Prozess am Landgericht

Überfall statt Sex: "Wir sind nicht kaltherzig"

Frank Zimmermann

Mit dem Versprechen auf tabulosen Sex lockt ein Paar einen doppelt so alten Mann in den Freiburger Mooswald – und überfällt ihn. Vor dem Landgericht standen nun die Angeklagten im Fokus.

An Prozesstag Nummer zwei gegen ein junges Paar, das einen 48-jährigen Handwerker aus der Ortenau am 3. Oktober 2016 zum gemeinsamen Sex in den Mooswald lockte, um ihn dann auszurauben (BZ-Bericht), standen die Angeklagten und ihre Drogenkarrieren im Fokus. Angeklagt sind sie vor der Jugendkammer des Landgerichts unter anderem wegen versuchten Mordes – die gemeinsame Tat haben sie gestanden; der Mann schlug das Opfer mit einem Stein auf den Kopf, anschließend ließen sie es schwer verletzt, hilf- und bewusstlos im Wald liegen.

Die beiden Angeklagten werden in Handschellen von Justizvollzugsbeamten in Gerichtssaal IV gebracht. Auf der Anklagebank lassen sie zwischen sich zwei freie Plätze. Sie würdigt ihn anfangs keines Blickes, er schielt ab und an nach rechts in ihre Richtung. Im Verlauf des Prozesses wird diese Distanz aber kleiner, einmal lachen die beiden sogar miteinander. Aber ihre Beziehung ist beendet. Die gemeinsame Tat hat nicht zusammengeschweißt, sondern zum Bruch geführt.


Gewalt war angeblich nicht geplant

Der 22-jährige Stefan S. (Name von der Redaktion geändert) aus Kehl wirkt muskulös, in der Verhandlung trägt er ein bedrucktes schwarzes T-Shirt, eine schwarze Jogginghose und um den Hals eine markante Kette. Seine Ex-Freundin Sandra F. (Name von der Redaktion geändert) ist vor kurzem 19 geworden. Vor sich auf der Anklagebank hat sie einen dicken Aktenordner mit den relevanten Schriftstücken des Prozesses. Sie blättert darin. Sie will wissen, was Sache ist.

Warum lassen sich zwei junge Menschen auf Sex in einem abgelegenen Wald mit einem fremden, mehr als doppelt so alten Mann ein? S. und F. sind in Geldnot, denn sie haben kein regelmäßiges Einkommen und konsumieren viele Drogen, und das seit langem. Ein Fall von Beschaffungsprostitution? Wohl nicht. Man habe dem Mann das Geld abknöpfen wollen, aber ohne Sex. Und ohne Gewalt, wie F. in einem entschuldigenden Brief an das Opfer zwei Wochen nach der Tat schreibt: "Es war nicht geplant, dass wir Sie schlagen, das war Plan B."

In einem Chat hatten die beiden mit einem Handwerker 220 Euro für "tabulosen" Sex vereinbart; geworben hatten sie als "versautes Paar". Angebote habe es diverse gegeben, sagt F.; manche Antworten auf die Annonce seien zu eklig gewesen, sagt sie dem Gutachter.

Schlimme Kindheit, aber intellektuelles Potenzial

In ihrer Kindheit und Jugend hat Sandra F. Schlimmes erlebt – Details werden im Gericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit besprochen. Dazu gehören Heimaufenthalte, sexueller Missbrauch, Kinder- und Jugendpsychiatrien, Suizidalität. F. ist häufiger aggressiv, hat Stimmungsschwankungen, trinkt und nimmt Drogen. Der Gutachter, Psychotherapeut Bernhard Deuringer, geht von einer posttraumatischen Belastungs- und einer emotionalen Persönlichkeitsstörung aus. Therapien bricht sie mehrfach ab – auch, als es ganz gut läuft. Sie rebelliert immer wieder – anpassen geht nicht.

Nun ringt Sandra F. um einen Neuanfang. In der Haft will sie den Realschulabschluss machen, träumt von Abitur und Studium. Der Sachverständige findet, sie habe intellektuelles Potenzial, sei ehrgeizig. Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie seien aber feste und strenge Rahmenbedingungen. Deuringer: "Sie hat verstanden, dass es wichtig ist, an der Zukunft zu arbeiten."

Vom Stiefvater geschlagen

Stefan S. aus Kehl war zwei, als er seinen Vater bei einem Unfall verlor. Nie habe jemand mit ihm über ihn sprechen wollen. Als Kind bekam er Ritalin gegen ADHS, bis er merkte, dass Cannabis ihm besser hilft. "Was durchaus der Realität entsprechen kann", wie der Gutachter anmerkt. Mit 12 beginnt S., Drogen zu nehmen, er probiert viel aus. Und er trinkt Alkohol, exzessiv. Er habe Drogen als Flucht aus dem Alltag betrachtet, "dass ich nicht so viel nachdenken muss", wie er sagt. S. kommt in eine Pflegefamilie, fliegt aber schnell wieder raus, auch in einer betreuten WG klappt es nicht. Zuletzt hat er keinen festen Wohnsitz, immerhin aber einen Job.

Der Stiefvater, ein Alkoholiker, habe ihn geschlagen, irgendwann habe er zurückgeschlagen. Daraufhin habe er Hausverbot bekommen. Die Mutter, glaubt er, wisse nicht, wo er gerade ist. Zwei der drei Brüder seien kriminell geworden.
"Ich habe immer weiter Scheiße gebaut." Stefan S.
Entzugstherapien bricht S. mehrfach ab, fliegt von der Schule, prügelt sich, wird rückfällig. Einbrüche, Diebstähle, Gewaltausbrüche – irgendwann landet er im Jugendknast. "Ich habe immer weiter Scheiße gebaut." Jetzt will er da raus, "woanders ein neues Umfeld aufbauen".

Er braucht dafür eine Therapie und eine Ausbildung. Der Gutachter hat Zweifel an manchen Angaben. Für vermindert schuldfähig hält er beide Angeklagten nicht. Er rät zur – getrennten – Unterbringung in Entziehungsanstalten.

"Wir sind keine kaltherzigen Menschen" schreibt Sandra F. in einem Brief an Staatsanwältin Nikola Novak. Und an ihre Cousine: "Ich wollte nicht, dass es so aus dem Ruder läuft."

Die Plädoyers fanden gestern unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das Urteil wird am 4. April verkündet.

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