Urlaubsgrüße aus der Sprühdose: Zoolo in Südamerika, Asien, Australien und Neuseeland

Manuel Lorenz

Auf seinen Reisen um die Welt hinterlässt der Freiburger Sprüher Zoolo überall Graffitis: bei einer Suppenküche in Hanoi, an einem Toilettenhäuschen auf der Osterinsel und an einem Strand in Uruguay. Aber damit nicht genug: Auf fudder erzählt der sprühende Globetrotter, wo er noch überall gewesen ist und was er auf seinen Reisen erlebt hat.



[Zoolo:] Das Problem beim Sprühen in Südamerika ist: Dort gibt es ganz viele Wachleute mit ganz großen Knarren – wie im Western. Ich war 2002 dort: in Chile, Ecuador, Argentinien und auf der Osterinsel. In einem Vorort von Santiago de Chile wollte ich nachts einen Zug bemalen. Die Wachleute saßen nur rum, also bin ich hin und hab auf zwei verschiedene Züge ein Graffiti gemalt. Danach hab’ ich mein Zeug weggepackt und wollte wieder hin, ein Foto machen. Aber da standen die Wachleute schon vor einem der beiden Züge, die ich bemalt hatte, und leuchteten mit ihren Taschenlampen mein Graffiti an.

Ich: Rückzug ins Feld, wo ich mich dann bis sechs Uhr morgens aufhielt. Ich wollte unbedingt noch ein Foto machen. Das Foto ist am Ende das Einzige, was dir bleibt. Dann wieder hin und böses Erwachen: Die Sicherheitsleute hatten den Zug zwischenzeitlich geputzt. Ich: Weiter zum anderen Zug, Foto gemacht, dabei von den Wachleuten gesehen worden, Flucht, aber die Wachleute holten mich ein und hielten mich fest. Da sie mir aber nichts nachweisen konnten, haben sie mich dann schnell wieder gehen lassen. Eigentlich ist es ihnen eh relativ egal, ob du ihre Züge bemalst. Die passen mehr darauf auf, dass nichts aus den Zügen geklaut wird.



Graffiti gehört bei mir beim Reisen immer dazu. Das ist auch so eine Ego-Geschichte. Zu wissen: Ich hab schon hier gemalt, ich hab schon da gesprüht. Ich mag die Idee, dort, wo ich war, irgendwas zurückzulassen und nicht einfach wieder unverrichteter Dinge wegzugehen. Ich muss dabei aber immer entspannt bleiben. Wenn es zwanghaft wird – Oh, Scheiße, jetzt bin ich nur noch zwei Tage hier und hab’ immer noch nichts gesprüht –, geht das nicht. Wenn’s nicht klappt, klappt’s nicht. Wichtiger ist immer, Land und Leute kennenzulernen. Das war früher anders. Da war klar: So viel, wie geht.

Als ich 2002 am Ende meiner Südamerikareise in Buenos Aires ankam, holten mich ein paar Jungs vom Bahnhof ab. Die so: Wenn du willst, kannst du jetzt sprühen. Ich so: Wie? Hier und jetzt? Es war 17 Uhr, helllichter Tag. In einer Kurve gab es eine Stelle, wo einen keiner sah. Der Zug fährt ein, ich renne runter, sprühe ein Bild, mache ein Foto, renn’ wieder hoch. Das hat keine fünf Minuten gedauert. Dann wollten wir noch eine U-Bahn machen. In den Tunnel rein, dabei gesehen worden, gewartet, bis irgendwann ein Sicherheitsmann mit einer riesigen Knarre in der Hand auf uns zu gerannt kam. Wir so: Fuck! Außen rum gerannt, er uns hinterher, wir hoch zur Station und raus. Das war abartig! Die schießen da auch!

Im ecuadorianischen Riobamba hab ich eine legale Klosterwand bemalt – die Nonnen kamen raus, schauten zu, fanden’s cool. In Uruguay hab ich am Strand gesprüht. Von Buenos Aires aus morgens hin, abends zurück. Da ging’s mir wirklich nur darum, sagen zu können: Ich hab’ auch schon mal in Uruguay gemalt.



Cool war noch die Osterinsel. Die vielen historischen Stätten kannst du da natürlich nicht anmalen. Aber an einem kleinen Strand gab es ein Toilettenhäuschen, das ich besprühen durfte. Und im Ort habe ich die Fassade eines Souvenirladens bemalt – wobei das ein Missverständnis war. Der Besitzer hatte verstanden, dass ich seinen Laden nur ab- und nicht bemalen wollte. Er ging weg, ich malte, er kam zurück – und sah sich vor vollendete Tatsachen gestellt. Er fand’s dann aber trotzdem gut.

1993 war ich zum ersten Mal graffitimäßig im Ausland unterwegs, in Amsterdam. Da jemanden kennengelernt, dort wen getroffen, eine Connection hierhin gekriegt, eine andere dahin. Das funktionierte damals noch wie heute Couchsurfing. Eine super Möglichkeit, rumzukommen und Leute kennenzulernen. Damals ging’s uns eh nur darum: Dosen in den Rucksack, ansonsten am besten nichts, zur Not in Abbruchhäusern pennen und so viel malen, wie möglich.



Es gab ja auch noch kein Facebook oder ähnliches. Du hast das Netzwerk ausgenutzt, das du hattest, hast Sprüher gefragt, von denen du wusstest, dass sie schon mal da waren. „Ey, kennst du da jemanden?“ – „Ja, ma’ gucken. Ich hör’ mich mal um.“ Und schon hattest du eine Telefonnummer. Oder du hast vor Ort einen Hiphopladen aufgesucht, der auch Sprühdosen verkauft, und wurdest weitervermittelt. Und sonst halt einfach auf eigene Faust. Augen auf, Leute fragen. Wenn du irgendwo sprühen wolltest, ging das schon irgendwie.

Zum Beispiel 2005 in Hanoi. Da hab ich auf irgendeinem Platz ein paar Breakdancer gesehen. Keiner sprach auch nur ein Wort Englisch. Irgendwann haben sie aber kapiert, was ich wollte, haben mir einen Typen organisiert, der wenigsten ein bisschen Englisch konnte und der wiederum einen Kumpel hatte, der ein bisschen gesprüht hat. Der wollte mit mir illegal sprühen gehen, aber das war mir zu heikel, weil am nächsten Tag mein Flieger ging. Wir sind dann zu einem Freund von ihm und haben die Hauswand eines Nachbarn bemalt. Am nächsten Tag stand davor eine Suppenküche.



2006 war ich während eines Auslandssemesters in Neuseeland und durfte für einen Kunstkurs eine geniale Wand an der Uni besprühen. 2007 habe ich zusammen mit dem italienischen Sprüher Mine für das Museum of Contemporary Art in Shanghai eine Graffiti-Demonstration gemacht.

Ich wollte schon immer wissen: Wie geht’s in Asien ab? Was ist in Südamerika los? Wie sind die Leute da so drauf? Wie funktioniert da das System? Das mit Graffiti zu verbinden, war und ist eine super Sache.

Wo ich noch hin will? Im Herbst flieg ich nach Budapest. Da leitet ein Freund von mir ein Hostel. Ansonsten: Madagaskar, Bolivien, Kanada, Korea und Japan. Vielleicht nehm’ ich mir in ein paar Jahren ein Sabbatjahr. Dann hätte ich dafür wieder Zeit.

Zoolo: Hintergründe, Motivation und Geschichten (2009)

 

Zoolo: Wie entsteht ein Graffiti? (2009)

     

Mehr dazu:

 
 
[Aufgeschrieben von Manuel Lorenz]  

Fotos: Zoolo

 
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