Typologie der SC Freiburg-Fans

Clemens Geißler

Eine Boulevardzeitung hat den SC Freiburg vergangene Woche nach dem Pokalsieg in Mainz als "geilsten Klub Deutschlands" bezeichnet. Die Rheinische Post (Düsseldorf) hat nach diesem Spiel sogar einen Liebesbrief an den SC Freiburg verfasst. Sympathie überall! Doch wer sind eigentlich die Fans dieses SC Freiburg? Eine Typologie:

 

Der Sozialromantiker

Er ist Sympathisant des Sportclubs, seit Volker Finke das Ruder übernommen hat, ist Mitte 40 und stammt nicht aus Freiburg. Zu Heimspielen reist er nach etwas Kant-Lektüre aus seiner Unterwiehremer WG mit kaum verkehrstüchtigem Fahrrad an. Die Auswärtsauftritte verfolgt er mit einem Vorrat selbstgedrehter Zigaretten im Swamp. Im Freiburger Fußball sieht der Sozialromantiker den fleischgewordenen Gegenentwurf zu allen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen seit der Erfindung des Rades.

Der „Esszeeh“ muss unterstützt werden, weil er klein ist und nicht groß, weil er arm ist und nicht reich, Freiburg grün ist und das Stadion von Solarstrom versorgt wird. Jeder Punkt, den der Sportclub den anderen Vereinen abringen kann, wird im Stillen gefeiert wie ein kleines Stück gewonnener Klassenkampf. Hisst die rote Fahne!

Der VIP

Den Kontrapunkt zum Sozialromantiker setzt der VIP: Ihn trifft man erst im Stadion an, seit der Kommerz auch ins beschauliche Breisgau Einzug gehalten hat. Er hupt sich kurz vor knapp mit schwarzem Dienstbenz durch den Stau und schimpft dabei auf die anderen Autofahrer. Geparkt wird im Innenraum des Stadions. In der Businessloge das Shakehands mit anderen Gesandten aus der Sponsorenriege und Offiziellen.

Während das Spiel hinter einer dicken Glaswand dahinplätschert, schwadroniert der VIP bei Champagner und Lachshäppchen über Geschäftsmodelle, die man mal andenken könnte, wenn der Sportclub endlich – und da sind wir uns ja einig – ein neues Stadion bekäme. Torschützen, Spielgeschehen, Zwischenstände werden teilnahmslos registriert. Nur nicht zu viel Emotion, das ist hier ja quasi ein geschäftliches Meeting.

Das Fangirl

Das SC-Fangirl trifft man auf Nord-Mitte, rechts neben den Ultras, wo es nicht mehr ganz so laut ist. Styletechnisch setzt es auf Understatement. Offizielle Klamotten aus dem Fanshop sind voll out, Kick-Indie-Kapuzenpulli („You'll never walk alone“) angesagt.

SC-Fangirls, gern mit asymmetrischen Francek-Scheiteln, können stundenlang darüber diskutieren, ob Olli Baumann oder Vegar Hedenstad der Hübschere ist. Bei Abseits-Entscheidungen verlässt man sich lieber aufs Urteil des großen Bruders.

Der Streichist

Die jüngste Kategorie bildet der Streichist: Er ist Streich durch und durch. Nicht nur, dass der Kapuzenpulli durch ihn seine Wiedergeburt erlebt – in rauschhafter Verzückung, voll demütiger Andacht folgt er jedem Wort aus dem Mund des Markgräfler Fußballlehrers.

Die Video-Serie „Streich der Woche“ ist Pflichtprogramm, wird sogleich verlinkt und an andere Sektenmitglieder geschickt, die natürlich selbst mitgeschaut haben. Gelegentlich greift die Verehrung wohl etwas zu weit – denn gelegentlich sagt auch der Freiburger Trainer mal etwas ganz Normales.

Der Dreikäsehoch

Der Dreikäsehoch erlebt das Spiel meist auf Zehenspitzen von der Tortribüne aus und zählt noch keine 13 Lenze. Oft schon Stunden vor Spielbeginn kommt er mit seinen Freunden in voller rotweißer Montur und mit einer Batterie Müsliriegel am Stadion an.

Er kennt jeden Fansong und singt aus voller Kraft mit. Zu Hause hortet er, was das Merchandise hergibt: Bettwäsche, Handtuch, Tasse, Kugelschreiber. Sein Spieltagshighlight: Nach Schlusspfiff solange warten, bis die Spieler wieder rauskommen und Autogramme jagen.



Der Pyromane

Der Pyromane betritt den Block grundsätzlich vermummt. Außenstehenden ist es ein Rätsel, wie es ihm immer wieder gelingt, Feuerwerk ins Stadion zu bekommen. Doch er weiß inzwischen, auf welche Stoffe die Polizeihunde anschlagen und wo die Ordner eigentlich nie nachschauen.

Ergebnis: Zwischenfälle bei mancher Auswärtsfahrt, angedrohter Spielabbruch bei Victoria Hamburg, Strafen für den Verein. Schwacher Trost: Der Pyromane ist kein südbadisches Phänomen – und deswegen droht das, was keinem Fan gefallen kann: Abschaffung der Stehplätze und Ganzkörperkontrollen.

Der Ultra

Das Motto des Ultras lautet: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“: Die ganze Woche sitzt man im „Raum“ in der Lorettostraße und feilt an Gesängen und Choreographien. Werkzeuge für den gelungenen Support: Plakate, Fahnen, Doppelhalter, Spraydosen und Schablonen.

Ob nach Bremen, zum Kaiserstuhlcup oder mit der Reserve in die Hohenloher Provinz – die Jungs mit den dünnen Schals fahren einfach zu jedem Spiel. Der Ultra sieht sich kontroverser Betrachtung ausgesetzt: Unangefochten sein Status als Hauptstimmungsmacher, schießt er dabei nach dem Geschmack mancher auch hin und wieder über das Ziel hinaus.

Der Ästhet

Der Ästhet hat wenig Ahnung von fußballtaktischen Details. Er kommt, um ein schönes Spiel zu sehen. Seine Anerkennung gilt gegnerischen wie einheimischen Akteuren gleichermaßen. Von gelungenen Spielzügen kann er noch zwei Tage später schwärmen, auch wenn das Spiel verloren wurde.

Lieber ein Hackentrick im eigenen Sechzehner als eine Blutgrätsche, lieber ein Seitfallzieher in die Dreisam als ein Kopfball ins Netz. Solange die Mannschaft attraktiven Fußball bietet, wird der Ästhet im Stadion stehen – auch noch in der Verbandsliga.

Der Wichtigtuer

Der Wichtigtuer verbringt das Spiel rund um den Wurststand auf der Haupttribüne. Die Karte hat er vom Freund vom Schwager, der einen von der Geschäftsstelle kennt. Eigentlich könnte er das Spiel bequem im Sitzen verfolgen, doch wer würde ihn da sehen?

Also flaniert er mit ausladenden Gesten –  das Handy am Ohr – den Oberrang entlang, begrüßt flüchtige Bekannte und betont, das Potential dieser Mannschaft schon vor allen anderen erkannt zu haben.  Nach Siegen raucht er gern noch eine Zigarre vor dem Presseraum.



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[Illustration: Karo Schrey]