Unterwegs mit KauFRausch: Konsumkritischer Stadtrundgang in Freiburg

Sarah Wenzel

Fair Trade und Bio einkaufen? Gerne, aber wo? Die Stadtführung KauFRausch will Alternativen zum alltäglichen Kosumverhalten aufzeigen. fudder-Mitarbeiterin Sarah war mit einer Schulklasse auf KauFRausch-Stadtrundgang:



Wir stehen vor der Vodafonegeschäfsstelle am Rotteckring. Die Schulklasse steht eher unbeeindruckt im leichten Nieselregen, während Henning darüber redet, dass wir im Alltag ständig zum Konsum animiert werden. Ein Fernseher im Schaufenster hinter ihm zeigt witzige Internet-Videos. Ein Schüler sagt: “Hier riecht’s nach Popcorn!”.

KauFRausch nennt sich der konsumkritische Stadtrundgang, der vom gleichnamigen Verein organisiert wird. Dabei werden Gruppen von acht bis dreißig Personen von Engagierten des Vereins durch die Freiburger Innenstadt geführt. Sie erfahren hier, was beim alltäglichen Konsum so alles schief läuft - und wie man es besser machen kann. Die beiden Stadtführer für diese Tour sind Henning Liebeck und Isa Knaus.

Heute ist die 7. Klasse der Paula-Fürst-Schule mit zwei Lehrern zu Gast. Für sie ist es der letzte Schultag, aber statt ihn mit Filmgucken zu verbringen, wollte Michael Gommel, der Mathe und das Fach EWG (Erdkunde/Wirtschaft/Gesellschaftskunde) unterrichtet, noch ein bisschen Wissen vermitteln. Und so stehen die knapp 30 Schüler nun vor dem Vodafone-Geschäft und hören mehr oder weniger interessiert zu, als Henning Liebeck ihnen die sozialen und umweltechnischen Probleme erklärt, die Smartphones verursachen. Dann fragt Henning: Wer von euch hat ein Smartphone dabei? Nur zwei der Schüler haben keins.

Auf A5-Karten, die Henning und Isa an die Schüler verteilen, sind die einzelnen Produktionsschritte in der Handyherstellung aufgelistet, vom französischen Werbedesigner, der einen schnittigen Slogan für ein neues Smartphone entwickelt, über Minenarbeiter in Ecuador und chinesische Fabrikarbeiter, bis hin zur Altmetallverwertung in Afrika. Dann teilt Henning 100 Euro aus, die Jugendlichen sollen das Geld nach ihrer Vorstellung auf die einzelnen Stationen verteilen. Die Schüler sind erstaunt, als Henning die Verteilung korrigiert und die Lohnbeträge für die Minenarbeiter noch geringer ausfallen, als sie sie eingeschätzt hatten.



“Nur mit dem Finger darauf zu zeigen, was alles falsch ist, ist keine gute Lösung”, sagt Isa, darum schlagen die beiden eine Alternative zum herkömmlichen Smartphone vor: das Fairphone. Die Hersteller dieses Smartphones versuchen laut ihrer Website, die Rohstoffe, die in dem Handy verabeitet werden, aus verantwortungsbewussten Bergbau zu beziehen und fordern bessere Arbeitsbedingungen für Fabrikarbeiter.

Das klingt alles ein bisschen vage, und auch die Schüler wirken nicht gerade gefesselt - bis ihr Lehrer von den Foxconn-Selbstmorden erzählt. Der ehemalige Apple-Zulieferer geriet in Verruf, als mehrere Arbeiter innerhalb eines Jahres Selbstmord begingen. Beunruhigtes Murmeln. Selbstmord wegen miserabler Arbeitsbedingungen? Das ist neu.

Die Führung geht weiter in Richtung Moltkestraße. Nächster Halt: Zündstoff, ein Klamottenladen, der fair gehandelte, ökologische Produkte verkaufen will. Sein Inhaber hat die Aktion KauFRausch mitgegründet, und ist darum auch nicht ganz so geschockt wie erwartet, als eine Schulklasse seinen Laden stürmt. Die Schüler sollen sich umschauen und herausfinden, was hier anders ist als in anderen Geschäften. Knappe zehn Minuten später folgt die Auswertung: Hier steht auf den kleinen, unauffälligen Zetteln nicht, “made in Taiwan”. Einige Kleider wurden in Nicaragua hergestellt, andere bestehen aus peruanischer Biobaumwolle.



Würden die Schüler die Kleider auch selbst anziehen? "Ich seh da ein Problem mit der Größe", sagt Lea, 14 Jahre alt. "Die Kleider, die ich bisher gesehen habe, wären mir entweder zu weit oder zu kurz." Lena, 13 Jahre, hat aber eine Jacke gesehen, die sie ganz schön findet.

Doch Isa und Henning haben neben ökologischen Einkaufsalternativen noch andere Tipps: Die Onlineplattform Kleiderkreisel, Einkaufen auf Flohmärkten oder in Second-Hand-Shops schonen den Geldbeutel und die Ressourcen, denn: Wer weniger neu produzierte Ware kauft, dessen ökologischer Fußabdruck schrumpft. Zusätzlich präsentiert das Projekt "Näh dich frei vom Konsum" in einem kleinen Heft, vorerst online oder als App verfügbar, Schritt-für-Schritt-Anleitungen zum Reparieren alter Kleidung.

Und wem das nicht genug ist, der kann auch mal eine Kleidertauschparty veranstalten, oder "man stellt sich vor eine Gruppe halbinteressierter Jugendlicher, hampelt ein bisschen rum und erzählt was über Konsum", sagt Isa. Die Jugendlichen zu sozialem und ökologischem Engagement zu motivieren, das ist ihr wichtig.



Die beiden Stadtführer erzählen nicht nur von nachhaltigem Konsum, sie leben ihn auch. Isa hat ihren Pulli, ein Lieblingsstück, von einer Freundin übernommen, der er nicht mehr gefiel. Henning hat Pullover und Jacke von Freunden geschenkt bekommen, seine Schuhe bestehen aus Biobaumwolle und Naturkautschuk. 40 Euro haben sie gekostet, mehr als bei H&M, aber bei Weitem weniger, als man im Allgemeinen für Nikes oder Pumas zahlt. Ein bisschen Geld extra für nachhaltige Produkte auszugeben, ist es ihm wert - solange die Qualität stimmt. Um es mit den Worten seiner Urgroßmutter auszudrücken: “Ich bin zu arm, um mir billige Sachen zu leisten.”

Die Führung endet schließlich auf dem Grethergelände an der Adlerstraße, hier befand sich die erste Geschäftsstelle des Zündstoff. Was die Schüler über die KauFRausch-Führung denken? Ein bisschen überrollt fühlen sie sich, zu viel Information für den letzten Schultag. Trotzdem, beim abschließenden Stimmungsbild zeigen die meisten Daumen nach oben.

Der Verein

Der Verein KauFRausch e.V., der die konsumkritischen Stadtrundgänge anbietet, wurde 2007 gegründet und hat zurzeit 18 Mitglieder. Neben den Stadtrundgängen möchten seine Mitglieder Kleidertausch- und Bankwechselpartys organisieren und beteiligen sich zum Beispiel an der "Fairen Woche" und den "Nachhaltigkeitstagen".

Die konsumkritischen Stadtrundgänge werden übrigens nicht nur in Freiburg, sonder bundesweit angeboten. Der Dachverband, der die Ortsgruppen verbindet, heißt "weltbewusst" und entstand aus der Zusammenarbeit von "Bund Jugend" und den "Weltläden".

Die Führung

Der Verein KauFRausch bietet auf Anfrage konsumkritische Stadtrundgänge durch Freiburg an, die je nach Publikum variieren. Bei Gruppen mit größerem Vorwissen werden zum Beispiel nachhaltiges Banking und Greenwashing (der Versuch mancher Firmen, ökologischer zu wirken, als sie eigentlich sind) thematisiert.

Die Termine für öffentliche Rundgänge und Schulungen werden auf der Homepage des Vereins KauFRausch bekannt gegeben. Die nächste öffentliche Führung findet am 15.11.2014 in Kooperation mit der VHS Freiburg statt, die nächste Schulung zum KauFRausch-Stadtführer am 22.11.2014, ebenfalls in Kooperation mit der VHS.

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