haben. Hier habe ich die Notwendigkeit von Umweltbewusstsein erst vollständig verstanden. Und auch die politische Dimension von Umweltschutz: Die beharrliche Zerstörung unserer Umwelt spricht die Sprache von Rasse, Klasse, Geschlecht und privaten Gewinnen. Und in einer lebenswerten Welt muss deshalb auch soziale Gerechtigkeit stattfinden. Etwas von all dem schien mir in Freiburg schon greifbar zu sein.

Ein spezieller Raum im Herzen: Lucius Lambert, 22, USA

"Seit meinem Abschluss am Robert-Bosch-College in Freiburg besuche ich den Campus der New York University in Abu Dhabi. Der große Vorteil dieses Studienprogramms ist, dass ich an viele Unis komme. Ich war bislang in Madrid, Schanghai und New York, dort hat mich auch meine Cousine besucht, die auf dem Foto zu sehen ist. Trotz der vielen Uni-Orte nimmt Freiburg einen speziellen Raum in meinem Herzen ein. Vielleicht, weil es dort das erste Mal war, dass ich weit weg von meiner heimatlichen Kultur und Umgebung gelebt habe. Aber auch, weil das, was ich dort in Sachen kultureller Integration und Kommunikation gelernt habe, mir als wertvoller Gewinn bleibt. Ich studiere Englisch und Geschichte und Arabisch im Nebenfach – und habe immer noch vor, eines Tages Jura zu studieren. Ich bewerbe mich auch um die italienische Staatsbürgerschaft, dann könnte ich sogar in Europa arbeiten. Und ich war inzwischen schon einige Male wieder in Freiburg, weil ich es so vermisse."

Glasgow war topp: Zawer Sulaiman, 22, Syrien

"Ich bin immer noch in Kelowna in British Columbia und studiere Philosophie, Politikwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften an der UBC Okanagan. Die zurückliegenden zwei Jahre waren verrückt! Ich wurde für ein Austauschprogramm in Glasgow ausgewählt und war dort ein Semester lang. Die Stadt war großartig und die Leute sehr freundlich. Irgendwie war das bislang meine Lieblingszeit an einer Uni. Viele lange Nächte und gute Freunde. Diesen Sommer werde ich meine Familie in Russland treffen und dann als Kursleiter zum UWC-Kurzkurs nach Deutschland kommen. Das mache ich seit Jahren und ich mache es gerne, weil ich so etwas von dem zurückgeben kann, was mir an Wichtigem gegeben worden ist. Hier in Kelowna fühle ich mich nach drei Jahren allmählich als Bürger dieser schnell wachsenden Stadt. Und eine Rückbindung an "Früher" war das UWC-Alumnitreffen vergangenes Jahr in Vancouver. Ich mag alles: den Blick zurück, die Gegenwart und die Neugier auf Künftiges."

2016: Zawer Sulaiman aus Syrien plant nicht



Am liebsten technische Probleme lösen: Fatou Diop, 22, Senegal

"Es kommt mir vor, dass es hier in New York State immer kalt ist – von Oktober bis April ist tiefer Winter. In meinem Alltag an der University of Rochester merke ich davon nicht viel – der dichte Stundenplan lässt kaum Zeit für irgendetwas außer dem Studium. Im aktuellen akademischen Jahr bin ich vor allem sehr zufrieden mit den vielen Technikseminaren: Das ist nützlich für das, was ich später arbeiten will. Am meisten gefällt mir eine Forschungsgruppe von chemisch/technischen Ingenieuren unter der Leitung von Professorin Astrid Müller. Wir arbeiten an der Entwicklung von Katalysatoren, die Kohlenstoffdioxid in Treibstoff umwandeln. Das ist ein Arbeitsfeld, das mir sehr entgegenkommt, weil es mein Interesse an Energiefragen mit Überlegungen zur Nachhaltigkeit verbindet. Aber mich lockt auch für eine Zeit die Arbeit in der Industrie: Ich bin eine Problemlöserin und lege gerne Hand an. Ich fühle mich privilegiert, dass ich Zugang zur höheren Bildung habe – allerdings sind Lernsituationen befremdlich, in denen wir mit einem randvollen Stundenplan nur noch funktionieren, so dass uns die Fülle und der Reichtum der akademischen Begegnungen und ein gelingendes Sozialleben abhanden kommen. Was mich auch durch solche Phasen trägt, ist mein Engagement für "Ingenieure ohne Grenzen". Das ist eine von Studierenden betriebene Non-Profit-Organisation, die technische Probleme nachhaltig löst – überall auf der Welt. Kürzlich haben wir für eine Schule in der Dominikanischen Republik ein solar-betriebenes Chlorierungssystem entwickelt und installiert. Da habe ich extrem viel gelernt. Auch, dass man nicht erst alt und preisgekrönt sein muss, um sinnvolle und wichtige Dinge tun zu können. Wichtig war für mich schließlich auch die Erfahrung, dass es Scheitern und Misslingen geben darf. Beides hat in den zurückliegenden Jahren auch stattgefunden und war lehrreich und konstruktiv. Ein Highlight abseits des Campus war mein Beyoncé-Konzert – ich bewundere ihre Kunst und ihre Klugheit." Mehr zum Thema: