Interview

Uni-Professor reagiert auf Kritik des Stura an der Exzellenzstrategie

Anika Maldacker

Das Geld gehe nur in die Forschung, nicht in die Lehre: Das und mehr kritisiert der Stura an der Exzellenzstrategie. Im Interview reagiert Professor Jürgen Rühe, Sprecher des Exzellenzclusters "livMatS", auf die Kritik.

Wie haben Sie reagiert, als die Entscheidung verkündet wurde, dass das Cluster"livMatS", deren Sprecher Sie sind, als Exzellenzcluster gefördert wird?

Rühe: Wir wären traurig gewesen, wenn wir das Cluster hätten beerdigen müssen. Nach der Verkündung haben wir bei der offiziellen Feier der Universität gefeiert und uns danach den ein oder anderen Cocktail gegönnt. Wir haben hart an der Cluster-Idee gearbeitet und uns viele Gedanken gemacht – beispielsweise wie man die Themen Nachwuchsförderung, Diskurs mit der Gesellschaft und Gender und Diversity im Cluster fördern kann.

Was hätte es für Sie bedeutet, wenn das Cluster die Förderung durch die Exzellenzstrategie nicht bekommen hätte?

Rühe: Das Konzept livMatS hätten wir dann beerdigen müssen. Ein Sonderforschungsprogramm wäre für dessen Förderung zu klein gewesen. Wenn wir es nicht geschafft hätten, wären wir enttäuscht gewesen. Aber es wäre auch nicht das Ende aller Dinge gewesen. Ein guter Boxer steht immer einmal mehr auf, als er niedergestreckt wurde.

Die Kritik der Studierendenvertretung lautet ja auch, dass zu wenig Geld in die Lehre geht.

Rühe: Es gibt viele Personen, die meinungsstark auftreten und bemängeln, dass alles Geld in die Forschung geht und fordern, dass mehr Geld für Studierende ausgegeben werden sollte. Das ist ein komisches Verständnis davon, wie Universität funktioniert. 40 Prozent des gesamten Clustergeldes wird als Gehalt direkt an Promotionsstudierende gehen. Wir richten zudem drei neue Professuren ein und fünf Nachwuchsgruppen, sowie Postdocs und Doktoranden werden sich an der Lehre beteiligen. Rechnet man das zusammen, ergibt sich zusätzlich Lehrkapazität, die vom Umfang drei Studiengängen entsprechen würde. Die Lehre wird somit verstärkt, zugegebenermaßen nicht über die gesamte Universität, sondern nur in dem Cluster, das im Wettbewerb erfolgreich war. Aber in unserem Cluster livMatS sind immerhin sechs verschiedene Fakultäten involviert. Wir sind nicht rein naturwissenschaftlich, sondern auch die Philosophie, die Wirtschaftswissenschaften und die Psychologie sind dabei.

Was würde es für die Uni bedeuten, wenn Sie nicht als Exzellenzuniversität gefördert werden würde?

Rühe: Für die Universität ist es eine gute Gelegenheit einen Schwerpunkt zu setzen und sich zu überlegen, wo man in Zukunft hin will. Solche Mittel beantragt man nur dort, wo man stark aufgestellt ist. Der Exzellenzwettbewerb stärkt die Schwerpunkte der Universität – nicht alle – aber durchaus breite Bereiche. In den Bereichen, die in den beiden Cluster involviert sind, waren wir auch schon vorher stark. Beim Exzellenzwettbewerb geht es natürlich auch um die Reputation. Zumindest fortgeschrittene Studenten entscheiden sich für eine Universität auch wegen ihres Rufs. Gleiches gilt für neu zu berufende Professoren. Es spielt schon eine Rolle, ob man einen solch wichtigen Wettbewerb für sich entschieden hat. Aber Reputation setzt sich aus vielen verschiedenen Elementen zusammen, ein einzelnes entscheidet nicht über Wohl und Wehe der Universität.

Die Studierendenvertretung kritisiert, dass durch die Exzellenzstrategie ein Wettbewerb zwischen den Universitäten entsteht. Sie fordern, dass Forschung frei von Prämissen möglich sein sollte. Was entgegnen Sie darauf?

Rühe: Ganz ohne Wettbewerb ist es grundsätzlich schwierig. Ein Wettbewerb hilft, um Ideen klar zu formulieren und auch Feedback von Experten von außerhalb ist gut. Einen Cut-throat-Wettbewerb, bei dem es um Sein oder Nicht-Sein geht, möchte aber niemand. Viele scheinen aber nicht genau zu wissen, worum es sich bei den Projekten handelt. Ich habe auch gelesen, dass Leute denken, dass industrienahe Projekte gefördert werden würden. Das ist absurd. Man muss sich nur die Liste der geförderten Cluster in Deutschland anschauen – die sind sehr grundlagenorientiert. Freier von Prämissen kann man sich Forschung kaum vorstellen.

Was wird in dem Cluster livMatS erforscht werden?

Rühe: Wir wollen Materialen generieren, die sich anpassen können. Dafür orientieren wir uns an Pflanzen. Ein Beispiel: Ein lebloser Gegenstand wie ein Löffel verändert sich in seinem Dasein nicht. Ein Baum schon, er passt sich zum Beispiel an die Windrichtung an. Adaptivität kommt jedoch nicht umsonst. Man muss Energie hineinstecken, um Adaptivität zu gewährleisten. Das kann Solarenergie, Wärmeenergie oder Reibeenergie sein. Damit haben wir an der Uni schon viel Erfahrung. Wir wollen mit dem Cluster schon während der Entwicklung Nachhaltigkeitsforscher einbinden, die sagen, ob die Entwicklung nachhaltig ist oder nicht. Durch die Beteiligung der Psychologie und Philosophie wollen wir während der Entwicklung einen gesellschaftlichen Diskurs anregen und auch abschätzen, wie die Gesellschaft auf eine Erfindung reagiert.

Was haben die Studierenden von diesem Cluster?

Rühe: Die fortgeschrittenen Studierenden profitieren natürlich mehr als die Anfänger. Aber wir haben beispielsweise im Cluster einen Etat um für ca. 3000 Monate Studierende, die als Hiwis arbeiten können, zu bezahlen. Das wären beispielsweise 300 Hiwis, die zehn Monate erste Forschungserfahrung sammeln könnten. Für Studierende werden wir Akademien oder Sommerschulen schaffen. Wir wollen auch eine Schreibwerkstatt, wo es darum geht, attraktive Paper zu schreiben. Außerdem werden wir neue Geräte anschaffen. Solche Geräte kommen nur über Maßnahmen wie die Exzellenzstrategie.

Profitieren auch Studierende von dem Cluster, die nicht an einer der sechs involvierten Fakultäten studieren?

Rühe: Es wird offene Veranstaltungen geben, die jeder Studierende besuchen kann. Wir wollen zum Beispiel eine Reihe, die "Date-Night with Science" anbieten, bei der Doktoranden von ihren Forschungsprojekten berichten können.

Eine persönliche Frage: Wäre es für Sie ein Grund gewesen, die Uni Freiburg zu verlassen, wenn Ihr Cluster nicht als Exzellenzcluster gefördert werden würde?

Rühe: Nein. Die finanziellen Mittel und die Verbesserung der Reputation sind nur ein Bestandteil von vielen. Man entscheidet sich für eine Universität, je nachdem welche Möglichkeiten man dort hat, seine Forschung zu gestalten. Es geht auch um das Umfeld – und da ist Freiburg eine tolle Uni. So ein Cluster ist wichtig, aber nicht alles entscheidend.
Prof- Dr. Jürgen Rühe ist Sprecher des Exzellenzclusters livMatS und Professor für Chemie und Physik von Grenzflächen am Institut für Mikrosystemtechnik an der Uni Freiburg.

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