Ulzhan: 4-Wheel-Drive mit verrückten Chicks

Alexander Ochs

Regisseur Volker Schlöndorff (Die Blechtrommel, Homo Faber etc) war gestern Abend im Kandelhof zu Gast, um seinen neuen Film "Ulzhan" vorzustellen. "Es war nie die Absicht, einen Peter-Scholl-Latour-Film zu machen oder den Anti-Borat", erklärte Schlöndorff Alex und dem zahlreich erschienen Publikum.



Zuerst galt es, Schlöndorffs neuen Film Ulzhan zu entdecken – und damit eine terra incognita des Weltkinos. Die erste Szene zeigt den Franzosen Charles (Philippe Torrenton) bei der Einreise nach Kasachstan, beim Grenzübertritt in der staubigen Steppe.


Schon deutet sich an, dass es für ihn eine Grenzerfahrung werden soll. Ein Getriebener auf der Suche. Er feiert mit Unbekannten, verschenkt sein Geld, seine Papiere, hat schnellen Sex. Ausgeraubt. Per Auto, zu Fuß, im Heli, später mit dem Pferd, Charles muss immer unterwegs sein.



Er begegnet erst dem mit Worten handelnden Schamanen Shakuni, gespielt von David Bennent, der als Halbwüchsiger den Oskar Matzerath in Schlöndorffs oscar-gekrönter Blechtrommel gespielt hat, und dann der schönen Nomadin Ulzhan (hinreißend gespielt von Ayanat Ksenbai), die ihm auf seiner Dauerflucht vor dem Man-weiß-es-nicht folgt.

Merkt man es schon? Das Drehbuch ist, äh, ein bisschen dünn, drei Seiten statt 600, mit denen er sich sonst häufig herumgeplagt hat, sagt der Regisseur, der Grass, Frisch, Böll verfilmt hat.



Bildgewaltig kommt „Ulzhan“ daher, die karge Steppenlandschaft, die aus dem Nichts gestampfte, glitzernde Hauptstadt Astana, verlassene Gehöfte, uralte Höhlen, ein verstrahltes Atomwaffentestgebiet. Kameramann Tom Fährmann ist es gelungen, faszinierende Bilder der filmischen No-Go-Area Kasachstan einzufangen. So berauscht sich Schlöndorff diesmal mehr an seinen Bildern als sonst, ganz Wim-Wenders-like.



„Es war nie die Absicht, einen Peter-Scholl-Latour-Film zu machen oder den Anti-Borat“, erklärt Volker Schlöndorff anschließend im vollbesetzten Kandelhof. Er hörte zwar auch die „Alarmglöckchen schrillen“ beim Lesen des Drehbuchs: „Esoterik, ein Mann sucht den Tod, ein Schamane geistert herum.“ Um der Edelkitsch-Gefahr zu entgehen, hat der rastlose Filmemacher auf den geerdeten Philippe Torrenton als Hauptdarsteller gesetzt, „der wirkte wie so’n bretonischer Sardinenfischer“, so Schlöndorff flapsig. Die edle Nomadin Ulzhan nennt er scherzhaft Winnetous Schwester.



Den Drehbucheinwand, der ihm in Kasachstan vorgehalten wurde, „keine Nomadin würde einem fremden Mann hinterher rennen“, kontert er ganz cool, indem er sagt: „Keine niederbayerische Bäuerin würde einem Kasachen hinterher rennen. Es gibt auch in ganz Bayern keinen Schamanen, der mit Worten handelt. Aber was wäre, wenn die sich in der Steppe begegnen würden? Das ist der Film!“

Überhaupt ist Volker Schlöndorff ein begnadeter Geschichtenerzähler. Er tritt vors Publikum, reibt mehrmals über seine Glatze und schon sprudeln die verrücktesten Geschichten, Assoziationen und Bilder aus ihm heraus:

Der Maler, der den Atompilz malt. Der Kunsthändler, der mit dem feist-bonzigen Hummer vorfährt. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Pferdefleisch, Kamelmilch, Handy. „Ein 4-Wheel-Drive mit verrückten Chicks“ (O-Ton Schlöndorff). Ohne dass es irgendwelcher Zuschauerfragen bedarf, entwirft der Altmeister ein faszinierendes Panoptikum des Filmedrehens. Allein der Auftritt des sympathischen Kinomagiers ist abend-, ja leinwandfüllend.

Mehr dazu:

  • Volker Schlöndorff: imdb