Typologie der Audimax-Besetzer

Severin Weigend

Da sitzen Jongleure neben Revolutionären, die Blogger- und Facebook-Ecke tippt fleißig mit, die Politik-Erstis auf den Sofakissen studieren interessiert bei einer Flasche Rothaus das Debattierverhalten im Plenum: Tag 2 der Besetzung, eine Besetzer-Typologie aus dem Audimax.



Der Revoluzzer

Der Revoluzzer wartet schon seit dem letzten Bildungsstreik auf den jetzigen. Er sieht die Besetzung von Hörsälen als ersten Schritt zum Sturz des Systems. Äußerlich ist er kaum von den weniger entschlossenen Studenten zu unterscheiden. Er fürchtet nämlich ständig Repression durch die Staatsgewalt. In der Masse unerkannt zu bleiben, hat also Priorität, Fotos von ihm werden sofort vernichtet. Der Revoluzzer weiß eben ganz genau, wie der Hase läuft: Er gibt Tipps zum Verhalten auf Demos und übt in Arbeitskreisen die Sitzblockade. Er wird garantiert der Letzte sein, den die Polizisten wegtragen.



Der Hedonist

Besetzung klingt erst einmal nach langen Debatten und vielen anstrengenden Aktionen. Nicht so für den Hedonisten! Den Hedonisten erkennt man daran, dass er keinerlei politische Insignien trägt, sondern stattdessen den Bierkasten, den er kurz vor Streikbeginn noch fix bei Penny geholt hat. Er hört sich die Debatten gerne an, aber nur, solange der Rotwein nicht ausgeht.

Dann schreit sein Herz nach Ablenkung. Seine persönlichen Ziele beim Bildungsstreik sind: 1) Umwandlung des Audimax in eine Großraumdisco und 2) Schluss mit der lästigen Anwesenheitspflicht. Für diese Ziele probt er die Revolution, jedenfalls solange, bis es keinen Spaß mehr macht.

 



Die Orga-Leute

Die unorganisierte Masse läuft kopflos ins Verderben. Um dies zu vermeiden, gibt es zahlreiche Rädelsführer, welche die Bewegung in die vermeintlich richtige Richtung lenken. Freiwillig haben sie die wohl schwerste Bürde auf sich genommen, was man auch an den ausgeprägten Augenringen erkennt. In einer Hand den obligatorischen Kaffee, in der anderen das Mikro, versuchen sie, die aufständischen Studenten in Zaum zu halten.

Bis spät in die Nacht artikulieren die Orga-Leute den Minimalkonsens des studentischen Widerstands. Schließlich wollen auch die banalsten Themen nach zwei Stunden Debatte endlich zur Abstimmung gebracht werden.



Der Artist

Was ist eine Hausbesetzung ohne kreatives Programm? Denn ob Hedonist oder Revoluzzer, jeder will sich vom schwierigen politischen Alltag ablenken. Dazu bieten die von den Artisten organisierten Malecken und Jonglier-Schulen die beste Möglichkeit. Man erkennt den Artisten aber nicht nur an seinem Werkzeug, sondern meistens auch an seinen wallenden Dreadlocks, an den selbst gestrickten Klamotten und dem nur mäßig gestutzten Bart.

Die Artisten kümmern sich um gute Slogans für die Transparente, um die Gestaltung des Audimax im studentischen Sinne und darum, dass bis 6 Uhr morgens Bongos und Gitarren zu hören sind. Zu den Artisten sind natürlich auch die Kochkünstler zu zählen, die schon ab der ersten Nacht die hungernden Besetzer mit köstlichen veganen Gerichten oder Crepes vom „autonomen Crepes-Stand“ versorgen.



Der Zyniker

Der Zyniker ist schnell durch die offensichtlich gewollte Distanz zu erkennen, die er gerade bei den politisch gewichtigen Themen zur Schau trägt. Mit seinen Mitstreitern sitzt er meist hinter den Rednern im Audimax und belustigt sich über alles, was im Plenum so geschieht. Abgestimmt wird sowieso nicht, das verbietet die Beobachterrolle. Eventuelle Vorschläge, etwa die Einrichtung eines „Absurd-AKs“ oder das Motto der Besetzung doch wörtlich zu nehmen, sind nie ganz ernst zu nehmen.

Deswegen werden sie auch nur im kleinen Kreis diskutiert, damit der Zyniker von politisch korrekten Revoluzzern und Orga-Leuten nicht gerügt wird. Wofür der Zyniker auf die Straße geht, wird der Normalsterbliche nie erfahren. Falls es überhaupt einen Grund geben sollte, wird er durch beißende Ironie ad absurdum gezogen.



Der Mitmacher

Die Mitmacher bilden die wahrscheinlich größte Gruppe der Besetzer. Der Mitmacher ist hier nicht zu verwechseln mit dem allseits bekannten Mitläufer. Er hat zwar keine besonders radikalen Forderungen oder betrachtet etwa das Geschehen als großen politischen Witz, der Mitmacher möchte nur seinen kleinen Beitrag zum großen Ganzen leisten. Und wenn das eben heißt, ein paar Nächte in der Uni zu verbringen: Warum nicht? Der Mitmacher sieht es als Gelegenheit, sich auszutauschen, die Atmosphäre zu genießen und sicher zu sein, für die richtige Sache zu kämpfen.

[Fotos: Ingo Schneider]

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