Turbostaat & Donots im Zirkuszelt: "Alle antreten zum Klassenfoto!"

Alexander Ochs

Junge, Junge, bei 35 Grad draußen freiwillig ins Zelt? Und dann noch abrocken? Nee, danke, ohne mich, scheinen sich viele gesagt zu haben. Wie man mit wenigen Zuschauern eine großartige Show machen kann, zeigen Turbostaat und noch viel mehr die Donots:



Das Beste kommt zum Schluss: Wer frühzeitig das Weite gesucht hatte, verpasste die vielleicht grandioseste Szene in der an Höhepunkten nicht gerade armen ZMF-Historie. Donots-Sänger Ingo Knollmann gibt die Devise aus: „Lasst uns nochmal alle antreten zum Klassenabschlussfoto auf den Rängen.“

Er kommt von der Bühne herunter und dirigiert die vielleicht 400 Fans, die heute Abend gekommen sind, leichtfüßig auf die linke Galerie. Dort bekommen sie von Ingo und seinem Bruder Guido an der Gitarre, ganz ohne Mikro und Verstärker, noch zwei Akustiksongs serviert, die der Show das Sahnehäubchen aufsetzen. Ein echter Gänsehautmoment.



Das muss man sich mal vorstellen: Das ganze Zirkuszelt leergefegt, die Bühne verwaist, nur die Ränge links sind besetzt. Der Drummer lehnt entspannt am Bühnengatter, während seine beiden Bandkollegen im Parkett die Fans verwöhnen. Wie sagte der Gitarrist vor ein paar Jahren in einem Interview? „Wir werden uns auf jeden Fall den Arsch abspielen.“ Und wie!

Dabei hatten die Vorzeichen erschreckend mau ausgesehen: gähnende Leere zur Prime Time im auf einmal überdimensioniert großen Zelt. Dort, wo gut 2.500 Leute hineinpassen, verlieren sich gerade mal drei- bis vierhundert Unentwegte. „Ich weiß nicht, ob ich bei diesem Wetter in das Zelt hier gegangen wäre“, meinte zuvor schon Turbostaat-Sänger Jan Windmeier; da schwang Respekt mit. Doch egal, wie viele da sind: Rotze Santos und Marten Ebsen, die beiden Gitarristen der norddeutschen Ausnahmeband, ziehen sie alle mit ihren reißend-federnden Riffs von „Phobos Grunt“ nach vorn.

Nahtlos reihen sich die Songs „Haubentaucherwelpen“, „Tut es doch weh“ und „Ja, Roducheln“ an. Mal nüchterne Bestandsaufnahme der Befindlichkeit, mal gesellschaftskritischer Kommentar, gerne auch mal provokativ, stets auch eigenwillig: In ihren Songtexten verhandeln die fünf Musiker staatstragende Themen und private Krisen, und das durchaus intakt, integer, interessant.

Ein Hort mitgrölender Glückseligkeit

Ab und an schimmert britischer Twang und lupenreiner Pop durch wie beim mitreißenden „Alles ist konfus“. Überhaupt hat die Band an diesem brütend heißen Sommerabend viele Songperlen aus ihrer Diskographie gefischt und den dankbaren Fans eine runde Stunde lang aufgetischt. Ein mehr als nur solider Gig, Prädikat: ausgereift rausgepeitscht.

Auch die Donots haben die Qual der Wahl: 20 Jahre zusammen, zehn Alben... Das Neue an der sechsköpfigen Rockcombo aus dem Westfälischen sind die deutschen Texte ihres aktuellen Albums „Karacho“. Kraftvoller Opener: „Ich mach nicht mehr mit“. Und so erleben die Fans „ihre“ Donots Anno 2015 quasi im deutsch-englischen Pingpong.

Mit ungeheurer Leidenschaft und fantastischer Bühnenpräsenz, immer straight forward, verwandeln sie auch das schwach besuchte Zirkuszelt in einen Hort der mitgrölenden Glückseligkeit. Stichwort: Abgeh-Partymucke zur „Kernschmelze 2015“. Bis sie dann die Ramones und Twisted Sister covern und eine Zugabe nach der anderen raushauen. Siehe oben.

Spruch des Abends: „Ihr seid alles andere als Erdmännchen! Wieso sagt das eigentlich keiner bei Rock am Ring?“ (Donots-Sänger Ingo Knollmann zum Publikum)

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Foto-Galerie: Florian Forsbach

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